Bookwire-Chef John Ruhrmann über digitale Deals

Das entfesselte Hörbuch

"Auch ein Verlag kann ein Netflix sein, wenn er die richtige Strategie hat", meint John Ruhrmann. Der Geschäftsführer und Co-Gründer des Digitalvertriebsdienstleisters Bookwire über die neue Art digitaler Deals.

John Ruhrmann

John Ruhrmann © Thomas Berberich Photography

"The trend is your friend" – wow. Ich wage es, mein Gastspiel mit einem einfachen Zitat von Uli Hoeneß zu beginnen. Doch eine der schöneren Phrasen vom Fußball­rasen trifft doch auch auf das zu, was wir am aktuellen Hype in der Publishingbranche ums Hörbuch verinnerlichen könnten: Das weltweite Wachstum der Hörbuchmärkte ist grundsätzlich und ganz selbstverständlich sehr positiv zu bewerten.

Im Juli dieses Jahres äußerte Markus Dohle, CEO der Penguin Random House Group, auf einem Branchentreffen in Barcelona, dass er davon ausgehe, dass in weniger als sieben Jahren mindestens 50 Prozent der Digitalumsätze seines Hauses aus dem Bereich Audiobooks kommen. Es gibt allen Grund anzunehmen, dass das schneller der Fall sein wird.

Der vielfach dokumentierte schöne Wunsch, mehr lesen zu wollen, passt nicht in die Währung der Menschen im gerade frisch angebrochenen digitalen Zeitalter: Zeit in Form von Aufmerksamkeit und Gelegenheit. Unsere mobilen Endgeräte, seien es Smartphones oder Tablets, oder auch die riesige Reichweite von Streaming-Plattformen, sind nur zwei weitere Phänomene, die den globalen Megatrend des Hörbuchs erklärbar machen. Auch der weltweite Anstieg des neuesten "family campfire", des Smart Speakers, powert die Verbreitungs- und Konsummöglichkeiten von gesprochenen Inhalten ins Allerheiligste, dem "zu Hause" der Menschen, enorm.

Das ist alles nichts Neues, das gab es, nur anders, schon immer. Seit der Steinzeit saßen "die Alten" am Feuer und erzählten ihre Geschichten. In der Gegenwart und Zukunft werden das digitale Helfer für uns erledigen. Marktumfragen sehen 100 Millionen Smart Speaker weltweit Ende 2018 – und Ende 2022 werden es wohl deutlich über 300 Millionen sein.

Schon auf der London Book Fair im Frühjahr berichteten Verlagsriesen hinter vorgehaltener Hand, dass man für jede Buchlizenz, die man zu erwerben gedenke, auch die Audio­rechte auswerten wolle. Aus meiner Sicht wird der Verlag damit nicht nur seiner Grundaufgabe als Rechteinhaber und Wirtschaftsunternehmen gerecht – Werke in allen Formen zu vervielfältigen und zu verbreiten –, sondern auch in seinem Service gegenüber den Hörern und Lesern.

Nicht nur die Plattformen und Händler, sondern auch die Verlage haben die Möglichkeiten, beispielsweise wie die Filmbranche zu denken, die ihre Produkte von Publikum zu Publikum reisen lässt. Jede Haltestelle des Produkts im weltweiten digitalen Contentmarkt kann zum richtigen Zeitpunkt erfolgreich als Vermarktungsetappe erreicht werden. Den Lebens­zyklus und die Entdeckungsmöglichkeit für die unterschiedlichen Zielgruppen kann man heutzutage kreativ auf Wachstum trimmen. Auch ein Verlag kann ein Netflix sein, wenn er die richtige Strategie hat.

Im Zuge all dessen wird der neue digitale Deal, den Urheber, Autoren, Agenten und Verleger mit Konsumenten und Verkäufern verhandeln werden, sich immer wieder verändern. Gute Inhalte und notwendige Qualität haben ihren Preis. Wachstum und Reichweite werden viel verändern und viele Probleme lösen, aber es zeigt sich an vielen Stellen ebenso, dass dabei der ewige Kampf um den für die eigene Seite als fair empfundenen Teil vom Kuchen niemals enden wird.

In einem wachsenden Markt, den man mit Programm, Strategie und Technologie erfassen kann, ist das aber eine leistbare Aufgabe, um die Zukunft erfolgreich zu gestalten.

Denn ein Trend bezeugt auch immer, dass alles einem Wandel unterliegen kann. Dieser wird heutzutage schneller und schneller. Deshalb ein Zitat auch zum Schluss meines Gastspiels: "Was man nicht versteht, besitzt man nicht." Mit Hoeneß begonnen mit Goethe geendet ...

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Digitalisierung der Publishingbranche erst begonnen hat.

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