Kommentar zu Stokowski versus Lehmkuhl

Die Furcht vor dem verstrahlten Grund

Die Autorin Margarete Stokowski hat eine Lesung in der Buchhandlung Lehmkuhl abgesagt, weil sie nicht an einem Ort auftreten wollte, an dem Bücher rechter Autoren und Verlage angeboten werden. Was sagt das über unsere Debattenkultur aus? Ein Kommentar von Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen.

Buchhändler Michael Lemling und Autorin Margarete Stokowski

Buchhändler Michael Lemling und Autorin Margarete Stokowski © privat // Gregor Fischer/dpa

Was darf politische Aufklärung, und was muss sie ertragen? Darf ein Buchhändler Bücher rechter Autoren anbieten? Die Autorin Margarete Stokowski wollte nicht bei Lehmkuhl in München auftreten und sagte eine Lesung ab, eben weil dort auch rechte Bücher im Laden liegen. Man dürfe nicht zur Normalisierung rechten Denkens beitragen und für Gewinne rechter Autoren und Verlage sorgen, so Stokowski.

"Wer sich gegen Rechts engagiert, sollte wissen, was Rechte denken und lesen, wie sie argumentieren", hält Lehmkuhl-Geschäftsführer Michael Lemling der Autorin entgegen. Womit er zweifellos recht hat: Aufklärung ohne Publizität und ohne Auseinandersetzung mit den Primärinhalten findet nicht statt. Die öffentliche Debatte auch über strittige und unerwünschte Posi­tionen ist gelebte Meinungsfreiheit und damit zugleich das Fundament einer offenen Gesellschaft.

Muss man deshalb aber die Bücher von Antaios & Co. zum Verkauf anbieten? Kann man die nicht auch in einer Bibliothek entleihen? Oder gehören die nicht sowieso in den Giftschrank? Das wäre die Antwort eines autoritären Systems. Eine offene Diskussion über Rechts erfordert mehr, auch um den Preis intellektueller und moralischer Zumutungen. Dazu gehört zum Beispiel auch die Wahlkampfkostenerstattung für rechte Parteien, die den Staat ablehnen.

Was die offene Gesellschaft zudem gefährdet, ist eine Un­kultur der Absage, die symptomatisch ist für eine Armut der Argumente. Künstler, die befürchten, nicht im richtigen Umfeld aufzutreten, weil ein anderer Künstler auftritt, der etwa mit Israel sympathisiert, boykottieren Festivals. Und Margarete Stokowski sagt ab, weil hier ein Linksliberaler – unter dem Rubrum "Neue Rechte, altes Denken" – Bücher rechter Autoren anbietet. Die Furcht, vermeintlich verstrahlten Boden zu betreten, wiegt bei ihr offenbar schwerer als der Verlust der offenen Aussprache. Ohne diese gleitet eine Gesellschaft jedoch in die »Aktion« ab; wie man weiß, eine Sackgasse, die in Gewalt endet.

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9 Kommentar/e

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  • Matz Müller

    Matz Müller

    In seinem SZ-Interview solidarisiert sich Herr Lemling mit dem Autoren Wendt, einem Blogautor, der für ein neurechtes Publikum schreibt (publicomag, Achse des Guten usf.). Das wäre im Prinzip im Rahmen einer breiten Diskussion vielleicht OK, nur Herr Lemling sagt das nicht offen. Stattdessen tut er so, als wäre Wendt ein konservativer Politikjournalist, der, frei nach dem Motto: "man wird ja wohl noch sagen dürfen...", ganz naiv die gemeinsame Erklärung 2018 unterschrieben hätte und nun dafür von einer übereifrigen linken Buchhandlung bestraft wird. Damit holt er einen Autor von ganz rechts in die bürgerliche Mitte und legitimiert stillschweigend dessen 'Theorien'. Frau Stokowski ist da ehrlicher. Sie ist links und steht auch dazu. Sie mag halt nicht bei Leuten lesen, die nicht offen zu ihrer politischen Einstellung stehen - so kann man das vielleicht auch sehen.

  • Mechthild Buchner

    Mechthild Buchner

    Sehr geehrter Herr Roesler-Graichen,

    Margarete Stokowski ist nicht arm an Argumenten und auch nicht feige. Sie hat ihre Entscheidung nachvollziehbar begründet. Der Kollege Lemling hat ebenfalls seine Sicht dargelegt. Die "offene Aussprache" hat statt gefunden. Mehr haben die sich nicht zu sagen. Wenn Frieden und Demokratie bedroht sind, dann gewiss nicht von der von Ihnen diagnostizierten "Unkultur der Absage".

    Mit Israel-Boykott hat das Ganze nichts zu tun. Sie bringen da Verschiedenes durcheinander.

    Nicht nur in totalitären Staaten kommt etwas in den Giftschrank. Auch in demokratischen Gesellschaften unterliegt die Meinungsfreiheit bestimmten Regeln. Das nennt man hierzulande "wehrhafte Demokratie".

  • Indie

    Indie

    Ich kann Frau Stokowskis Entscheidung nachvollziehen. Es ist ihr gutes Recht, für eine Lesung das Umfeld kritisch zu sondieren.
    Sie ist wacht nicht über die Meinungsfreiheit und ist keine öffentliche Instanz für diese. Sie ist eine Autorin, die nicht in einem Umfeld rechter Literatur lesen möchte.
    Vielleicht auch nicht in einem Foto zur Veranstaltung mit solcher im Hintergrund veröffentlicht werden möchte.
    Ich halte viel von Meinungsfreiheit und offener Diskussionskultur, aber trotzdem kaufe ich nicht in Läden ein, in den thor steinar-Klamotten hängen und besuche auch keine Lokale, in denen rechter Rap dröhnt.

  • arno loeb

    arno loeb

    Will die Autorin Stokowski unter diesen Umständen überhaupt noch in einem Land leben, in dem die Literatur - egal welche Sorte? - unzensiert veröffentlicht wird?

  • Vito von Eichborn

    Vito von Eichborn

    Es geht nicht um "rechte", sondern um rechtsradikale Texte. Wer die verbreitet und daran verdient, handelt unwürdig.
    Si einfach ist das.

  • Jens Marquardt

    Jens Marquardt

    Lieber Herr Roesler-Graichen,
    danke für diesen Kommentar. Unsere Gesellschaft leidet an Ab- und Ausgrenzung, statt Austausch von Argumenten wird lieber weggehört oder gleich niedergebrüllt, gepfiffen und dergleichen mehr. Das findet sich im gesamten politischen Spektrum. Statt Verweigerung könnten Autoren auch diskutieren und einen Beitrag zur Öffnung leisten statt auszugrenzen. Je weniger in "Giftschränken" verschwindet desto besser. Dort wachsen Mythen.

  • Uwe Janssen

    Uwe Janssen

    Was eine Buchhandlung anbietet ist den Verantwortlichen der Buchhandlung überlassen. Als Autorin hat Margarete Stokowski aber selbstverständlich auch die Wahl, wo sie lesen will. Wie sie im Deutschlandradio Kultur gestern sagte, wollte sie die Absage gar nicht öffentlich erklären. Das hat der Buchhändler getan. Der muss sich nun schon fragen lassen, ob er damit in die Gesellschaft der Opfer gehört, die heute meinen, nicht mehr sagen zu dürfen, was sie wollen.

  • Martin Stankewitz

    Martin Stankewitz

    Es gibt immer wieder Leute , die aus einem Floh einen Elefanten machen müssen. Da stehen sich Stokowski und Leming in nichts nach. Wegen drei Büchern im Regal abzusagen ist schon übertrieben, genauso die Reaktion bei Lehmkuhl. Da haben sich beide schön blamiert.

  • Horst

    Horst

    @Herr Matz Müller: Bitte lassen Sie doch einfach mal die Kirche im Dorf. Alexander Wendt ist zuallererst ein Redakteur des Focus. Ihre Denunziation wäre dort besser aufgehoben.

    Sie werfen ihm vor, das hier unterschrieben zu haben:

    „Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird.“

    Wen melden Sie als nächstes... Uwe Tellkamp, Henryk M. Broder, oder posthum Ralph Giordiano?

    Links gegen Rechts sind keine Antworten mehr auf die aktuellen Probleme, pardon "Herausforderungen", denen wir alle uns stellen müssen, Herr Matz Müller.

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