Digitales Lesen in der DNB

Ein grotesker Streit

Seit gut zwei Monaten werden in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) statt gedruckter vorrangig digitale Bücher bereitgestellt – sofern vorhanden. Dagegen hat Feuilleton-Redakteur Thomas Thiel in der FAZ saftig polemisiert. Auf der future!publish trafen die Kontrahenten aufeinander.

Was genau ist geschehen? Am 7. November 2016 hat die DNB ihre Benutzungsordnung wie folgt geändert: »Ist die Ausgabe eines Werkes sowohl elektronisch (digital) als auch gedruckt vorhanden, wird aus Bestandsschutzgründen vorrangig die digitale Ausgabe … bereitgestellt. Bereitstellungsfristen entfallen.« Dieser Beschluss hat den DNB Power-User Thomas Thiel so erbost, dass er am 30. November in der FAZ eine harsche Polemik veröffentlichte.

»Bibliothekare, die keine Bibliothekare mehr sein wollen«

In einzelnen gibt Thomas Thiel folgendes zu bedenken: Das ökonomische Argument der »Bestandsschutzsicherung« sei schon deshalb kritisch zu hinterfragen, weil »die horrenden Strom- und Infrastrukturkosten elektronischer Medien grundsätzlich ignoriert« würden. So habe das Schweizerische Bundesarchiv in Bern errechnet, dass »die digitale Konservierung eines Meters Archivmaterial neunmal teurer ist als dessen analoge Konservierung.« Weiter sei die Haltbarkeit digitaler Medien unsicher oder jedenfalls sehr aufwändig. Überdies bleiben die Daten auf den Servern der anbietenden Verlage, könnten also von denen jederzeit gelöscht werden oder im Falle einer Insolvenz für immer verschwinden. Es sei auch nicht auszuschließen, dass einzelne Anbieter die Nutzungsdaten der Leser tracken, deren Leseverhalten also ausspionieren. Ferner würde weder die Mehrzahl der Nutzer als offenbar auch die der MitarbeiterInnen der DNB diesen Beschluss mittragen. Und überhaupt sei die intensive Lektüre eines gedruckten Buch nicht zu vergleichen mit dem flüchtigen Wischen im Digitalen. Den »Mann ohne Eigenschaften« von Robert Musil könne man sowieso nur in gedruckter Form lesen. Die vorrangig digitale Bereitstellung von Büchern komme einer Selbstaufgabe des traditionellen Selbstverständnisses einer Bibliothek gleich.

Auf der future!publish traf Thomas Thiel nun am vergangenen Freitag in einem Streitgespräch auf Ute Schwens, die stellvertretende Generaldirektorin der DNB – und trug seine Argumente noch einmal mündlich vor.

Was ist die DNB im Kern?

Ute Schwens verwies in ihrer Replik auf die Aufgabenstellung der DNB als Archiv aller in Deutschland veröffentlichten Werke, zu deren kostenloser Bereitstellung alle Verlage und sonstigen Herausgeber gesetzlich verpflichtet sind. Eine Ausleihe dieser Werke ist ausgeschlossen. Die über 30 Millionnen Medieneinheiten können nur in der Bibliothek selbst eingesehen werden. Die durch den notwendigen Neuerwerb ausleihbedingt beschädigter Bücher entstehenden Kosten und die Personalkosten bei der Aushändigung gedruckter Bücher seien nicht unbeträchtlich – die finanziellen Einsparungen durch die Bereitstellung digitaler Werke also beträchtlich. Sie bestätigte ferner die Feststellung einer Zuhörerin, dass die Verlage der DNB ein Original-File zur Verfügung stellen müssen, das auf den Servern der Bibliothek liege, so dass weder ein Tracking der Lesenutzung stattfinde noch im Falle einer Firmeninsolvenz die Daten verloren gingen. Insofern gingen die meisten Argumente von Thomas Thiel ins Leere. Und ob sich das digitale vom analogen Lesen wirklich so stark unterscheide – darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein.

Ein grotesker Streit

In einer Zeit, in der sich fast der gesamte globale wissenschaftliche Diskurs digital vollzieht, in der immer mehr Menschen auch belletristische Werke, Sach- und Kinderbücher, Hobby- und Freizeitliteratur digital lesen, mutet der von Thomas Thiel vom Zaun gebrochene Streit über die Bereitstellungspraxis der DNB anachronistisch an. Allerdings kann man auch das inzwischen eingeleitete Zurückrudern der DNB in dieser Frage kaum nachvollziehen. So ist man aufgrund der Proteste von einigen NutzerInnen dazu übergegangen, wieder gedruckte Bücher auszuhändigen. Man muss dazu allerdings die gewünschten Bücher per Mail bestellen. Wozu diese technisch völlig unnötige Hürde zu Lasten der Nutzungsfreundlichkeit?

Hätte die DNB ihren Beschluss im Vorfeld mit den eigenen MitarbeiterInnen, den NutzerInnen und der Öffentlichkeit intensiv und ergebnisoffen diskutiert, es wäre wohl möglich gewesen, den nun Wellen schlagenden überflüssigen Streit zu vermeiden oder wenigstens einzugrenzen.

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16 Kommentar/e

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  • Lukas Bormann

    Lukas Bormann

    Offensichtlich hat der Autor wenig Erfahrungen mit der Deutschen Nationalbibliothek. Die dort bereitgestellten Digitalisate müssen an fest installierten desktop-Bildschirmen gelesen werden. Weder notebook noch Tablett sind zur Nutzung zu gelassen. Ein Buch unter diesen Bedingungen wissenschafltich durchzuarbeiten, literarisch zu genießen oder auch nur sorgfältig zu lesen, ist eine Qual für die Augen, den Rücken, die gesamte Körperhaltung. Diejenigen, die das dennoch gerne machen, können es ja. Der Protest richtet sich gegen den Bildschirmzwang. Da hat Thiel vollkommen recht und der Streit ist alles andere als "grotesk".

  • Detlef Bluhm

    Detlef Bluhm

    Ich habe in der Tat keine persönlichen Erfahrungen mit der Buchlektüre in der Deutschen Nationalbibliothek. Allerdings hat sich die Kritik von Thomas Thiel weder in seinem FAZ-Artikel noch in seinen Statements bei der future!publish auf den »Bildschirmzwang« (also ein bestimmtes Lesegerät) fokussiert, sondern hauprsächlich auf die Tatsache der vorrangig digitalen Bereitstellung. Insofern bleibt der Streit für mich grotesk. Ob das Lesen digitaler Bücher leichter oder mühsamer auf Smartphones, Tablets, Notebooks oder fest installierten Rechnern fällt – das muss wohl jeder für sich selbst herausfinden.

  • Franz-Ulrich Jestädt

    Franz-Ulrich Jestädt

    So ist das also: Da ohnehin (angeblich) alle wissenschaftliche Dispute digitalisiert ablaufen, ohnehin die meisten Leser (tatsächlich?) ihre Bücher als Digitalisat 'genießen', darf man den 'Rückfall' in analoge Welten überhaupt nicht mehr andenken!? Somit dürfen auch die Anstalten der DNB, aufgrund guter (aber offenkundig nicht recht zulässiger?) Argumente 'zurückzurudern', weidlich geschmäht werden...

  • Detlef Bluhm

    Detlef Bluhm

    Dass der wissenschaftliche Diskurs weltweit ganz überwiegend digital geführt wird belegen schon die Umsatzzahlen der großen Wissenschaftsverlage, deren digitaler Anteil teils erheblich über dem gedruckter Bücher liegt. Was evident ist, sollte man auch nicht bestreiten. Dass »die meisten Leser ihre Bücher als Digitalisat geniessen« habe ich überhaupt nicht geschrieben – diese Aussage wäre auch falsch und durch keine Zahlen belegbar. Und dass die DNB ihren Beschluss nicht mit allen Beteiligten sorgfältig diskutiert hat, liegt für mich auf der Hand. Mein Hinweis darauf hat (für mich jedenfalls) nichts mit »Schmähung« zu tun.

  • Erich Meier

    Erich Meier

    Von wem wurde diese Diskussion auf dem Podium eigentlich moderiert?

  • Detlef Bluhm

    Detlef Bluhm

    Von mir. Sorry, ich dachte das wäre klar.

  • Erich Meier

    Erich Meier

    Und sehen Sie keine (ethischen) Konflikte, hier dann noch einen (teilweise polemisch gefärbten) Kommentar nachzuschieben?

  • Detlef Bluhm

    Detlef Bluhm

    Ich habe während der Podiumsdiskussion beide Standpunkte gleichberechtigt und ausgewogen zu Wort kommen lassen – das genau war ja die Absicht der Veranstaltung auf der future!publish. Und ich habe als Moderator meine persönliche Sicht dieses Konfliktes außen vor gelassen, so wie es sich für eine faire Moderation gehört. Dennoch habe ich mir in diesem Dissenz eine eigene Meinung gebildet, und diese auf bookbytes auch vertreten. Ich sehe hierin für mich keinen Konflikt. Habe aber offene Ohren, wenn Sie das anders sehen.

  • Thomas Thiel, FAZ

    Thomas Thiel, FAZ

    Es ist befremdlich, das Detlef Bluhm in seinem Blog-Kommentar allein auf meinen Zeitungsartikel verweist, als hätten sich meine Ausführungen in Berlin davon nicht unterschieden. Mein zentraler Einwand gegen das Bestandsschutzargument der DNB-Leitung waren in Berlin nicht, wie Herr Bluhm anführt, Speicherkosten und Überwachungsgefahr - darüber sprach ich in einem anderen Punkt. Vielmehr wies ich darauf hin, dass die DNB den Bestandsschutzauftrag schon seit Langem hat, und dass eine Abkehr von ihrer bisherigen Ausleihepraxis zu einem Zeitpunkt fragwürdig sei, an dem andere Bibliotheken Bücherbestände in großem Stil vernichten.

    Zudem stellte ich die Frage, ob die DNB, wenn sie die Ausleihe von Büchern plötzlich nicht mehr zu ihren Aufgaben rechne, ihren Auftrag zuvor jahrzehntelang missverstanden habe. Nein, lautete mein Argument, denn laut Satzung habe die DNB nicht nur die Pflicht, Bücher aufzubewahren, sondern diese auch für die öffentliche Nutzung zur Verfügung zu stellen. Eine Differenzierung zwischen Digital- und Printmedien treffe die Satzung dabei nicht.

    Mein drittes Argument war, dass die überschaubaren Instandhaltungskosten der Bücher keine Grundlage für die weitreichende Entscheidung der Bibliothek böten, die Bücher wegzusperren oder zumindest den Zugang zu ihnen zu erschweren. Ein Bibliotheksmitarbeiterin nannte mir die Summe von sechzigtausend Euro pro Jahr für die Restauration von Büchern. Frau Schwens widersprach dem nicht, meinte aber, dass die infrastrukturellen Kosten für die Bestandserhaltung höher lägen. Eine genaue Zahl konnte sie nicht nennen. Aber selbst die von ihr in den Raum gestellte Summe von 1,5 Millionen Euro im Jahr sind angesichts des Bibliotheksetats von 50 Millionen Euro aus meiner Sicht kein Grund, Bücher nicht mehr auszuhändigen.

    Die von Detlef Bluhm für irrelevant erklärten Speicherkosten, auf die ich im zweiten Punkt meiner Ausführungen einging, sind aus meiner Sicht nicht mit dem Hinweis erledigt, dass die Verlage der DNB elektronische Skripte in Originalversion vorlegen. Auch diese Skripte sind dem Medienwandel unterworfen, müssen im Lauf der Zeit in neue Medienumgebungen übertragen werden und in einer kostenintensiven Infrastruktur gespeichert werden.

    Ich habe auch nicht die Ansicht vertreten, dass Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ nur gedruckt gelesen werden könne, sondern den gleichberechtigten Zugang zu Print- und Digitaledition gefordert. Ich wies dabei auf die jüngst erschienene Musil-Doppeledition hin, deren Herausgeber, lange ein Vertreter der e-only-Politik, zu der Ansicht gekommen ist, dass das Werk in beiden Versionen vorliegen müsse. Meine These war, dass sich die Lektüre von Büchern für das vertiefte Lesen besonders eignet, eine Deutung, der sich die DNB anschloss, als sie „vertiefte Lektüre“ als Begründung für die weitere Ausgabe von Büchern anerkannte.

    Die technokratische Haltung der DNB-Leitung, so mein weiteres Argument in Berlin, zeige sich auch daran, dass der Leiter der Leipziger DNB, Michael Fernau, die Vorzüge digitaler Lektüre in einem Radiointerview auf detektor.fm ausgerechnet am Beispiel von Telefonbücher erklärte. Ich meinte daraufhin, ich hätte noch nie ein Telefonbuch in der DNB gelesen, noch hätte ich andere Besucher je ein Telefonbuch lesen sehen. Bei Telefonbüchern bietet die digitale Lektüre zweifellos enorme Vorteile, bei Werken, die über eine stringente Konzeption verfügen und in denen sich die Bedeutung von Wörtern, Sätzen und Absätzen erst aus dem Kontext des einzelnen Kapitels oder des gesamtes Buches erschließt, dagegen weniger.

    Herrn Blums Behauptung, dass meine Argumente ins Leere stießen, mag seine persönliche Ansicht sein. Er hätte sich dabei aber zumindest auf meine in Berlin geäußerten Argumente beziehen müssen, die sich, gerade was den Bestandsschutz betrifft, von dem Inhalt meines Zeitungsartikels unterschieden. Es sollte auch erwähnt werden, dass sich der Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek Ulrich Johannes Schneider meiner Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen des Lesens und ihren jeweiligen idealen Trägermedien auf der Veranstaltung explizit angeschlossen hat.

    Zuletzt stellt sich die Frage, warum Detlef Bluhm ein Streitgespräch zu einer Debatte anstieß, die er für überholt und „grotesk“ hält, und warum er in seiner Anmoderation auf die große aktuelle Brisanz des Themas verwies. Sein Blog-Kommentar hinterlässt den Eindruck, als hätten ihn meine Ausführungen, denen er offensichtlich nur mit halben Ohr zugehört hat, schlicht nicht interessiert. In sein Urteil, das er offensichtlich schon vor der Veranstaltung gefällt hat, sind sie jedenfalls nicht eingeflossen.

    Ich halte die in Berlin geführte Debatte nicht wie Herr Bluhm für „grotesk und überflüssig“, sondern für richtungsweisend, was Funktion und Gestalt von Bibliotheken, aber auch, was die Existenzbedingungen der Verlagsbranche betrifft. Wenn Bibliotheken dazu übergehen, den Besuchern elektronische Skripte von Büchern auf den eigenen Laptops anzubieten, ist es meines Erachtens nur eine Frage der Zeit, bis der Ruf nach einer Veränderung des Urheberrechts laut wird. Welchem Besucher sollte einleuchten, dass ihm Texte, die er gerade noch auf seinem Laptop gelesen hat, nicht mehr zur Verfügung stehen, sobald die Bibliothek verlässt?

    Bezeichnend ist hier die Äußerung der Leipziger Leiterin der Arbeitsstelle für Standardisierung, Renate Gömpel, die in dem Interview auf detektor.fm eine neue Software ankündigte, die Texte beim Verlassen der Bibliothek automatisch löschen soll. Diese theoretisch denkbare Software ist nicht nur höchst aufwendig, sie öffnet auch weitere Sicherheitslücken. Wahrscheinlicher wäre aus meiner Sicht, dass ein ortsunabhängiger Textzugang über den Abbau von Urheberrechtsschranken geschaffen würde, was, wie der Leipziger DNB-Direktor Michael Fernau selbst in dem Interview anmerkt, die Möglichkeit zur kostendeckenden Produktion von Büchern gefährden würde.

  • Detlef Bluhm

    Detlef Bluhm

    Ich antworte hier gern auf einige Aspekte des Kommentars von Thomas Thiel.
    Seinen Einwand, »dass die DNB den Bestandsschutzauftrag schon seit Langem hat, und dass eine Abkehr von ihrer bisherigen Ausleihepraxis zu einem Zeitpunkt fragwürdig sei, an dem andere Bibliotheken Bücherbestände in großem Stil vernichten« konnte und kann ich auch jetzt noch nicht nachvollziehen. Was hat die Abkehr von der bisherigen Ausleihpraxis der DNB mit der Vernichtung von Bücherbeständen anderer Bibliotheken zu tun? Und welche Bibliotheken »vernichten« überhaupt Bücherbestände »in großem Stil«? Und aus welchem Grund sollten sie das tun? Mir ist lediglich bekannt, dass beispielsweise die Öffentlichen Bibliotheken sich von Zeit zu Zeit von Büchern trennen, die entweder nicht mehr ausleihfähig sind, nicht mehr aktuell oder deren Ausleihzahlen sich über einen längeren Zeitraum im Null-Bereich bewegen. Zumeist wird in diesem Fall auf die räumlichen Kapazitäten verwiesen. Aber ich lasse mich hier gern eines Besseren belehren.
    Zum zweiten Absatz des Kommentars von Thomas Thiel: Vor Jahrzehnten gab es noch keine digitalen Bücher. Insofern konnten nur gedruckte Exemplare ausgegeben werden. Erst in jüngster Zeit werden fast alle Bücher auch als digitale Version ausgeliefert. Dass die DNB aufgrund dieser Veränderung der Buchproduktion und Buchrezeption ihre Ausgabepraxis neu überdacht und geändert hat kann man selbstverständlich kritisieren. Aber die DNB erfüllt ja ihren Auftrag der Bereitstellung aller vorhandenen Medieneinheiten nach wie vor. Sie hat nur beschlossen, dazu vorrangig Digitalisate zur Verfügung zu stellen.
    Ferner habe ich in meinem Artikel mit keinem Wort die Speicherkosten digitaler Medien für »irrelevant« erklärt sondern lediglich die Antwort von Frau Schwens auf das diesbezügliche Argument von Thomas Thiel referiert. Sie hatte darauf hingewiesen, dass den unbestritten existierenden digitalen Speicherkosten durch die Ausgabe digitaler Bücher entsprechende Einsparungen im Erwerbungsetat und bei den Personalkosten gegenüberstünden. Welches Saldo sich daraus ergibt, entzieht sich meiner Kenntnis und war auch kein Thema in der Diskussion.
    Zum vorletzten Absatz des Kommentars von Thomas Thiel: Der Ruf nach einer Veränderung des Urheberrechts (im Sinne einer Deregulierung zugunsten der Nutzer) hat vor allem bei den digital natives schon vor etwa fünf Jahren seine größte Lautstärke erreicht – und ist seitdem von Jahr zu Jahr leiser geworden. Da inzwischen so gut wie jede Bibliothek auch digitale Bücher ausleiht, ist diese Frage keine, die die DNB in besonderer Weise betrifft.
    Aber vielleicht melden sich ja auch mal Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit Kommentaren hier zu Wort!

  • Roland Reuß

    Roland Reuß

    Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit ihren aktuellen Takeoverphantasien sind für die Frage, wie Leser lesen wollen, schlechterdings irrelevant – und schon gar nicht geht, daß sie Lesern vorschreiben wollen, wie sie zu lesen und Autoren, wie sie zu publizieren haben. Merken Sie eigentlich gar nicht, wie anmaßend das ist Herr Bluhm? Daß jemand eine Diskussion kommentiert, die er selbst moderiert hat, das ist sehr, ehm, »innovativ«, vero: peinlich.

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Die Diskussion ist für mich ein wichtiges Thema am falschen Objekt diskutiert. Die Nationalbibliothek hat die Aufgabe zu sammeln, dauerhaft zu sichern, zu erschließen, zu katalogisieren und dann auch noch nutzbar zu machen. Und dabei ist die Nutzbarmachung in meinen Augen der geringste Punkt. Man kann in viele Bibliotheken in Deutschland gehen und ausleihen und gemütlich lesen. Es gibt aber nur eine die einen nationalen Sammelauftrag dieser Art hat. Es geht um das Gedächtnis und nicht um die aktuelle Nutzung. Das vorweg, um klarzustellen, dass die DNB eben nicht eine Bibliothek wie jede andere ist.
    Selbstverständlich ist das Budget knapp und jedes Jahr muss dort diskutiert werden, welche Aufgabe Priorität vor den anderen hat, weil eben nicht alle gemacht werden können. Und dabei hat Sammeln und Bewahren die absolute Priorität. Dann kommt Erschließen. Und zuletzt kommt die Nutzung.
    Das mag absurd klingen, denn wofür sammelt man, wenn nicht für die Nutzung. Aber die DNB sammelt auch, damit andere Bibliotheken Metadaten haben. Und man soll in Frankfurt das nutzen, was man woanders nicht bekommt. Die DNB ist sozusagen Reserevebibliothek für die anderen.
    Aus diesen Funktionen heraus ist es in der Vergangenheit ja auch nie passiert, dass die Nutzung in der DNB zum "Problem" wurde. Aber je mehr Bibliotheken in Frankfurt und Leipzig ihre Etats kürzen, desto mehr weichen die Nutzer auf die DNB aus. Und dafür ist sie schlicht nicht gemacht. Und diese hohe Nutzung kann auch zum Zielkonflikt mit der dauerhaften Sicherung führen. Da halte ich die Bereitstellung von Digitalisaten im ersten Schritt für plausibel. Wenn das nicht reicht, muss jeder das Recht auf das Buch haben.

    Vollkommen anders würde ich die Diskussion sehen, wenn es um eine Stadtbücherei oder Universitätsbibliothek geht. Eben weil da die Nutzung Priorität vor der Sicherung hat.
    Hätte man die DNB per Satzung ausschließlich auf das Sammeln und Konservieren verpflichtet, dann gäbe es die Diskussion nicht. Aber das hätte dann auch wieder niemand verstanden, warum hinter dicken Wänden alle Bücher lagern und keiner darf reinschauen.

  • Lukas Bormann

    Lukas Bormann

    Zu den Argumenten von Matthias Ulmer ist einiges zu sagen. Ich konzentriere mich auf den fatalsten Zunngenschlag, nämlich die Behauptung: "Und zuletzt kommt die Nutzung". Eine solche exklusive Priorisierung der Sammelaufgabe ist formalistisch und weltfremd, und zudem historisch wie rechtlich falsch, auch wenn sich die derzeitigen leitenden Bibliotheksbeamten gerne hinter diesen Argumenten verschanzen. Die Deutsche (National-)bibliothek / Deutsche Bücherei hat die Bereitstellung immer als eine ihrer Aufgaben wahrgenommen und das Gesetz zur dnb hält dies ausdrücklich und ohne Priorisierung ("und zuletzt" kommt im Gesetz ebenso wenig vor wie ein "zuerst") fest. Bester faktischer Beweis, wie wirkmächtig die Idee der Bereitstellung (gewesen?) ist, ist die großartige Architektur der neuen Gebäude, die die groß dimensionierten Lesäle in den Mittelpunkt stellt. Wer die alte "db" in der Miquelallee (und die Deutsche Bücherei/DDR) und deren Lesesal noch kennt, kann noch leichter erfassen, welche Akzente die neuen Gebäude setzen: Transparent, einladend, offen und einer Demokratie würdig, die ihre Bürger in ihre Nationalbibliothek einlädt, um am Wissen der Nation individuell und ungelenkt teilzuhaben. Soll das wieder rückgängig gemacht werden mit dem Motto "Und die Nutzung kommt zuletzt?" Ein Blick nach Finnland könnte helfen. Das kleine Land im Norden feiert 100 Jahre seines Bestehens, womit?: Unter anderem mit dem Bau einer Bibliothek in Helsinki, die sich dazu verpflichtet, jeden Leser auf seinem selbstgewählten Wissensweg zu unterstützen und ihm das zur Verfügung zu stellen, was er zur Erreichung seiner individuellen Ziele benötigt. Leider bricht, wie in der Argumentation von Herrn Ulmer, in der Diskussion um die Nationalbibliothek sehr viel von Staatsfixierung, Institutionengläubigkeit und Obrigkeitshörigkeit durch. Eine Demokratie sollte anderen Idealen, auch und gerade in ihren kulturellen Institutionen, folgen.

  • Branchenbeobachter

    Branchenbeobachter

    @Herr Ulmer, sehr schön auf den Punkt gebracht. Auf Facebook hätte ich Ihnen ein großes "Like" gegeben. Geht hier aber leider nicht. :-)

  • Detlef Bluhm

    Detlef Bluhm

    @Roland Reuss Ich hatte heute zufällig am Rande einer Sitzung ein Gespräch mit einer Bibliothekarin aus einer Berliner Kinder- und Jugendbibliothek, die sehr präzise Auskunft darüber geben konnte, was ihre jungen BesucherInnen lesen bzw. ausleihen – in Bezug auf gedruckte Bücher, eBooks, DVD’s und CD’s. Eine Erfahrung, die ich auch mit anderen KollegInnen aus Bibliotheken gemacht habe. Insofern kann ich Ihre Meinung, Bibliothekarinnen und Bibliothekare seien »irrelevant« in der Frage, wie ihre BesucherInnen lesen wollen, nicht teilen. Zu Ihrem anderen Punkt habe ich mich weiter oben schon geäußert.
    @Matthias Ulmer Vielen Dank für Ihren sachlich erhellenden Beitrag. Ich bin ganz Ihrer Meinung.

  • Roland Reuß

    Roland Reuß

    Bibliotheken & Bibliothekare sind in allen Fragen der Publikationskultur seit mindestens 10 Jahren Gegenspieler der Verlage und des Buchhandels. Deshalb scheiden sie als »Neutrale« aus. Sie verfolgen auf allen Ebenen, und vor allem in Fragen des Urheberrechts, Interessen, die politischem Druck folgen – und sagen dann auch genau das, was von ihnen verlangt wird. Sie können daher noch soviele Berliner Stadtbibliothekarinnen als Zeugen anführen, die sind für die hier anstehende Frage irrelevant: Niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie zu lesen haben. Warum Sie diese Interessenlage zu Ihrer machen, Herr Bluhm, bleibt mir schleierhaft; so wie mir auch schleierhaft bleibt, warum ein wichtiger Funktionär des Börsenvereins die unsägliche Linie der DNB verteidigt – als hätten die staatsnahen und durchwegs digital politisierten Bibliotheken nun ausgerechnet den Schutz des Börsenvereins nötig und nicht die Buchhandlungen und Verlage, die den Digitalwahn der öffentlichen Hand und der Bibliotheken als etwas Pathologisches begreifen. Die versuchte stillschweigende Festlegung eines Leitmediums ist eine Steuerung, die zurecht der Kritik verfällt und für die Frau Niggemann die Verantwortung übernehmen muß. Ihre Doppelfunktion als vermeintlich überparteilicher Diskussionslenker und dann parteilicher Kommentator Herr Bluhm, über den decken wir am besten das dicke Fell der Scham.

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