Karin Plötz empfiehlt Fußball-Bücher

"Spielzeuge in den Händen von Oligarchen"

Die LitCam-Direktorin Karin Plötz stellt jeden Monat ein aktuelles Fußball-Buch vor. Heute, passend zur anstehenden WM, ein Lesebuch zur Geschichte des russischen Fußballs, das die dunklen Seiten nicht ausspart.

© Die Werkstatt

Im Vorfeld der WM in Russland wird viel über den Dopingskandal, russische Hooligans und die Wahl in Russland geredet. Kaum ein Wort fällt aber über den russischen Fußball.

Jetzt gibt es – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Lesebuch, das einen Einblick in die weithin unbekannte Tradition und Kultur des russischen Fußballs gibt: "Russkij Futbol". In einzelnen Geschichten werfen renommierte Autoren Schlaglichter auf ausgesuchte Facetten und bieten dadurch einen Einblick in die russische "Fußballseele".

1912 wurde der allrussische Sportverband gegründet. Kurz danach gab es dann auch die größte Niederlage einer russischen Mannschaft: Eine Auswahlmannschaft wurde zu den Olympischen Spielen nach Stockholm gesandt und verlor dort gegen das deutsche Team 0:16. Aber der Rasensport fand trotzdem in Russland schnell mehr Anhänger. Erst 1936 erhielt die UDSSR eine Nationalliga und 1946 trat die Sowjetunion dann der FIFA bei.

Thomas Urban beschreibt in seiner Geschichte über Nikolai Starostin exemplarisch die Situation des Fußballs in der Stalinzeit und danach. Nikolai Starostin wird heute noch als Übervater von Spartak Moskau verehrt. In den 30er Jahren gerieten er und seine drei Brüder, die ebenfalls für Spartak antraten, in das Räderwerk der Politik – weil sie zu gut Fußball spielten. Denn sie schlugen Clubs, deren Präsidenten ganz oben in der Hierarchie der Kommunistischen Partei standen. Alle vier Brüder wurden 1942 als Mitglieder einer "Antisowjetischen Gruppe" zu je zehn Jahren Lager verurteilt, der Staat konfiszierte ihr Eigentum. Dank ihrer Berühmtheit überlebten die Brüder den GULAG. Nach dem Tod Stalins wurden die Starostin Brüder 1954 rehabilitiert und Nikolai Starostin Sportdirektor bei Spartak und schließlich Vereinspräsident.

Und wie Fußballspiele die Diplomatie beeinflusst haben, beschreibt Matthias Kneifl. 1955 traf mitten im Kalten Krieg im Dinamo Stadion die Mannschaft der Sowjetunion auf die Auswahl des Deutschen Fußballbundes (DFB) aus der Bundesrepublik. Zwischen Bonn und Moskau gab es noch nicht einmal diplomatische Beziehungen. Kurz darauf reiste aber Adenauer nach Moskau. Russland gewann 3:2. Das Fußballspiel wurde so zum Auftakt einer Annäherung von Sowjetunion und Bundesrepublik.

Heute sind in Russland die Fußballclubs oft teure Spielzeuge in den Händen von Oligarchen, Staatsunternehmen oder Machthabern wohlhabender Regionen. In Russland gibt es nicht einen Club der sich selbst tragen kann. Es fehlt an effektiver Nachwuchsförderung. Zudem gibt es die Probleme der gewaltbereiten Hooligans und ihre Liaison mit der rechtsradikalen Szene – auch wenn sie nur eine Minderheit in der gesamten Fanszene bilden. Aber es gibt auch positive Entwicklungen bei den Fans, so seit 2014 eine Faninitiative "ZSKA Fans gegen Rassismus".

"Russkij Futbol" bietet mit seiner spannenden Einführung in den russischen Fußball schon mal einen Vorgeschmack auf die Fußball-WM in Russland. Und es gibt auch noch 16 wunderbare Farbtafeln der berühmtesten Akteure der russischen Fußballgeschichte. Alles in allem ist Russkij Futbol ein wirklich lesenswertes Lesebuch.

Bibliografie

Stephan Felsberg, Tim Köhler, Martin Brand (Hrsg.):
"Russkij Futbol. Ein Lesebuch"
Die Werkstatt
224 S., 16,90 Euro
ISBN 978-3-7307-0395-3

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