Die Sonntagsfrage

"Was bringt Künstliche Intelligenz dem Buchhandel, Frau Scholz?"

Mehr Kundennähe, mehr verkaufte Bücher, mehr Profit – das alles soll Künstliche Intelligenz (KI) dem Handel bescheren. Heike Scholz, Gründerin des Onlinemagazins "mobile zeitgeist" und Beraterin für Digitalisierung im stationären Handel, referierte dazu bei den Buchtagen im Juni in Berlin. Was KI ganz speziell für den Buchhandel bringen kann, beantwortet sie in der Sonntagsfrage.

Heike Scholz

Heike Scholz © Malte Klauck

Der Begriff der künstlichen Intelligenz ist leider nicht eindeutig abgrenzbar, da sich die "Intelligenz" schon einer eindeutigen Definition entzieht. Meist sprechen wir heute, wenn wir KI sagen von der sogenannten schwachen KI. Die schwache KI umgibt uns schon heute in Form von Algorithmen, die menschenähnliches Verhalten nachbilden. Diese KI-Systeme nehmen uns Menschen komplexe Rechenaufgaben ab und übernehmen verschiedene repetitive Tätigkeiten, wie z.B. die automatische Textgenerierung.

Der Handel gehört zu den Branchen, die für den Einsatz von KI geradezu prädestiniert sind. Die Nähe zum Konsumenten und die damit bereits vorliegenden Daten bieten dem Handel breite Einsatzfelder und viele Händler setzen KI bereits seit einiger Zeit erfolgreich ein. So verarbeitet z.B. der britische Lebensmittelhändler Tesco über 350 Millionen Kundendaten jeden Tag. KI findet sich heute bei Bestell- und Bezahlvorgängen, dynamischen Preisanpassungen, Promotions, Sortimentierungen, Loyalty Programmen, Sprachassistenten und in noch vielen weiteren Einsatzgebieten. Die Durchdringung des Handels ist zurzeit in vollem Gang, aber noch lange nicht abgeschlossen.

Dabei ist KI keineswegs nur für den Online-Handel interessant. KI lässt sich immer dort einsetzen, wo Daten entstehen. Dies erscheint im Online-Handel einfacher, weil der Kunde sich bereits im digitalen Raum bewegt und dort - gewollt oder ungewollt - eine Vielzahl von Daten über sich hinterlässt. Der stationäre Handel muss hier eine Hürde mehr überwinden und im Kontakt zum Kunden die Daten aus der analogen in die digitale Welt transportieren, um sie dort mit anderen Daten zu verknüpfen und KI nutzen zu können. So ist es ganz wunderbar, wenn eine Buchhändlerin ihre Kunden und deren Wünsche gut kennt, doch so lang diese Daten nur in ihrem Kopf sind, entziehen sie sich einer digitalen Auswertung und die Vorteile, die KI z.B. für die Sortimentierung oder ein Kundenbindungsprogramm bringen würde, bleiben ungenutzt. 

Für Buchhändler und Verleger gibt es eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten für KI, die je nach den eigenen Zielsetzungen und Ressourcen überprüft werden sollten. Von der Strukturierung und Auswertung der in unterschiedlichen Silos schlummernder Datenbestände, der Automatisierung von Bestellprozessen, über die automatische Textgenerierung, die Vorsortierung von Manuskripten für das Lektorat bis hin zu Einkaufshelfern und virtuellen Beratern für die Kunden oder Logistiklösungen reicht die Bandbreite. Profitieren tun immer die, die diese Chancen effizient nutzen.

Da KI sich durch alle Unternehmensprozesse und auch unsere Leben zieht oder sehr bald dort auftauchen wird, solle sich jeder Mensch mit KI beschäftigen. Ebenso benötigen wir einen gesellschaftlichen Diskurs über die Chancen durch KI, aber auch die Risiken, die unweigerlich mit künstlicher Intelligenz einhergehen. Die Veränderungen, die Unternehmen und Menschen in den kommenden Jahren durch KI erleben werden, sind so groß, dass niemand vor diesem Thema die Augen verschließen sollte.

Mein Rat an die Buchbranche? Wenn Sie sich noch nicht mit KI beschäftigt haben, fangen Sie schnellstens damit an, damit Sie sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil sichern. Starten Sie mit kleineren Projekten, lernen Sie und erweitern die Einsatzgebiete sukzessive. So wie Startups es machen: Try early, try often!

Mehr zum Thema:

Heike Scholz auf den Buchtagen Berlin 2018

Dossier Buchtage Berlin

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