Interview mit der Übersetzerin Gabriele Haefs

"Da wird ständig gereist"

Norwegen ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019. Eine der bekanntesten Übersetzerinnen, Gabriele Haefs, gewährt Einblicke in die Besonderheiten des Norwegischen. INTERVIEW: STEFAN HAUCK

Gabriele Haefs

Gabriele Haefs © Thorsten Berndt

Wie kamen  Sie zum Übersetzen aus dem Norwegischen?
Eigentlich hätte ich am Ende meiner Doktorarbeit 1982 fürs Rigorosum lernen müssen, aber ich hab' mich aus purem Aberglauben nicht getraut, damit anzufangen, so lange die Profs die Arbeit noch nicht angenommen hatten ... Eine Lektorin an der Hamburger Universität meinte zu mir: "Übersetz' doch mal was" – und dann hatte ich mich an Gudmund Vindlands "Der Irrläufer" gesetzt, der BuntBuch Verlag hatte Interesse, es wurde gedruckt. Norwegische Romane wurden damals kaum übersetzt.

Was sich dank Ihnen bald ändern sollte: Wie schnell waren Sie DIE Norwegisch-Übersetzerin?
"Der Irrläufer" war gleich ein Erfolg, und andere deutsche Verlage fragten bei BuntBuch an: Woher habt ihr dieses tolle Buch? Dann bekam ich Anfragen: Können Sie für uns auch so ein Buch empfehlen? Irgendwann sprach es sich bei norwegischen Verlagen herum: Wieso verkauft Ihr denn Lizenzen nach Deutschland? Na, da hat so eine Übersetzerin nachgefragt ... So kam ich ins Geschäft.

Sie übersetzen auch dänische, schwedische, englische, niederländische und irische Texte. Welche Eigenheiten hat das ­Norwegische?
Jeder Text hat seine Eigenheiten. Wenn man sie erkannt hat, hilft das kaum beim Übersetzen des nächsten Texts. Es gibt aber auch viele regionale Eigenheiten, etwa wenn eine Roman­figur aus Trondheim, die andere aus Bergen kommt: Das Vokabular bleibt gleich, aber es gibt Nuancen in Aussprache, Satzbau etc. An der Südküste wird das K ähnlich wie im Sächsischen so weich wie ein G gesprochen, und Autoren haben entsprechend großen Spielraum beim Schreiben. Bloß kann man das schlecht mit Kölsch oder Berlinisch abbilden, davon halte ich gar nichts.

Wie übersetzen Sie beispielsweise das allgemeine norwegische"Du"?
Dass sich alle duzen, gibt es ja erst seit Reformen in den 60er Jahren. Im Sprachgebrauch greifen Norweger noch öfter auf die althergebrachte Form der Berufsbezeichnung zurück; also ich würde etwa sagen: "Möchte der Redakteur mich jetzt interviewen?" Es gibt die schöne Anekdote eines Herrn, der auf einer Fähre einen Cognac trinken möchte, aber nicht allein. Er entdeckt einen weiteren Herrn, hat aber ja gar keine Ahnung, welchen Beruf der haben könnte. Was tun? Schließlich fasst er sich ein Herz: "Möchte der Mitreisende einen Cognac trinken?" In den Romanen übersetze ich oft mit "Sie", weil die deutschen Verlage mir sagen, die Leser wollten Texte lieber mit den hier gebräuchlichen Anredeformen lesen.

Gibt es spezifisch norwegisch-deutsche Besonderheiten oder faux amis?
"Reise" ist so ein falscher Freund: Das Verb bedeutet "aufbrechen" und nicht "reisen". Da gibt es alte Übersetzungen, die das konsequent falsch übersetzen, da reisen die Figuren ständig. Ein Problem sind auch ältere Sprichwörter, die es bei uns nicht gibt oder die in Vergessenheit geraten sind, etwa "Wenn's auf den Pastor regnet, tröpfelt es auf den Küster" – und ein vergessenes Sprichwort kann kurios wirken in einem Buch von heute, wie eine falsche Übersetzung, obwohl sie ja eigentlich richtig ist. Oder: Bestimmte norwegische Hunderassen wie den Buhund gibt es bei uns nicht. Das Wörterbuch verrät: "spitzähnlicher Hund". Nun kann ich schlecht übersetzen: "In der Ferne bellte ein spitzähnlicher Hund." Noch besser wird es beim Lundehund, da sagt das Wörterbuch: "Hund, der einem Buhund ähnelt". Sie merken schon ... Ich frage dann den Autor: "Kann ich nicht einen anderen Hund nehmen?" Darf ich auch meistens.

Wie eng ist Ihr Kontakt zu den Autoren, zum Beispiel zu Jostein Gaarder, den Sie mit "Sofies Welt" hierzulande bekannt gemacht haben?
Bei Übersetzungsfragen sind alle Autoren eigentlich sehr gesprächs­bereit, weil sie ja gern eine qualitativ hochwertige Übertragung ihres Werks möchten. Schwierig sind eher die Besserwisser, die ein paar Brocken Deutsch können, aber alles in falsche Zusammenhänge bringen. Mit Jostein Gaarder treffe ich mich öfter, wir besuchen uns, unterhalten uns, und den philosophischen Schelmenroman "Ein treuer Freund" haben wir zusammen ausgekocht – wir hatten viel Spaß an den etymologischen Exkursen der Hauptfigur: Jakop Jacobsen ist ein richtiger Etymologie-Nerd.

In der Zeit des Kaiserreichs hatte norwegische Literatur schon einmal Konjunktur. Wie wirken diese Übersetzungen heute auf Sie?
Schrecklich, jedenfalls teilweise. Da hatte jemand ein Jahr Norwegisch gelernt und hat einfach mal munter übersetzt. Karl Marx' Tochter Eleanor zum Beispiel hat in London gelebt und war nie in Norwegen, die hat Norwegisch gelernt, um Alexander Kielland zu übersetzen, und zwar furchtbar schlecht. Ich frage mich immer, ob denen nie aufgefallen ist, dass bestimmte Sätze überhaupt keinen Sinn ergeben.

Welchen norwegischen Belletristiktitel legen Sie in diesem Jahr den Buchhändlern ans Herz?
"Wer die Goldkehlchen stört" – trotz des Titels ... Levi Henriksen hat ganz tolle Figuren, die in Finnskogen an der Grenze zu Schweden leben, wo man bis ins 20. Jahrhundert hinein noch Finnisch sprach, die haben ihre Marotten – herrlich! Ich freue mich auf jedes nächste Buch von Henriksen.

Gabriele Haefs hat Volkskunde, Sprachwissenschaft, Keltologie und Nordistik studiert und übersetzt seit 1982. Sie ist mit dem norwegischen Schriftsteller Ingvar Ambjørnsen verheiratet und lebt in Hamburg.

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