Lieblingsbuchhandlung: Ferdinand Schmalz über die Wiener Buchhandlung Posch

Buchladen mit Größe

Ferdinand Schmalz, Wahl-Wiener und Bachmannpreisträger, kauft am liebsten in der Wiener Buchhandlung Posch ein.

Ferdinand Schmalz (links) mit Reinhold Posch

Ferdinand Schmalz (links) mit Reinhold Posch © Regine Hendrich

Unweit jener "stillen Straße" in der Wiener Josefstadt, die Ödön von Horváth den Schauplatz für sein Stück "Geschichten aus dem Wienerwald" bot, liegt die nicht ganz so stille, dafür sehr wienerische Lerchenfelderstraße. Spaziert man vom Schmerlingplatz in Richtung Lerchenfeldergürtel, zeigt sich einem ein Straßenbild, das noch geprägt ist von der Vielfalt des Einzelhandels und Kleinhandwerks. Man realisiert aufs Neue, was verloren geht, wenn unsere Einkaufsstraßen nur mehr von den immer gleichen Handelsketten dominiert werden.

Gerade bibliophile Gemüter stoßen auf der Lerchenfelderstraße alle paar Meter auf Buchhandlungen mit speziellen Sortimentsausrichtungen, darunter die Buchhandlung Posch. Unter dem markanten Schriftzug "Bücher" taucht man hinein in eine winzige, bis an die Decke mit Lesestoff gefüllte Kammer. Sprachinteressierte Kunden finden hier all das, was aus dem Angebot großer Buchhandelsketten längst verschwunden ist, weil es Bestsellern und Kochbüchern Platz machen musste. Hier kann man noch Bücher großer Sprach­artistinnen und Sprachartisten bestaunen, wie Ilse Aichinger, Ernst Jandl, Gert Jonke oder Friederike Mayröcker, die dem Buchhändler Reinhold Posch sogar ein Gedicht gewidmet hat.

Posch, der vor allem in Sachen Surrealismus bewandert ist, kennt die stillen Ecken, die verborgenen Nischen der Literatur noch, kennt vor allem jene Autorennamen, die zu Unrecht vom Vergessen bedroht sind. Kommt man, oft nur mit einer vagen Ahnung davon, was man sucht, in die Lerchenfelderstraße 91, verlässt man die Buchhandlung nicht selten mit einem Sack ­voller Titel, von denen man zuvor noch nichts gehört hatte.

In einem solchen Gespräch kann es schon passieren, dass man von dem gelernten Biologen Posch in die Unterschiede zwischen den Evolutionstheorien von Jean-Baptiste de Lamarck, Charles Darwin und Paul Kammerer eingeführt wird; dass man erfährt, wie Letzterer schon in der Zwischenkriegszeit davon ausging, dass sich Erlerntes schneller als gedacht ins Erbgut einschreibt, so driftet man hier immer wieder aufs Herrlichste ab. Aber gerade darum ist der Besuch in einer solchen Buchhandlung so viel mehr wert als dort, wo Kundentreue auf Scheckkartenformat geschrumpft ist.

Seit den 70er Jahren betreibt Reinhold Posch die Buchhandlung, die er von seinem Lehrmeister Lippman übernommen hat. Neben der Sprachkunst findet man hier vor allem auch gesellschaftspolitische Bücher von Hannah Arendt bis Slavoj Žižek, aber auch allerhand anarchistische Denkanstöße. Wer einmal den Schritt über die Schwelle zu Poschs Buchhandlung gemacht hat, kann daran nie mehr vorbeigehen, weil man hier das Nichtgesuchte findet, das, wovon man noch nicht wusste, dass man es sucht. Hier stoßen einem Bücher noch zu.

Und tritt man derart beglückt wieder aus dieser Bücherwunderkammer zurück auf die Lerchenfelderstraße hinaus, emp­fiehlt es sich, ein paar Schritte weiter stadtauswärts beim besten Croissant amande der Stadt, in der Bäckerei Felzl, die neuen Käufe zu durchblättern.

Ferdinand Schmalz (alias Matthias Schweiger) wurde 1985 in Graz geboren und lebt heute in Wien. Er gehört zu den erfolgreichsten jungen Dramatikern im deutschsprachigen Raum. Für die Erzählung "mein lieblingstier heißt winter" erhielt er in diesem Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis.

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