Ein Gespräch mit DuMont-Verlegerin Sabine Cramer

"Sehr viel politischer"

Seit vier Jahren hat Sabine Cramer bei DuMont die verlegerische Verantwortung. Hier spricht sie über Stars und überraschende Erfolge, über kleinere Buchhändler und höhere Preise – und über eine Literatur, die jetzt welthaltiger wird. INTERVIEW: TORSTEN CASIMIR

Sabine Cramer, Verlegerin des DuMont Buchverlags, in ihrem Kölner Büro vor hauseigener Produktion

Sabine Cramer, Verlegerin des DuMont Buchverlags, in ihrem Kölner Büro vor hauseigener Produktion © Ludolf Dahmen

DuMont ist ein unabhängiger Buchverlag mittlerer Größe. Haben Sie damit am Markt eher Vorteile oder eher Nachteile?
Manches geht für uns einfacher. Eine Verhandlung mit uns ist kein Präzedenzfall. Wenn Konzernverlage etwas für ihre gesamte Gruppe aushandeln, hat das in der Branche eine größere Signalwirkung, als das bei uns der Fall ist – sei es bei Konditionenfragen oder bei Entscheidungen für oder gegen einen bestimmten Dienstleister. Wir sind schnell und flexibel, weil wir uns nicht so intensiv abstimmen müssen. Vor allem aber ist der Schlüssel "Mitarbeiter pro Buch" bei kleineren Verlagen besser.

Hat die DuMont-Mediengruppe, der Sie das Ergebnis liefern, Verständnis für die Besonderheiten eines manchmal volatilen Buchgeschäfts?
Der Verlag besteht in dieser Konstella­tion seit 60 Jahren. Das täte er nicht ohne ein besonderes Verständnis für das Buchgeschäft. Isabella Neven DuMont, die meine Hauptansprechpartnerin ist, hegt viel Sympathie für uns. Sicher spielt dabei eine Rolle, dass wir der einzige Buchverlag der Gruppe sind. Wir können autark arbeiten.

Vermutlich hat das kriselnde Zeitungshaus so viel Kummer, dass es sich über seine Buchtochter, die gut zurechtkommt, einfach nur freut.
Um es in der Zeitungssprache zu sagen: Unser Geschäftsmodell war schon immer Paid Content und wird das auch immer bleiben. Das funktioniert, und das wird natürlich geschätzt – zumal nach zwei besonders ergebnisstarken Jahren. 2015 war das vor allem Houelle­becqs "Unterwerfung" zu verdanken, davor Murakamis "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki". Trotzdem ist allen klar, dass es in Jahren, in denen ein ganz großer Bestseller fehlt, auch anders aussehen kann.

Kommen Sie hin mit zwei Stars?
Hilary Mantel würde ich noch mit zu unseren Starautoren rechnen. Ihr dritter Band der großen Cromwell-Trilogie wird vermutlich 2018 kommen. Wir haben viel Aufbauarbeit geleistet. Meg Wolitzer ist mittlerweile eine wichtige, große Autorin für uns, ebenso Cay Rademacher. Wer uns aktuell Freude macht, ist Richard Russo. In Deutschland hat dieser Grandseigneur der amerikanischen Literatur lange nicht funktioniert. Sein erfolgreichstes Buch, "Diese gottverdammten Träume", ist erst spät bei uns erschienen.

Das Rätsel, wann für bestimmte Bücher die Zeit gekommen ist, wird die Branche wohl nie lösen.
Sie haben wahrscheinlich Recht. Ich glaube allerdings, wir sind im Moment in einer Zeit der Offenheit für Entdeckungen und Wiederentdeckungen. Und das ist ein Glück für uns, weil es gut zu unserem Profil passt. Wir probieren aus. Wir versuchen, die Welt bewusst wahrzunehmen. Wir fragen uns, welche Bücher den Leuten in ihrer kargen Freizeit wichtig sein könnten; das Leben ist ja heute weitgehend verplant – wie viel Zeit bleibt da schon für Bücher! Ich glaube, wir als literarischer Verlag sollten wissen, dass gerade nicht das Flüchtige, sondern das Verlässliche gesucht wird.

Wie sichern Sie sich dauerhaft die Sympathie des Buchhandels?
Uns ist wichtig, dass wir auf den Buchhandel zugeschnittene Services bieten, zum Beispiel individualisierte Plakate und neben dem großen Lese­exemplar-Verteiler auch der zielgerichtete Vorabversand einzelner Titel. Auf bestimmte Bücher machen wir auch schon im Manuskriptstadium aufmerksam. Buchhändler brauchen in ihrem Alltag nicht noch den nächsten Aufsteller, sondern vernünftige Informationen und ein enges persönliches Verhältnis zum Verlag. Unsere Überraschungs­erfolge 2016, J. L. Carr und Richard Russo, sind beide vom kleineren stationären Buchhandel gemacht.

Wie stellen Sie die persönliche Ebene zu den Händlern her?
In den vergangenen beiden Jahren haben wir Buchhändler zu uns in den Verlag eingeladen. Das war für die Buchhändler, aber auch für uns selber eine tolle Erfahrung. In unserer nicht so großen Branche ist es gut machbar, mit den Menschen direkt zu tun zu haben – und das macht immer am meisten Spaß. Branchen, die einen emotionalen Gegenstand haben, sind auch im Umgang miteinander eher emotionaler und verbinden oft das Professionelle mit dem Persönlichen.

Vorschauen werden künftig immer mehr auf digitalem Weg ausgeliefert. Was bedeutet das für die Beziehung zwischen Verlagen und Buchhändlern?
Zum jetzigen Zeitpunkt glaube ich für uns, dass die digitalen Vorschauen die gedruckten nicht ablösen werden. Aber sie werden uns eine zusätzliche, gute Datenbank liefern. Man kann dort aktuelle Informationen zu noch nicht erschienenen Titeln nachpflegen, es funktioniert modular. Beides wird nützlich sein. Aber wir geben uns mit unserer gedruckten Vorschau sehr viel Mühe, sie ist unsere Visitenkarte.
 
Woher kommt Ihre Zurückhaltung bei der Digitalvorschau?
Vor allem sehe ich den praktischen Aspekt: Wir alle starren den ganzen Tag auf Bildschirme. Auch ich möchte Google und Wikipedia und mein Onlinelexikon nicht mehr missen. Aber es gibt Zusammenhänge, da blättere ich lieber eine Zeitschrift durch oder einen Katalog. Vorschauen nimmt sich der Buchhändler mit nach Hause. Wir haben E-Mails von Buchhändlern bekommen, als wir vergangenes Jahr unsere Vorschauen auf ein offenes Papier umgestellt haben, die haben sich über das schöne neue Papier gefreut. Auch wir selbst lieben unsere Vorschauen; für uns im Verlag sind sie jedes Mal wieder ein Ereignis.

Welche Preisstrategie hat DuMont?
Wir haben unsere Preise im vergangenen Jahr glatt gemacht und angehoben. Bisher machen wir positive Erfahrun­gen. Trotzdem denke ich, die gesamte Branche muss dranbleiben. So viele Lebenswelten sind in den letzten zehn Jahren teurer geworden – nur die Bücher nicht. Als ich Anfang der 2000er Jahre in der Branche angefangen habe, kosteten die Taschenbücher großteils bereits 9,90 Euro und die Hardcover 19,90 Euro. Ich mache mir Sorgen, ob wir mit der Zurückhaltung nicht langsam den Buchhändlern die Basis entziehen, ihre Existenz zu sichern.

Hat die Zurückhaltung vielleicht auch nachvollziehbare Gründe?
Natürlich entsteht die Gefahr von Verdrängungswettbewerb, wenn innerhalb eines Genres einer vorprescht – und dann mit seinen gehobenen Preisen alleine dasteht. Ich bin eine große Verfechterin der Preisbindung, aber hier sieht man einen Effekt, den wir nicht haben wollen: Die Verlage legen die ­Preise fest und bemühen sich, dabei keinen Fehler zu machen. Das behindert langfristig organisches Wachstum.

Wie haben Sie denn Ihre Preise angehoben? Über alles?
Ja, über alles. Beim Taschenbuch haben wir überwiegend geglättet, konsequent auf zehn Euro, und einige Taschen­bücher auf zwölf Euro angehoben. Beides ist kein Problem. Bei den wenigen Genretiteln, die wir haben, sind wir vorsichtig. Das klassische 20-Euro-Hardcover kostet bei uns jetzt überwiegend 22 Euro. Der neue Russo kostet 26 Euro, der hat zwar auch über 600 Seiten, aber 26 Euro ist trotzdem schon ein Wort.

Politisch war 2016 ein anspruchsvolles, viele sagen: desaströses Jahr. Das ist gut für Literaturverlage, oder?
Ich glaube, die Herbstprogramme 2017 werden sehr viel politischer werden als bisher. Auch bei uns: Schon im Frühjahrsprogramm haben wir mit Nedim Gürsel einen fast schon vergessenen türkischen Autor im Programm; das ist eine politisch sehr aktuelle Putsch-­Geschichte. Und im Herbst wird es in der Belletristik noch einmal politischer. Auch das, was uns jetzt angeboten wird, ist sehr viel welthaltiger als zuletzt.

Welche Themen sind das?
Zum Beispiel haben wir ein neues Buch von Mohsin Hamid, das in den USA schon im Frühjahr erscheint: "Exit West". Darin geht es um ein Liebespaar, zwei junge Flüchtlinge, die in verschiedene Länder fliehen. Hamid, der in Pakistan genauso zu Hause ist wie in den USA und in London, also selbst zwischen beiden Welten lebt, arbeitet das Thema Flucht und Migration in einer unvergleichlichen Weise auf. Und wir bringen das Debüt einer jungen ghanaisch-amerikanischen Autorin, Yaa Gyasi: "Homegoing" heißt es und erzählt, in einen Roman gegossen, die Geschichte der Schwarzen und der Sklaverei. Das Buch haben wir eingekauft, lange bevor Trump ernsthaft ins Gespräch kam. Jetzt hat es noch mal eine andere Relevanz.

Werden auch die Leser politischer?
Ich glaube schon. An mir selbst und auch hier bei uns im Verlag merke ich, dass wir alle eine größere Dringlichkeit spüren, uns mit politischen Themen zu beschäftigen, dass Politik fast automatisch mehr in den Fokus rückt. In solchen Zeiten liest man gern etwas, das über ein für das eigene emotionale Leben wichtiges Leseerlebnis hinausgeht.

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