Dankesrede zum Kurt Wolff Preises 2018

"Meine Tochter fragte: 'Bist du jetzt berühmt?'"

Ingo Držečnik hat auf der Leipziger Buchmesse den Kurt Wolff Preis 2018 für seinen Elfenbein Verlag erhalten. In seiner Dankesrede, die wir hier abdrucken, spricht er über die Freude, das willkommene Preisgeld und seinen Weg zum Verleger. "Gradmesser war nur die Ästhetik", so Držečnik.

Die Rede von Ingo Držečnik im Wortlaut:

"Sehr geehrter Herr Direktor Zille,
sehr verehrte Damen und Herren des Vorstands
und des Kuratoriums der Kurt-Wolff-Stiftung,
lieber Stefan Weidle,
verehrtes Publikum!

Ich danke Ihnen sehr! Die Ehre, die Sie mir hier erweisen, würde mich jetzt sicher sprachlos machen, hätten Sie mir nicht lange im Voraus die Gelegenheit gegeben, ein Manuskript für eine Dankesrede vorzubereiten, an das ich mich nun ein wenig klammern kann.

Ich bin über alle Maßen beglückt über diese Auszeichnung. Und ich muss gestehen, dass ich durchaus von ihr schon geträumt habe, zu Zeiten, in denen für Elfenbein manches, vor allem: das Finanzielle, deutlich schwieriger war als heute. Aber erwartet habe ich sie zu keinem Zeitpunkt. Es gibt ja doch zu viele Verlage, die diesen Preis verdient hätten, als dass man mit ihm irgendwie rechnen könnte — es existiert nicht einmal ein Bewerbungsverfahren.

Den Moment, als mir Britta Jürgs an einem Freitag Ende November, kurz vor dem Sprung ins Wochenende, am Telefon die Entscheidung des Kuratoriums überbrachte, werde ich nicht so schnell vergessen. Denn ich blickte, wie ich da an meinem Schreibtisch saß, gerade von der Lektüre des 11. Bandes aus Anthony Powells 'Tanz'-Zyklus auf, der den Titel trägt: 'Temporary Kings' — 'Könige auf Zeit'. Ich möchte nicht behaupten, dass sich mir in jener Sekunde der tiefere Sinn und alle dunklen
Anspielungen, die in diesem Titel liegen, erschlossen — der Mythos von den Königen Kandaules und Gyges zum Beispiel — nein, zum Glück nicht. Ich sah nur die Krone ... Und jenes Wochenende war entsprechend von besonders großer Freude geprägt — meine Tochter fragte sofort: 'Bist du jetzt berühmt?', und mein Sohn: "Gibst du mir was davon ab, oder steckst du wieder alles in 'neue Projekte'?"

Es ist viel Geld, das Sie mir heute schenken, und es kommt in einer Situation, in der ich Ihnen glücklicherweise sagen kann: Es wird nicht sofort in einem schwarzen Loch verschwinden oder auf dem heißen Stein verglühen, oder welche Metapher auch immer dann passt, wenn eigentlich gesagt werden soll, es sei praktisch nichts. Nein, es ist sehr viel Geld und eine sehr großzügige Tat, die einer kleinen Unternehmung sehr viele Freiheiten verschaffen kann — wenn sie nicht in Verbindlichkeiten zu ertrinken droht. Aber — das wissen Sie nicht — ich hatte im letzten Jahr nur 2 Euro 67 oder so an die VG Wort zurückzahlen müssen. Ich bin in zwei Jahrzehnten halt nie auf die Idee gekommen, einen Verwertungsvertrag abzuschließen. Hier hatte sich mein Versäumnis bereits in ein kleines Glück gekehrt.

Ich weiß, dass es vielen Kolleginnen und Kollegen in dieser Angelegenheit ganz anders ergangen ist, und bin deshalb sehr froh, dass die meisten von ihnen trotzdem weitermachen können — und hoffe sehr, dass sie die empfindlichen Einschnitte über die nächsten Jahre immer weniger spüren werden.

Der Kurt-Wolff-Preis macht mich aber auch verlegen: zunächst in Anbetracht der erwähnten anderen preiswürdigen unabhängigen Verlage meiner Kolleginnen und Kollegen, von denen einige hier sitzen, und die alle leer ausgehen. Schade, dass immer nur zwei aus unseren Reihen pro anno honoriert werden können — und immer nur einer sich dann ein bisschen wie Kurt Wolff fühlen darf, als er vor 110 und mehr Jahren hier in Leipzig mit seinem Verlag begann und sich ums Geld — eine gewisse Zeit zumindest — keine Sorgen zu machen brauchte.

Aber reden wir nicht mehr von Geld.

Dass der Preis nach einem der bedeutenden deutschen Verleger des frühen 20. Jahrhunderts benannt ist — und Sie also meine verlegerische Tätigkeit in gewisser Hinsicht, irgendwie, mit der Kurt Wolffs vergleichen wollen —, muss mich allerdings schon ein wenig beschämen. Denn Sie schmücken meinen Verlag mit dem Namen eines großen und selbstlosen Förderers einer ganzen Generation von Autoren, ohne die die moderne deutsche Literatur nicht denkbar wäre.

Zudem klingt in seinem Namen auch immer der 'Gentleman-Verleger' mit, den Karl Kraus in Kurt Wolff sah, und natürlich der 'Seismograph', die — nach Kurt Wolffs eigener Vorstellung — zentrale Funktion eines Verlegers. — Was aber habe ich bisher anderes unternommen, als aus ganz eigensinnigen, egoistischen, mancher wird vielleicht auch sagen: narzisstischen, Motiven heraus Bücher zu machen? Was ist das Verlegen von Büchern für mich überhaupt je anderes gewesen, als ein wenig Geld in die Hand zu
nehmen und den Manuskripten, die ich persönlich schätze, eine halbwegs akzeptable äußere Form zu geben? Wie vieles habe ich dagegen nur ein wenig angelesen und — mit wiederholten Höflichkeitsfloskeln versehen — mir vom Schreibtisch geschafft? Wie viele Autoren erhoffen sich doch immer wieder die entscheidende Antwort, die sie aber nie bekommen? Wie viele Enttäuschungen habe ich also schon erzeugt, und wie viele werde ich noch erzeugen? Das, was ich als Verleger tue, kann — aus der Perspektive der abgelehnten, übergangenen, missachteten Autoren — doch als ganz schön egoistisch erscheinen.

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, ich muss Ihnen wohl nicht erklären, dass ich — wie schon bei manch anderem Preisträger vermutet — nicht mit Kurt Wolff verwandt bin. Ich entstamme auch keiner Buchhändlerfamilie oder gar Verlegerdynastie. Und da Sie jetzt auch wissen, wie ich heiße — oder sagen wir: wie man mich nennt —, wird Ihnen sofort deutlich, warum mein Verlag einen — für hiesige Zungen — geschmeidigeren Namen erhalten musste.

Der Elfenbein Verlag ist weder traditionsreiches Haus noch Ergebnis eines geradlinig vorbereiteten Weges. Es gab vor seiner Gründung kein Konzept, keinen Publikationsplan — und bis zum heutigen Tage ist mir der oft formulierte Anspruch an den Verleger, sich berufen zu fühlen oder einen Auftrag zu erfüllen, eher fremd geblieben. Ich mache das doch vor allem, weil es mir Freude bereitet — und wenn es dabei auch anderen gefällt, natürlich umso lieber.

Danke, dass Sie Elfenbein trotzdem auszeichnen.

Mein Verlag wurde tatsächlich gegründet, um einem Autor ein Buch zu schenken. Und dann kam noch ein Buch und noch eines, und so wuchs Elfenbeins Bibliothek, aber ein inhaltliches Konzept stand trotzdem nicht dahinter — zeitweise gab es vielleicht einmal die Strategie, eine bisher weniger beachtete, kleinere der europäischen Literaturen zu fokussieren, aber auch das wurde nie etwas eine 'Überzeugung' Betreffendes, Politisches. Gradmesser war nur die Ästhetik, und da der alte, weil viel zitierte Ausspruch, ja gelten muss: 'De gustibus et coloribus non est disputandum' — 'Über Geschmäcker und Farben ist nicht zu streiten', möchte ich beruhigt und erneut Anthony Powell zitieren: 'Books Do Furnish a Room' — 'Bücher schmücken ein Zimmer'. War das nicht eher mein Leitmotiv?

Elfenbein ist aber — Sie haben das ja schon erfahren — nicht nur meiner Idee entsprungen. Als ich nämlich um 1994 an der Verlegerei Interesse fand, stand ich nicht allein, und — um die ganze Wahrheit zu sagen — die Initialzündung gab mir mein Kommilitone und lieber Freund Roman Pliske. Er war es, der mich fragte, ob ich mit ihm gemeinsam eine Zeitschrift machen wolle, die 'metamorphosen' — aus welcher unser gemeinsames Verlagsprojekt dann entstand, und das wir immerhin fast zehn Jahre gemeinsam gestalteten.

Ich möchte also auch dir danken, lieber Roman, dass du mich damals gefragt hast. Wer weiß, ob ich sonst überhaupt jemals Verleger geworden wäre? Ob ich ohne dich jetzt hier stünde? Und ich danke dir auch dafür, dass du mir das Steuerrad unseres Elfenbein-Schiffes überlassen hast, aber weiterhin verfolgst und sogar gutheißt, wohin ich mit ihm fahre.

Natürlich wussten wir Mitte der neunziger Jahre nicht, auf welche Meere es uns verschlagen könnte. Wir waren jung, etwa in der Mitte unseres Studiums, kaum richtig vom Elternhaus abgenabelt, ohne Furcht vor und überhaupt Vorstellung von der Zukunft — und ohne irgendeine vernünftige Ahnung vom Geschäft. Von Kurt Wolffs Verlag hatten wir vermutlich schon gehört, denn Antiquariate waren doch eher unsere bevorzugten Aufenthaltsorte, nicht unbedingt das akademische Seminar, der Elfenbeinturm, aus dem wir herauszutreten wünschten — wenngleich uns im Verlaufe der Jahre immer deutlicher wurde, dass unseren Büchern eine durchaus etwas elfenbeinturmartige Aura anhaftet.

Aber als Verlegerpersönlichkeit war Kurt Wolff uns doch kein wirklicher Begriff — zumindest nicht mir. Uns interessierten die Autoren und vor allem ihre Texte. Kurt Wolffs Reihe 'Der jüngste Tag' allerdings beeindruckte uns schon: und der Paukenschlag in diesem Titel ganz besonders, das wollten wir auch! So erschien unser erstes Buch gleich in einer Reihe, für die es noch keinerlei Folgeprojekte gab, mit dem
Titel: 'Lyrik der Jahrtausendwende'. — Sie erkennen wieder diese Selbstsucht, diese jugendliche Hybris — die Reihe ist natürlich längst abgeschlossen, keine Sorge.

Eine Verlegerpersönlichkeit, die wir aber tatsächlich kannten, war Frank Würker. Der Verleger des Heidelberger Manutius Verlages war es nämlich, mit dem wir zu Beginn in beinahe täglichem Kontakt standen. Er führte uns in die Geheimnisse von Börsenverein, Buchhändler-Abrechnungs-Gesellschaft, Rabatt, Partiestück, Skonto und à commission ein. Er riet uns zur Messebeteiligung, er war natürlich unser erster Standnachbar, er lotste Journalisten der Frankfurter Allgemeinen und Süddeutschen Zeitung in unsere Verlagsnische.

Danke, Frank Würker! Wer weiß, ob Elfenbein ohne deinen Rat überhaupt über das erste Buch hinausgekommen wäre. Wir haben also ohne Buchhändlerlehre, ohne wirtschaftswissenschaftliche Grundkenntnisse begonnen, wir waren Germanisten und Historiker — deshalb mussten wir wohl auch viel Lehrgeld zahlen, es war ein langes learning by doing, das uns neben vielen Glücksmomenten auch einige Tiefschläge bescherte: Ich erwähne nur den verunglückten Schutzumschlag unseres ersten Buchs: Er trug nachtblaue Schrift auf tiefschwarzem Grund. — Oder unser erster Achtungserfolg etwa zwei Jahre später: die Rezension eines Romans in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: ein Verriss.

Zum Glück aber standen uns bei all dem unsere Autorinnen und Autoren, unsere Freundinnen und Freunde bei, ermutigten uns und halfen. — Ich kann euch nicht alle namentlich erwähnen, bitte verzeiht, aber wisst, dass ohne euch und ohne eure schönen Bücher Elfenbein hier natürlich nicht geehrt werden könnte. Habt Dank, dass ihr mir die Treue gehalten habt.

Drei der engsten Freunde, die mich zu jeder Messe begleiten, an vielen Projekten wesentlichen Anteil hatten und haben werden, praktisch alles verfolgen — durch Rat, Lektorat, Übersetzung, Buchgestaltung, Freundschaft —, seien aber doch genannt: Danke, Sabine Franke, Oda Ruthe und Rafael Arnold. Und nicht zuletzt danke ich meiner Frau und meinen Kindern, dass sie das alles nicht nur aushalten, was ich ihnen mit meiner Tätigkeit zumute, sondern dass sie mich gelegentlich auch ein wenig bremsen.

Kurt Wolff soll einmal mehr oder weniger rhetorisch gefragt haben, wer denn 'noch übermorgen danach [frage], wer der Verleger von Kafka oder Trakl war'. Manche Interpreten legten ihm dies als Koketterie aus — schließlich hatte er diese Autoren ja entdeckt. Andere wollten darin die Resignation des Verlegers im fortgeschrittenen Alter sehen — es ist ja durchaus so, dass solche Tatsachen in Vergessenheit geraten können. Ich möchte den Satz Kurt Wolffs aber gerne wortwörtlich verstehen, da ich davon überzeugt bin, dass der Verleger sich um die Einschätzung seiner Handlungen nicht bekümmern muss. Wenn seine Autoren bekannt werden und bleiben, ist doch das Wichtigste geschafft: auch anderen gefallen sie, ganz gleich, welcher Verleger mit ihnen ihre Bücher gemacht hat. Denn darum geht es uns Verlegern doch stets: die Bücher zu machen, die uns gefallen, ganz gleich, ob andere Verleger sie auch gemacht hätten, und gleichgültig, auf welcher Grundlage die Entscheidung, sie zu machen, gefällt wurde —
denn 'non omnibus unum est quod placet' — 'nichts gibt es, das allen gefällt'.

Es geht uns — Autorinnen, Übersetzern, Herausgeberinnen, Lektoren, Verlegerinnen, Buchhändlern, Leserinnen, Kritikern — immer wieder und einzig um Eines: 'Es geht um das Buch.'
Vielen Dank."

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