Leipziger Buchmesse: Pressekonferenz zu "Leipzig liest"

Janoschs Tigerente, Marx und heiße Politik

Leipzig liest – und diskutiert. Die 27. Auflage des Literatur-Marathons von 15. bis 18.März verspricht politische Debatten, literarische Entdeckungen und spannende Unterhaltung. Ausblicke von der Vorab-Pressekonferenz zur Leipziger Buchmesse.    VON NILS KAHLEFENDT

Übersetzerin mit Luminita Corneanu, Oliver Zille, June Tomiak, Reinhard Bärenz (Moderation, MDR, von links)

Übersetzerin mit Luminita Corneanu, Oliver Zille, June Tomiak, Reinhard Bärenz (Moderation, MDR, von links) © Gaby Waldek

„Leipzig liest“, das längst zum Markenzeichen der Messe gewordene Literatur-Marathon, präsentiert sich in seiner 27. Auflage gewohnt üppig: 3600 Veranstaltungen mit 3400 Mitwirkenden an 550 Orten konkurrieren vom 15. bis 18. März um die Gunst des Publikums. Ein Füllhorn, das für jeden etwas bereithält – und den 40. Geburtstag von Janoschs Tigerente ebenso selbstverständlich feiert wie den 200. von Karl Marx. Nahezu alle wichtigen deutschsprachigen Frühjahrsnovitäten bekommen hier ihre Bühne, dazu freuen sich die Messe-Macher über klangvolle internationale Namen: Das Spektrum reicht von der britischen Bestsellerautorin Jojo Moyes bis zu Nicole Krauss, Viktor Jerofejew, Conny Palmen und Åsne Seierstad, die zur Buchmesse-Eröffnung im Gewandhaus den Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2018 erhalten wird.

Zur illustren Gästeschar gehören Querdenker wie Slavoj Zizek, Publikumslieblinge wie der DEFA-Indianer Gojko Mitic und mit Mette-Marit royaler Besuch – die norwegische Kronprinzessin ist „Buchbotschafterin“ ihres Landes. Dazu gibt es mit der UV-Lesung der unabhängigen Verlage (16. März, Lindenfels Westflügel) und den messetäglichen Lesungen am Stand „Die Unabhängigen“ (Halle 5, H 309), wo sich 42 Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentieren, bereits klassisch zu nennende Formate. Die Lange Leipziger Lesenacht, traditionell am Buchmessedonnerstag auf allen vier Bühnen der Moritzbastei, ist heuer auch bereits am Mittwoch zu erleben – insgesamt geben sich an beiden Tagen rund 80 junge Autorinnen und Autoren die Klinke in die Hand.

Oliver Zille

Oliver Zille © Gaby Waldek

Vieles spricht dafür, dass das Lesefest auch im kommenden März hochpolitisch ausfallen wird. „Selten wurden die Debatten in Deutschland um Politik so hitzig geführt wie in den letzten Jahren“, erklärte Buchmesse-Direktor Oliver Zille zur Vorab-Pressekonferenz in Leipzig. „Das Gute daran: Wir setzen uns wieder verstärkt mit dem Thema Politik auseinander. Denn sie bestimmt nicht nur unser Lesen, Lernen und Leben, auch wir bestimmen die Politik.“ Zum dritten und letzten Mal öffnen die Buchmesse und die Robert Bosch Stiftung mit dem Programm-Schwerpunkt Europa21 einen „Denk-Raum für die Gesellschaft von morgen“. Unter dem Motto „Sind wir wirklich die Besten?“ lädt der diesjährige Kurator Mohamed Amjahid Gäste aus Zivilgesellschaft, Kultur, Wissenschaft und Medien ein, die europäischen Werte auf den Prüfstand zu stellen. Höhepunkt ist ein „Europaduell“ am Messefreitag im Zeitgeschichtlichen Forum, zu dem unter anderen Adam Szymczyk, Chefkurator der Dokumenta 14, und die Journalistin Margarete Stokowski erwartet werden.

June Tomiak

June Tomiak © Gaby Waldek

Im Rahmen des traditionellen Schwerpunkts Fokus Bildung hat die Buchmesse gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung erstmals das Forum Politik und Medienbildung aufgelegt, in dem mit jugendgemäßen Formaten wie etwa einem „Demokratie-Slam“ Einblicke in Themen wie Zivilcourage, demokratische Bildung oder Digitalisierung gegeben werden soll. „Das ist ein Labor, ein Experiment“, meint Oliver Zille, „wir laufen los und lernen dabei“. Wie das aussehen könnte, erläuterte in Leipzig June Tomiak, die 2016 im Alter von 19 Jahren als jüngste Abgeordnete in das Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen war und zur Buchmesse mit einem Talk auftreten wird.

Unter dem Motto „Die Gedanken sind bunt“ organisiert #verlagegegenrechts, ein Aktionsbündnis „gegen rassistisches, antifeministisches und homofeindliches Gedankengut“, dem nach eigener Aussage rund 50 Verlage sowie 130 Einzelpersonen und Initiativen angehören, eine Veranstaltungsreihe unter anderem mit Liane Bednarz, Anita Djafari, Pippa Goldschmidt und Sascha Lobo. „Auf politischem Feld werden viele heiße Themen diskutiert“, meint Oliver Zille, „ich wünsche mir, dass wir uns nicht nur auf die lautesten fokussieren. Letztlich hat es jeder Aussteller in der Hand, dass wir im März eine faire und besonnene Debatte erleben“.

Luminita Corneanu

Luminita Corneanu © Gaby Waldek

Gastland Rumänien

1998, im ersten Buchmesse-Jahr auf dem neuen Messegelände, war Rumänien schon einmal Schwerpunktland an der Pleiße; vor drei Jahren erhielt mit Mircea Cartarescu der wohl bekannteste lebende rumänische Autor den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Im Rahmen der Vorab-Pressekonferenz zur Leipziger Buchmesse stellte Luminița Corneanu vom rumänischen Kulturministerium das Programm des Schwerpunktlandes 2018 vor: Rund 50 rumänische Autoren und Künstler werden zur Buchmesse in Leipzig erwartet, präsentieren ihre Neuerscheinungen und diskutieren über Sichtweisen auf ihr Land, seine Geschichte und die aktuelle gesellschaftspolitische Situation. Zentraler Veranstaltungsort auf der Messe ist der 300 Quadratmeter umfassende, amphitheaterartig gestaltete rumänische Stand (Halle 4, E 501), umgesetzt vom renommierten Architekten Attila Kim, der auch die rumänische Präsenz auf der Kunst- und Architektur-Biennale in Venedig verantwortet. Im Zentrum des Standes steht der Veranstaltungsraum, um den sich Ausstellungen, eine Buchhandlung und ein Infopoint gruppieren. Mit über 70 Veranstaltungen und der Präsentation von rund 40 vom Rumänischen Kulturinstitut geförderten Neuübersetzungen möchte der Gastlandauftritt in Leipzig ein lebendiges Bild der zeitgenössischen Kulturszene Rumäniens vermitteln und Türen zur rumänischen Literatur öffnen. Luminița Corneanu, die angesichts volatiler politischer Verhältnisse in Rumänien zu denen gehört, die für Kontinuität in der auswärtigen Kulturarbeit sorgen („Die Dinge laufen weiter, auch wenn Minister zurücktreten“), wurde natürlich nach ihrem Lieblingsbuch gefragt. Sie nannte „Solenoid“, den jüngsten Großroman aus der Feder Mircea Cartarescus, der gegenwärtig von Ernest Wichner ins Deutsche gebracht wird. Geplanter Erscheinungstermin: Herbst 2019.

 

Leipziger Buchmesse / Leipzig liest
15. – 18. März 2018
im Verbund mit der Leipziger Buchmesse:
Manga-Comic-Con (MCC) 2018 (Halle 1)
24. Leipziger Antiquariatsmesse  (Halle 3)

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