Bonnier traut sich und schafft die Folie ab

Hardcover ohne Plastik

Der 19. November wird Datum einer doppelten Premiere: "Muttertag" erscheint, der neue Krimi der Bestseller-Autorin Nele Neuhaus. Und ihr Verlag Ullstein verzichtet erstmals darauf, die Hardcover-Novität in Plastikfolie zu hüllen.

Der neue Neuhaus-Titel - ohne Folie, mit Klebeklammer

Der neue Neuhaus-Titel - ohne Folie, mit Klebeklammer © Ullstein

Statt der Plastikfolie wird es eine kleine Klebeklammer zwischen Vorder- und Rückseite des Buchdeckels geben – als Frischesiegel, das dem Kunden den Neuwert des Produkts anzeigen soll.

Christian Schumacher-Gebler

Christian Schumacher-Gebler © Peter von Felbert

Diskutiert wird die Frage, ob es nicht an der Zeit sei, Bücher mit steifem Einband uneingeschweißt auszuliefern und zu verkaufen, seit Jahren. Aber die Behauptung ökologischen Bewusstseins fällt der Branche bisher leichter als der Beweis. Nun geht der Chef einer der drei großen Buchverlagsgruppen hierzulande voran. Christian Schumacher-Gebler, CEO von Bonnier Media Deutschland, hatte die Idee zum unverpackten "Muttertag", der immerhin mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren an den Start gebracht wird. Schumacher-Gebler ist überzeugt, dass dem Beispiel viele folgen werden. "Ich verstehe es nicht, warum wir das in Deutschland immer noch machen mit der Folie. In wichtigen Auslandsmärkten, Großbritannien zum Beispiel und Skandinavien, funktioniert das Hardcover-Geschäft auch ohne Plastik." Im Taschenbuch funktioniert es ohnehin. Ohne Kundenklagen.

Peu à peu will Bonnier nun die plastikfreie Premiumstufe in der Verwertungskette Buch durchsetzen. Im Frühjahr 2019 sollen laut Schumacher-Gebler "möglichst viele Novitäten von Piper und Ullstein ohne Folie in den Markt gehen". Auch Carlsen solle perspektivisch folgen. Die Hamburger setzen bisher vor allem bei Büchern mit Schutzumschlag, die auf den Belletristik-Tischen landen, noch auf die Folie. Begrenzender Faktor bei der Umstellung sei aber nicht etwa mangelnde Entschlossenheit der Verlage, sondern die Kapazität in den Druckereien. "Das Aufbringen des Labels kostet Zeit, und vollautomatische Lösungen gibt es noch nicht", so der CEO im Gespräch mit boersenblatt.net.

Nele Neuhaus

Nele Neuhaus © Gaby Gerster

Seine Star-Autorin Nele Neuhaus ist von der Idee begeistert. "Ich freue mich, mit meinem Buch eine Art Vorreiter sein zu dürfen", sagt sie. Und appelliert an den Wettbewerb, dem guten Beispiel zu folgen. Ablehnung durch die Kunden fürchtet sie nicht. "Ich denke, dass sich die Leserinnen und Leser mit dieser Aktion identifizieren können und akzeptieren, wenn Hardcover demnächst genauso daherkommen wie Taschenbücher."

Die Vermutung, dass mit dem Folienverzicht auch eine Kosteneinsparung verbunden sein könnte, geht Schumacher-Gebler zufolge fehl. Die Klebeklammer, welche den Deckel zusammenhält, sei "teurer als die Schutzfolie. Wir investieren somit erst einmal in den Umweltschutz." Die Hoffnung des Bonnier-Geschäftsführers ist es allerdings, dass die Kundschaft den Sinn für den Wegfall der Folie irgendwann so "verinnerlicht haben wird, dass auch das Siegelband wegfallen kann. Das dauert aber bestimmt ein halbes Jahr, und bis dahin wird es für uns teurer."

Bleibt zu hoffen, dass die uneingeschweißte Ware ihren Weg auf den Paletten künftig ohne größere Transportspuren übersteht. Ein Kratzer auf dem Cover mindert zwar nicht die Wertigkeit eines guten Neuhaus-Krimis, aber bis zu dieser abstrakten Gelassenheit ist noch ein Stück Bewusstseinsarbeit zu leisten. Schätzungsweise nicht nur bei der Käuferschaft, sondern auch bei den Buchhändlerinnen und Buchhändlern, ohne deren Einverständnis und Engagement es die Öko-Geste Bonniers auf Dauer schwerhaben würde.

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6 Kommentar/e

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  • Philipp Biblio

    Philipp Biblio

    Wenn ich mich recht erinnere, gab es diesen Versuch bereits Mitte der 90er Jahre. Die Reduzierung von Plastikmüll ist natürlich zu begrüßen, wobei ich jedoch einen Unterschied zwischen der Folienverpackung einer Salatgurke für 99 Cent und einem gebundenen Buch für 22 € sehe. Der Buchhandel wünscht sich seit Jahren eine Anhebung der Verkaufspreise, aber ob sich unsere Kunden daran gewöhnen werden, ein möglicherweise nicht ganz makelloses Produkt für über 20 € zu bekommen? Ein erneuter Versuch ist es wert, wobei wir aus Umweltschutzgründen in letzter Konsequenz auf das Bedrucken von abertausenden Tonnen Papier verzichten und nur noch E-Books verkaufen sollten.

  • Patrick Musial

    Patrick Musial

    Was für eine wunderbare Nachricht! Und ein herzliches Dankeschön an Herrn Schumacher-Gebler für den Vorstoß. Chapeau!

  • Peer-Marten Scheller

    Peer-Marten Scheller

    Wie schön, dass die Großen von den Kleinen lernen: der Quickborn-Verlag hat bereits Anfang September dieses Jahres seine Hardcover-Neuerscheinungen ohne Folie ausgeliefert!

  • Klaus Kowalke

    Klaus Kowalke

    Eine sehr gute Nachricht! - Das "Frischelabel" ist m. E. nicht unbedingt notwendig. Notwendig wird allerdings ein sicherer Transportmodus in der Logistigkette. Stichworte "staubfeier Lagerplatz" (Palettenlagerung/Hochregal) und "Transportschutz" (Einzelexemplare in Bücherwannen). Kleine Qualitätsmängel am SU (siehe USA, England) sind hinnehmbar. Ich freue mich auf Bücher ohne Folie! Nebeneffekt, wenn das Frischelabel nicht wäre, könnte man endlich in jedes Buch, auch wenn nur Einzelexemplare in der Buchhandlung vorhanden wären, hineinblättern.

  • Ingeborg Gollwitzer

    Ingeborg Gollwitzer

    Ehrlich gesagt: Das "frische-Label an Büchern ist geradezu ein Witz! Und wird mit jedem Jahr - ja schon nach Wochen und Monaten ...
    "Books cannot die" ... schrieb mir mal ein englischer Grossist, der außer mit Büchern wohl hauptsächlich mit mehr oder weniger exotischen Tieren handelte.

    Ich weiß aber eines: Staub frisst Bücher auf! Transport und Gabelstapler sind ebenso gefräßig! Die so angefressenen Bücher denke ich mir mit "Frische-Label" geradezu - - ja, was würde wohl Valentin sagen, hätte er ein derart Label-Verziertes Buch mit Staub und Spinnweben angereichert in der Hand.

    Zudem wird der Versand von Büchern bemerkenswert laxer gehandhabt als früher.. Also hoffen wir auf die Unsterblichkeit von Literatur- und was die Kunden dann als "Frische" definieren. Fürchte, sie wollen dann lieber "ein ganz Neues" - etwas "eher "Richtiges" - soll ein Geschenk sein, sagen sie, nachdem sie zwar beim Daran-Riechen nichts mehr oder weniger Frisches selbst kontrollieren können (nachdem sie hinein geschaut haben).!

    Ich fürchte hier ist viel lobenswertes Engagement nicht unbedingt praktisch - und - Entschuldigung - irgendwie letztlich auch ein bissel komisch.Vor allem muss man "Frische-Label" dann wohl auch kartonweise bunkern - für jene Exemplare, die, eben mal aufgemacht - wieder "frisch-gemacht" werden müssen, damit sie "nicht welken? Oder an der Kasse: Bitte machen Sie mir das Buch frisch".

    Ich sehe da nicht besonders hoffnungsvoll in die Zukunft - aber wünsche dabei nur das Allerbeste

    Ingeborg Gollwitzer -

  • Scheller Boyens Buchhandlungen

    Scheller Boyens Buchhandlungen

    Endlich werden auch die Großen wach, unser dahingehender Wunsch ist also
    zumindenstens in München angekommen. Der kleine feine Quickborn Verlag aus Hamburg hat bereits Mitte September sein komplettes Hardcover Programm ohne Folie ausgeliefert, er ist mit gutem Beispiel vorangegangen, mögen viele weitere folgen.

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