Ilona Einwohlt über die Verklemmtheit im Jugendbuch

Lieber aktiv als keusch

Gleichberechtigung wird zwar überall gefordert, doch geht es um Erotik, dann hält auch die Jugendliteratur am passiven weiblichen Rollenbild fest. Und die Lektorate tragen dazu bei, meint Autorin Ilona Einwohlt.

© efenzi/istock

Wurde das vermeintliche Tabu Sexualität in den emanzipatorischen Büchern der 80er und 90er Jahre gern thematisiert, wird es mittlerweile von den Verlagen freundlich "unter der Bettdecke" versteckt, nur ab und zu blitzen ein paar Aufreger hervor. Nach außen hin ist es laut geworden, jede Menge Ratgeber erklären – mitunter explizit – für alle Altersstufen, worum es geht. Kinder, die durch Werbung, Casting-Shows, YouTube und Schulhofgespräche mit allen möglichen Begriffen konfrontiert werden, können hier altersgemäß die Information nachlesen, die sie suchen.

Auch im Jugendbuch finden sich etliche Romane, bei denen "Doing it" die größte Rolle spielt, seitenweise wird hier beschrieben, selten erzählt, alles dreht sich um das "Erste Mal". Aus der Sicht des Jungen fast immer derb und draufgängerisch, aus der Sicht des Mädchens fast immer verdruckst und angstbesetzt: Viele Hundert lange Seiten wartet sie darauf, endlich geküsst zu werden …

Hallo? Wir haben 2017, und noch immer ist überall zu lesen, dass sich Mädchen und Frauen küssen "lassen", dass sie sich nicht selbst berühren und sich sogar schämen, wenn sie Lust verspüren? Selten geht es im Jugendbuch um Erotik, Sinnlichkeit und Lust: Es fehlen die Zwischentöne, die Begierde, das Knistern zwischen den Zeilen. Ich halte es für ein großes Manko, wenn man Jugendlichen den Weg zur einer selbstbestimmten Persönlichkeit und der damit verbundenen Sexualität vermitteln will, ihnen aber keine Möglichkeit bietet, diese lustvoll zu erleben und sie mit gutem Gewissen zu entdecken – das generiert einen ebenso verklemmten wie scheinheiligen Umgang mit Sexualität. Noch viel schlimmer: Die überall geforderte Gleichberechtigung wird einfach auf dem Bettvorleger abgelegt.

Als Autorin von Aufklärungsbüchern kann ich über den Sachverhalt berichten – etwa zur Selbstbefriedigung ermuntern, um den eigenen Körper besser kennenzulernen, ein paar Tipps loswerden und mit ­Mythen und Klischees aufräumen. Als Autorin von Romanen möchte ich aber ohne Imperativ und Zeigefinger eine schöne Geschichte schreiben, die im besten Sinne anmacht und lustvoll zur Sache kommt. Mal abgesehen davon, dass es sprachlich eine besondere Herausforderung ist und ich mich beim Schreiben dabei zwischen Voyeurismus und Literatur bewege, werde ich dabei immer wieder mit der Frage konfrontiert, inwieweit man überhaupt über Lust und Erotik schreiben "darf".

Hier gerate ich immer wieder an Grenzen, wenn manche Lektorin diese expliziten Stellen herausstreichen möchte, weil sie empörte Eltern, Verrisse und Remittenden fürchtet und sich deswegen einfach nicht traut, tradierte Rollenerwartungen und Tabus zu brechen. Oder es erscheint – im Erwachsenenroman! – unangemessen und realitätsfern, dass eine ältere, 45-jährige Frau einen jungen Studenten begehrt. Oder wenn ich, wie jüngst geschehen, von ultrakonservativen Menschen als krank im Kopf, pervers und noch viel Schlimmeres beschimpft werde, weil ich erzähle, wie eine Zwölfjährige mit Neugier und Spaß gemeinsam mit ihrer Teddybärin den eigenen Körper entdeckt.

Wenn wir uns aber eine Gesellschaft wünschen, in der Sexismus keine Rolle mehr spielt, weil Mädchen und Frauen selbstbestimmt ihren Weg gehen und im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr angreifbar sind, brauchen wir endlich Autorinnen und Bücher, die offen und genussvoll erotische Geschichten ­erzählen und die Dinge beim Namen nennen dürfen.

Ilona Einwohlt

Ilona Einwohlt © Max Kowallik

Autorin Ilona Einwohlt schreibt Bücher für Jugendliche und Erwachsene.

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5 Kommentar/e

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  • Monika Osberghaus

    Monika Osberghaus

    Stimmt! Ilona Einwohlt hat Recht. Leider auch mit der Beobachtung, dass Bücher, die das bieten, was sie fordert, es sehr schwer haben, ihren Weg zum Zielpublikum zu finden. Wir erleben das bei Klett Kinderbuch mit den beiden Jugendromanen von Mårten Melin, „Etwas mehr als Kuscheln“ und „Viel mehr als ein Kuss“. Erotische Jugendliteratur mit aktiven Mädchen und Jungs, aufregende Lektüre, die den Sex nicht ausspart, aber zugleich auch weit über ihn hinaus geht. Wir haben diese tollen Romane verlegt, weil wir sie wichtig finden und weil sie sonst wohl in Deutschland nicht verlegt worden wären. Nun kommen die Remittenden in Stapeln, weil etliche erwachsene VermittlerInnen Probleme mit den expliziten Inhalten haben und es offenbar keinen guten Weg gibt, diese Bücher direkt zu ihren Lesern zu bringen. Einen Versuch war es wert und wir bereuen es nicht. Aber schade ist es schon.

  • Ulrike Müller

    Ulrike Müller

    Frau Einwohlt hat Recht, ich kann ihr in allen Punkten zustimmen.
    In den letzten 20 Jahren sind eher Rückschritte "im Fortschritt" gemacht worden, leise, auf den 2. Blick - aber beharrlich.
    Mehr von solchen tollen Beiträgen!

  • Erotische Eltern

    Erotische Eltern

    Vielen Dank für diese anschaulichen Überlegungen, wie die erotische Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen aus Sicht einer Autorin und im Kommentar aus Sicht einer Verlegerin aussehen. Wenn Eltern liebevoll und erotisch miteinander umgehen, ist das die beste Vorbereitung ihrer Kinder auf die schönste Erfahrung im Leben eines Menschen. Das ist kein didaktisches Programm, sondern eine unmittelbare Erfahrung für die Kinder und ich denke, die Eltern erkennen auch die Zeitpunkte wann und in welcher Form man die Kinder teilhaben lässt. Bücher mit erotischem Inhalt finde ich insofern hilfreich, weil Jugendliche das Erotische ganz wesentlich für die Emanzipation von ihren Eltern brauchen und gerade im Alter ihrer ersten erotischen Erfahrungen gerade nicht mit den Eltern - selbst wenn diese es wollten und offen dafür sind - darüber reden möchten. Gerade dann, wenn die Kinder erste erotische Erfahrungen sammeln, befinden sich viele Paare mit 40....50 Jahren in einer erotischen Krise - ich glaube, dass dies eine Ursache für die Verklemmung sein könnte. Was passiert denn, wenn die Kinder und Jugendlichen die Eltern angeregt fragen - und diese konfrontiert mit ihrer eigenen Unzufriedenheit - genau jene Krise bewusst erleben müssen? Ohne erotisch selbstbewusste Eltern - und dazu gehört sehr viel an sozialer und kultureller Emanzipation - werden es erotische Bücher für Kinder und Jugendlich weiterhin sehr schwer haben.

  • Monika Osberghaus

    Monika Osberghaus

    Ja. Vielen Dank. Das stimmt, glaube ich. Dennoch bleibt auch darüber hinaus die Frage, wo sich die Jugendlichen diese (seltenen) Bücher holen, wie sie an sie heran kommen, überhaupt mitkriegen können, dass es so was gibt. Durch Eltern, Tanten oder dergleichen, also die sonst üblichen Wege, geht es nicht. Wir hoffen auf die Bibliotheken und mutige, aufgeschlossene BuchhändlerInnen, die einen Zugang zu den Jugendlichen haben, sozusagen an den Eltern vorbei.

  • Erotische Eltern

    Erotische Eltern

    Aufmerksame und aufgeschlossene Eltern finden immer einen Weg ihre Kinder auf dem Weg der Emanzipation zu begleiten. Dazu gehört wesentlich das Erotische - aber es gibt ja nicht das von der gesamten Persönlichkeit getrennte explizit Erotische. Man kann Freunde Bücher schenken lassen, ein Buch beiläufig liegen lassen - vor allem immer wieder auch vor den Kindern erotisch, frivol, offen miteinander umgehen - und letztlich seinen Kindern und sich selbst vertrauen. Diese Aufgabe kann keine Buchhändlerin und kein Bibliothekar übernehmen - das können immer wieder nur Gelegenheiten sein. Auch für Lehrerinnen ist es sehr schwer, weil sie einem massiven öffentlichen Druck ausgesetzt werden, wenn es bestimmten Eltern oder Kirchen (Juden, Christen, Muslimen,...) und staatlichen Behörden nicht passt. Die hauptsächlichen Erfahrungen werden ab einem bestimmten Alter ohnehin unter den Gleichaltrigen ausgetauscht und gesammelt - dort haben Eltern keinen Zutritt. Nichts ist für einen jungen Menschen peinlicher, als wenn die Freunde merken, dass Jugendliche von den Eltern kontrolliert und reglementiert werden - aber natürlich wirken die Eltern immer mit. Die Zielgruppe für emanzipierte erotische Literatur für Jugendliche sind also zuerst die Eltern, später die Jugendlichen selbst. Überall aber konkurriert dort emanzipierte erotische Literatur mit dem überwiegend durchschnittlichen konventionellen - das ist wie überall in Literatur, Musik, Film. Wie Frau Müller - siehe oben - habe auch ich den Eindruck, dass es zur Zeit "rückwärts" geht und immer konservativer wird. Das liegt meiner Meinung nach an einer immer stärker werdenden gesellschaftlichen "Angst": Angst vor gesellschaftlichem Abstieg, Angst davor, die für die eigene gesellschaftliche Schicht gesetzten Regeln nicht einzuhalten, Angst vor AIDS und Herpes, Angst vor dem Fremden - Angst also vor dem anarchistischen, existenziellen, nicht kontrollierbaren. Das Erotische aber entzieht sich letztlich einer gesellschaftlichen Kontrolle, wirkt subversiv und läuft dadurch immer in Gefahr, als Ursache allen Übels unterdrückt, bekämpft und deformiert zu werden. Das Erotische verändert sich unter dem gesellschaftlichen Druck und wird in unserer Gesellschaft überwiegend konsumiert, als Machtmittel eingesetzt, ausgebeutet, als Rauschmittel verwendet. Erotisch emanzipierte Literatur für Jugendliche ist also hochpolitisch und es bedarf großen künstlerischen und vertrieblichen Geschicks, um sie zu verlegen. Angeregt über die gesellschaftliche Dimension von Erotik nachzudenken, wurde ich zusätzlich von dem aktuell laufenden britischen Film "Lady Macbeth" nach einer Erzählung von Nikolai Leskow.

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