Interview mit Walter Famler

Vom Dieb zum Herausgeber

Juri-Gagarin-Fan, Bandleader und Zeitschriftenmacher Walter Famler über Wege in den Kosmos, die Band The Roaring Mopeds und 40 Jahre "Wespennest". Ein Treffen und ein Gespräch in Wien. VON INTERVIEW: NILS KAHLEFENDT

Walter Famler (im Hintergrund)

Walter Famler (im Hintergrund) © Nils Kahlefendt

Das Wespennest, gerade 40 geworden, hat seine aktuelle Ausgabe dem „Altsein“ gewidmet. Wie kommt der Herausgeber, auch kein heuriger Hase, mit dem Älterwerden klar?
Walter Famler:
Natürlich wird einem irgendwann bewusst, dass die Hälfte des Lebens sicher überschritten, die aktive Lebenspraxis limitiert ist. Man kann sich ja noch gut daran erinnern, welche Ambitionen man mit 30 hatte. In zehn Jahren ist die Zeitschrift 50 – und man selbst über 60. Aus meinem Berufsalltag ist mir der Typus des alternden, grantelnden, sturen Herausgebers durchaus vertraut. Der nicht wahrnehmen will, dass er ein bisserl aus der Zeit heraus gefallen ist. Dazu kommt, dass sich der mediale Kontext verändert: Jüngere Intellektuelle sind längst nicht mehr so zeitschriftengebunden in ihren Ausdrucks- und Organisationsformen. Das soll jetzt aber nicht als Generationenklage missverstanden werden (lacht): Wir wissen seit Seneca, dass die Jungen immer schlecht sind und wir besser.

 

Dem Wespennest, hört man, sind Sie schon als Schüler begegnet?
Famler:
Damals gab es die so genannte „Wien-Woche“, in der wir Gymnasiasten aus Oberösterreich in Schülerheime verfrachtet wurden, um die Bundeshauptstadt kennen zu lernen. Unser Kunst-Professor hat uns zu einer Vernissage in die legendäre Buchhandlung Herzog geschleppt. Dort gab’s eine Ramschkiste, unter anderem mit Wespennest-Exemplaren zum halben Preis. Ich habe mein erstes Heft da geklaut und später mit heißen Ohren gelesen. Es war eine Ausgabe, in der mein Herkunftsmilieu literarisiert vorgekommen ist. Ich habe die Zeitschrift sofort für unsere Schüler-Bibliothek abonniert. Und als ich zwei Jahre später nach Wien gekommen bin, um ein Studium zu beginnen, dass ich nie abschließen sollte, bin ich sehr schnell in den Autorenkreis um das Wespennest hineingewachsen. So wurde ich über die Jahre zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär – aber doch vom Wespennest-Dieb zum Wespennest-Herausgeber.

 

Zur Buch Wien konnte man Sie im Volkstheater am Schlagzeug von „The Literats“ erleben. Ist das Herausgeben einer Zeitschrift mit dem Spielen in einer Band vergleichbar?
Famler: Es gibt sicher Parallelitäten. Was ich hier betreibe, hat ja etwas Dilettantisches im positiven Sinn. Ich bin aus den Bands, die ich als 15jähriger in Oberösterreich gründete, immer raus gefallen, weil es dort – über die Volksmusik – so ein großes musikalisches Potenzial gab. Die Musiker waren einfach gut und ich mit Abstand der schlechteste. Ich wollte aber immer Schlagzeuger sein; ich war als Beatles-Fan nicht nur von John Lennon, dem intellektuellen Kopf, begeistert, sondern ich war auch elektrisiert von Ringo Starr und seinem glänzenden Ludwig-Schlagzeug. Ich wollte Schlagzeuger in einer Beat-Band sein und habe das auch partiell geschafft. Nur gab’s dann rasch einen besseren Schlagzeuger, ich wurde an den Bass versetzt. Dann kam ein besserer Bassist, und ich durfte bei Bob-Dylan-Nummern noch ein bisschen die Mundharmonika blasen. Dann habe ich den ersten Auftritt beim Sportfest des SV Bad Hall organisiert. Aber beim Verteilen der Gage meinte die Band, sie bräuchte keinen Manager. Erst relativ spät, mit 30, habe ich einen Lehrer gefunden, der mein Untalent entwickeln konnte. Alte Charlie-Watts-Schule. Und aus der Band, die ich Anfang der 90er Jahre gegründet habe, „The Roaring Mopeds“, konnte man mich dann auch nicht mehr rausschmeißen, weil ich unseren Probenraum gebaut hatte. Das Zusammenspiel in so einer Band funktioniert nach anderen Mustern als das Zusammenspiel in einer Redaktion. Allerdings ist die Wespennest-Redaktion auf ihre Weise auch eine Band. Und eine Band braucht einen Schlagzeuger, der den Rhythmus vorgibt – und ihn auch hält! Und in dieser Funktion habe ich mich hoffentlich tendenziell bewährt...

 

Das Wespennest entstand aus dem Wiener Post-68er-Umfeld heraus; damals hieß es „Trau keinem über 30!“ Wie schafft man es, in die Jahre kommend, sich dennoch den kritischen Geist der Gründer zu bewahren?
Famler: Retrospektiv hat die Geschichte solcher Projekte ja immer eine gewisse Logik, die es in der Genese so nicht gibt. Zunächst hat das Wespennest eine Gruppe von Autoren gebunden, eine literarische Intelligenzija mit enormem Potenzial: Autoren wie Franz Schuh, Josef Haslinger, Peter Henisch, haben über die Zeitschrift ihren Zugang zum Literaturbetrieb gefunden. Dass sich die Zeitschrift in der Folge sehr stark internationalisiert hat, ist wesentlich Haslinger zu danken. Um 1989/90, als die Weiterführung wirklich auf der Kippe stand, haben wir eine Independent-Struktur entwickelt, über eine Dekade einen Buchverlag neben der Zeitschrift geführt. Wichtig war auch, dass wir sehr früh begonnen haben, mit anderen Zeitschriften internationale Treffen zu organisieren, die schlussendlich zum Netzwerk Eurozine geführt haben. Und dann geht es halt auch nur mit einer gewissen Kontinuität, die mit Sturheit gepaart ist. Für einige von uns war die Zeitschrift immer sehr eng in die eigenen Lebenszusammenhänge eingebunden. Das hat auch damit zu tun, dass man sich in einer Nische verankert hat. Das Wespennest ist nicht zuletzt überlebensfähig geblieben durch seine überschaubare Größe. Wir sind redaktionell immer autonom geblieben. Und es ist oft auch zufällig, dass eine Zeitschrift einen bestimmten Typus von Mitarbeiter immer wieder zur rechten Zeit binden kann.

 

Ist die große Zeit solcher hoch ambitionierter literarisch-essayistischer Projekte, wie es Enzensbergers Transatlantik war, inzwischen vorbei? Läuft man heute nicht Gefahr, zum Coffe-Table-Blatt des intellektuellen Mittelstands zu werden, hoch gelobt und wenig gelesen?
Famler:
Wir sind ein Nachläufer einer intellektuellen Zeitschriftentradition, die als solche nicht mehr existiert. Ich habe Enzensberger mal auf einer Tagung sprechen können, da sagte er: Zeitschriften haben immer ihre Zeit. Vielleicht hätte ich das implizit so verstehen sollen: Jetzt gilt der Groß-Intellektuelle als Monument, wie es den Groß-Bürger gegeben hat oder den Groß-Grundbesitzer. Vielleicht sind wir ja intellektuelle Kleinhäusler, möglich, aber wir haben im Kern, im Textmaterial, immer noch den Anspruch auf diese Debatten-Kultur. Und auch das Vertrauen auf den literarischen Text. Manchmal kristallisiert sich das bei Zeitschriften tatsächlich nur über ein paar Ausgaben - die sind dann zu bestimmten Zeiten Wende-Plattformen, Relais-Stationen. Aber eine Zeitschrift, die über 40 Jahre Textraum erzeugt, dieses Beharren – das ist auch eine Leistung. Eine intellektuelle Überlebenstechnik.

 

Ab 2010 wird das Wespennest nur noch zwei Mal pro Jahr erscheinen. Noch Mitte der Neunziger galt es als die anzeigenstärkste Literaturzeitschrift im deutschsprachigen Raum. Weiß man das textliche Umfeld in den Verlagen nicht mehr zu schätzen? Liegt man mit 5000 Exemplaren schon unterhalb der Wahrnehmungsgrenze?
Famler: Wir wollten sehr früh unsere Autonomie dahingehend ausweiten, dass wir jenseits von Verkaufseinnahmen und Subvention – was in Österreich ein Faktor ist für Unternehmungen dieser Art – auch eine dritte Säule haben, die Anzeigen. Es gibt ein Phänomen, das besonders hier sehr stark ist, die subventionierte Dissidenz. Das hat etwas zu tun mit dem aufgeklärten Josephinismus, der natürlich immer noch Feudaltendenzen hat – wo man sozusagen zum intellektuellen Hofnarren des Staates in sozialdemokratisierter Form wird.  Uninteressant! Langweilig! Eine Zeit lang war das wirklich eine Einnahmequelle, die über das sonst übliche Maß bei Zeitschriften dieses Typs hinausgegangen ist. Wir haben in besten Jahren bis zu 90.000 Euro netto Cash Anzeigen gehabt. Dieses Anzeigenvolumen ist eingebrochen – einmal, weil der akquirierende Herausgeber tendenziell verschwunden ist in eine andere Funktion. Das hat aber auch damit zu tun, dass sich die Entscheider verändert haben. Dass die Verlage, vor allem die mittleren und größeren, heute sagen: Wir gehen nur in Werbemittel, die direkt im Buchhandel sind. Und oftmals sitzen da auch Personen, die mit der Autonomie einer Zeitschrift nichts anfangen können. Man soll das angenehme Textumfeld für kommerzielle Seiten liefern. Ich habe nichts gegen Kommerzialität, mir ist schon klar, was Marketing ist. Aber die klassische Trennung zwischen Anzeigen und redaktionellem Inhalt ist uns wichtig – wenn nicht hier, wo sonst? Die Entscheidung, die in diesem Jahr gefallen ist, war für uns nicht unschmerzlich: Das Wespennest war 40 Jahre eine Quartalszeitschrift – nun werden wir eine Halbjahreszeitschrift sein. Aus ökonomischen Gründen, aber auch aus Rezeptionsgründen.

 

Ein Abschied auf Raten?
Famler: Die jetzige Redaktion ist sehr kreativ, und die Texte gehen uns auch nicht aus. Die Band spielt gut, das Songbook stimmt offensichtlich. Offensichtlich gibt es auch ein Publikum, zumindest, wenn die Band auftritt.

 

Aber die Zeiten sind hart...
Famler: Ach herrje, das waren sie doch immer! In unserer Jugend der Mangelgesellschaft sind wir meilenweit herumgelaufen, um eine „Konkret“ zu kriegen! Ich will das nicht zurück. Aber die Härte der Überflussgesellschaft ist vergleichbar geworden mit der Härte des Mangels. Eine fatale Einsicht.

 

Lassen Sie uns noch einmal ins Jahr 1968 zurückkehren. Damals ist Juri Gagarin tödlich verunglückt, der berühmte Kosmonaut, den Sie als eine Art Elvis Presley der untergegangenen Sowjetunion verehren. Eine österreichische Form der Ostalgie?
Famler: Mich interessiert die Figur Gagarin ideengeschichtlich. Als Schnitt- und Spiegelungs-Figur dieser 60er Jahre. Als die Amerikaner 1969 auf dem Mond gelandet sind, wurden wir nächtens als Kinder geweckt, um dieses welthistorische Ereignis am Fernsehschirm mitzuverfolgen. Das Bild war so schlecht, dass es ausgeschaut hat wie eine dieser Schnee-Kugeln. Und wie dieser Armstrong, als Schatten wahrnehmbar, dann offensichtlich auf dem Mond war, hat mein Vater den Kasten abgestellt und gesagt: Burschen, offensichtlich sind die Amerikaner jetzt da oben gelandet. Aber: Der erste Mensch im Weltraum war ein Sowjetrusse, Juri Gagarin! Das habe ich natürlich sofort wieder vergessen. Erst Jahrzehnte später ist es mir wieder ins Bewusstsein gekommen. 1997, auf der Suche nach der Moskauer Buchmesse, wo ich vage mit Kollegen verabredet war, bin ich auf den „Pavillon Kosmos“ gestoßen und wurde ich zufällig Zeuge, wie die große Weltraum-Ausstellung, eigentlich eine Gagarin-Propaganda-Ausstellung, demontiert und zum Abtransport vorbereitet wurde. Ein Erlebnis, das mir ganze Bibliotheken über den Verfall und Untergang von Großreichen ersetzt. Es gab eine große Aluminium-Büste, die wollte ich vor der Verschrottung retten. Ein dadaistisch-spontaner Entschluss: Ich wollte den Kopf des Juri Gagarin retten! An dem Vorhaben sind wir gescheitert. Aber ich habe noch vor Ort die Bewegung Kocmoc/Gruppe Gagarin gegründet – mit dem Ziel, das Lächeln des Juri Gagarin weltweit in die Antlitze der Frauen zu zaubern. Daraus ist ein Projekt entstanden, das in einer großen Weltraumausstellung 2011 hier in der Wiener Kunsthalle münden wird.

 

2007 sind Sie in einem roten Austro-Fiat, dem legendären Puch 500, mit dem amtlichen Kennzeichen W-OSTOK-1 nach Moskau gereist. Offensichtlich mehr als eine reine Spaß-Guerilla-Aktion?
Famler: Bei der Fortschreibung eines solchen Skripts wird man irgendwann selbst zur Figur. Die man aber offensichtlich authentisch spielt. Das ist aber auch eine Fortsetzung von akkumulierten Erfahrungen im Aktivismus, die ich hatte und die mir immer auch Spaß machten. Es ist auch eine Camouflage, ein Freiraum. Natürlich steckt da eine große Melancholie dahinter, die mit den unbewältigten Resten der eigenen Jugendträume zu tun hat. Das ist doch ein Privileg, mit fast 40 Jahren, als Mensch mit Frustrationen, Hoffnungen und Träumen, noch ein Idol zu finden. Ich brauch zumindest keinen Psychotherapeuten...

 

Sie sind in diesem Sommer auf der Moskauer Luft- und Raumfahrtschau Wladimir Putin begegnet. Wann fliegt Walter Famler als erster Repräsentant der Buchbranche ins All?
Famler: Schwarzfahren wäre da schwieriger als in der Wiener U-Bahn. Aber manche Freunde frotzeln schon: Du bist wahrscheinlich der einzige und erste, den die Russen kostenlos rauf schießen (lacht). Aber momentan sind die Probleme auf dem Planeten Erde in unseren Lebenspraxen so groß, dass der Weg in den Kosmos eher mit kleineren Schritten bewältigt wird. Wir betreiben unser Projekt mit einer grundsätzlichen intellektuellen Ernsthaftigkeit, gleichzeitig mit ironischen Unernst. Und natürlich ist es auch ein Größenwahn ...

 

... wie er wohl in dieser ausgeprägten Form nur in Wien entstehen kann.
Famler: Es gibt ein ganz spezifisches österreichisches Borderline-Syndrom, das wissen wir schon. Und gleichzeitig ist der Weltraum die größtmöglichste Projektionsfläche! Ich habe schon viele Gespräche in Gagarin-Gespräche gewendet. Da machst Du fünf Minuten das Geschäftliche, und zwei Stunden sprichst Du über Gagarin. Und die Leute gehen froh weg, denn sie kriegen eine gute Geschichte. Das ist auch eine Technik, um sich selber weiter im Sinn zu halten, im Lebens-Sinn. Es geht am Ende darum, das Leben zu bewältigen. Ob man das mit einer Zeitschrift macht, mit einer Weltraum-Fantasie als Stoff, oder hinterm Schlagzeug, wo man den Takt hält – was ja, nebenbei, auch eine Kontrollfunktion ist. Dahinter steckt nicht nur Lebenslust, sondern auch Lebensangst.

 

Weitere Bilder zum Interview gibt es hier zu sehen.

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