Metis-Zahlen: Umsatzplus bei unabhängigen Sortimenten

Kleine Händler ganz groß

Deniz Ulucan, Leitung Buch bei Media Control, hat zur Messe einige sehr interessante und bislang nicht publizierte Zahlen aus dem Metis Buchpanel gezaubert. Hier sind sie – und dazu ein Kommentar von Torsten Casimir.

Torsten Casimir

Torsten Casimir © Werner Gabriel

Kommentar von Torsten Casimir

Die Kleinen werden unterschätzt

Nähme man das herrschende Gerede für bare Münze, würden sich die Verhältnisse im Buchmarkt ungefähr so darstellen: Amazon ist ohnehin der Größte. Der Filialbuchhandel wächst wieder und verleibt sich Läden ein, wo immer welche zum Verkauf stehen. Die Kleinen leben zwar noch, aber sie werden weniger und ärmer. Die Hersteller betäuben ihren Schmerz auf der Streckbank des Werbekostenzuschusswesens, indem sie davon träumen, den Endkunden sehr genau kennenzulernen und bald höchstpersönlich bedienen zu können.

Die Wirklichkeit ist eine andere. Beim Feierabendbier am Buchmessestand von Media Control erschien die Realität unverhofft in Gestalt zweier verblüffender Zahlen. Was die Baden-Badener Mess-Diener da an ihre Standwand beamten, straft den Erzählungsmainstream von den Kraftverhältnissen Lügen: Während die Ketten in den ersten drei Quartalen des Jahres 4,9 Prozent an Umsatz einbüßten, legten die kleinen Händler im selben Zeitraum um 0,7 Prozent zu. Die Differenz stellt das aktuelle Gesamtminus von 1,3 Prozent in ein helleres Licht. Es ist also die alte, mit ihrer beispiellosen Vielfalt bis heute die Preisbindung begründende Struktur, welche die Buchwirtschaft vor schlimmerem Schaden bewahrt.

Diese Struktur wird von Marketing- und Vertriebsleuten der Verlage seit geraumer Zeit unterschätzt. Vielleicht wirkt eine Art Konsenszwang unter Profis: Was Kollegen anderer Unternehmen im selben Funktionssegment sagen, sage ich auch. So versichere ich mich gegen das Risiko, allein falsch zu liegen. Zugleich begebe ich mich der Chance, allein richtig zu liegen, aber dieser Verzicht tut ja akut nicht weh.

Die Zahlen von Media Control legen eine Abkehr vom allseits Geglaubten nahe. Sie regen dazu an, Werbeaufwände neu zu justieren unter dem Aspekt von Eigennutz. Es geht nicht um lebensverlängernde Maßnahmen für Siechende. Es geht nach wie vor um den wichtigsten Absatzkanal für Bücher.

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10 Kommentar/e

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  • Frau Körber

    Frau Körber

    Vielen Dank Herr Casimir. Sie sprechen mir aus der Seele. Nach 30 Jahren Buchhandels- und Verlagserfahrung habe ich im Januar diesen Jahres eine kleine unabhängige Buchhandlung in einer hessischen Kleinstadt übernommen und es läuft wirklich gut. Alles, was Sie schreiben kann ich nur unterstreichen. Wir "Kleinen" kennen unsere Kunden sehr genau und persönlich und bieten ganz individuelle Beratung und Konzepte an, die ankommen. Das macht den großen Unterschied und sichert konstante Umsätze.

  • Klaus Kowalke

    Klaus Kowalke

    Ein sehr guter Kommentar von Torsten Casimir! Kommt diese Botschaft auch in den Marketingabteilungen der Verlage, der großen Verlage, an? Ich wünsche mir das.
    Zitat: "Die Zahlen von Media Control legen eine Abkehr vom allseits Geglaubten nahe. Sie regen dazu an, Werbeaufwände neu zu justieren unter dem Aspekt von Eigennutz. Es geht nicht um lebensverlängernde Maßnahmen für Siechende. Es geht nach wie vor um den wichtigsten Absatzkanal für Bücher."

    Klaus Kowalke
    Lessing und Kompanie

  • rainer groothuis

    rainer groothuis

    Die Zahlen von MediaControl belegen endlich, was schon lange geahnt, aber nicht (mehr) ausgesprochen wurde. Sie sind wichtiger für die Verlage, als so manche Vertriebsstrategie derzeit abbildet, denn:
    Menschen werden in Zukunft Umsätze für bestimmte dingliche Produkte vermehrt und irgendwann ausschließlich an solche Orte tragen,
    an denen sie Dialog und Austausch, Gespräch und Zuwendung erfahren.
    Es gibt Buchhandlungen, die das immer geblieben sind:
    Besondere Orte kultureller Begegnung, an denen wir
    Menschen treffen, die lieben, was sie tun. Diese nennen wir zur
    Zeit »unabhängig«.
    Diese Buchhandlungen sind gut aufgestellt für eine Zukunft,
    in der Kultur und Sinnsuche, Welterfahrung und
    Herzensbildung eine gesellschaftliche Renaissance erleben,
    eine Renaissance, die, wenn wir ins Land blicken, sichtlich begonnen hat.
    Dies – die Persönlichkeit des Handels, seiner Orte, seiner Mitarbeiter – scheint mir der zentrale Vorteil des unabhängigen Sortiments gegenüber »Kette« und »Onlineritis«. Ein Vorteil, der sich nun in Zahlen dokumentiert, und manchen Verlag zumindest zu einem Moment des Innehaltens bewegen sollte.

  • Ulrich Dombrowsky

    Ulrich Dombrowsky

    Hoffentlich kommen diese Zahlen auch bei der gewöhnlich gut informierten Presse an. Dann werden wir hoffentlich nicht mehr mit Grabesstimmen konfrontiert, die uns mitleidig nach unserer Meinung zur Zukunft des Buches befragen, wo die Stimmlage uns schon die Antwort suggerieren will.
    Und hoffentlich kommen in die Stimmen der interviewten BuchhändlerInnen wieder Zuversicht und Hoffnung. Aber vor allem: Selbstbewusstsein! Und auch die Buchhandlungen sollen wieder mehr nach Buch, und weniger nach Nicht-Buch aussehen. Wenn schon die Buchhändler nicht mehr an ihr ureigenes Produkt glauben - wie sollen es denn ihre KundInnen.

  • Stephanie Lange

    Stephanie Lange

    Lieber Herr Casimir,
    ein bisschen haben wir es hier mit Äpfeln und Birnen zu tun.
    Dennoch ist diese positive Botschaft, besonders wenn sie spannende Handlungsoptionen für Verlage und Buchhändler bietet, richtig und wichtig. Diese Zahlen in Kombination mit den nicht hoch genug zu bewertenden Ergebnissen der Börsenvereins Kundenbefragung und Analyse "Quo vadis" zeigen deutlich, was nun zu tun ist. Es gibt noch Hebel: für die Vertriebe, für die Marketingabteilungen, für die Buchhandlungen, für die Innenstädte. Aber eben keinen großen, einen Hebel, sondern viele, kleine Hebel. Das ist mühsamer als in den 80er Jahren, zugegeben. Aber es bringt die notwendigen Ergebnisse und macht Freude. Und dem Kunden und seinen Bedürfnissen und Interessen sind wir heute näher denn je. Viele Grüße Ihre Stephanie Lange

  • Ein Buchhändler

    Ein Buchhändler

    Sehr guter Kommentar!
    Vielleicht täte auch Herrn Busch von Thalia, oder in den Geschäftsleitungen der großen und regionalen Filialisten eine Wahrnehmung dieser Zahlen gut. Ich sehe da immer große Flächen mit geringer Frequenz und hohem Personalaufwand. Nur gut, dass jetzt einmal das Geschäftsmodell der Kleineren mit poisitiven Zahlen unterfüttert wird. Die Zukunft wird es zeigen... Für mich jedefalls ist klar, dass auf die Dauer nur der authentische persönliche Buchhandel - wenn er gut geführt ist - neben den wachsenden Online-Umsätzen erfolgreich sein kann.

  • Frank Hermsteiner  Straelener Buchhaus

    Frank Hermsteiner Straelener Buchhaus

    Nach gängiger Meinung vieler Betriebs- und Steuerberater dürfte es eine 45qm Buchhandlung wie unsere gar nicht geben. Meine Frau hat von 2003 bis 2011 bei Buch Habel gearbeitet und den Flagship-Store in Krefeld mit eröffnet. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich als Gast bei der Eröffnung über die Rolltreppen staunte und zur Kenntnis nahm, dass sogar die Hobbybuch-Abteilung größer als mein ganzes Geschäft war. Ich fragte mich ernsthaft: “Was machst du falsch und wie lange kannst du gegen einen solchen Riesen bestehen?”.
    Nicht erst seit den Zahlen von Media Control weiß ich: ich machte offenbar gar nichts falsch und das lange traurige Siechtum des Buchtempels in Krefeld war mir in den Folgejahren stets eine Warnung.
    Viele inhabergeführte Buchhandlungen sind mittlerweile für die Innenstädte systemrelevante Inseln. Wenn man die schlimmsten kaufmännischen Fehler vermeidet, sich vernetzt, keinen zu hohen Investitionsstau aufkommen lässt und sich eine gesunde neutrale Außensicht auf das eigene Geschäft bewahrt, dann kann man nicht nur überleben, sondern auch gut leben. Uns gibt es jetzt jedenfalls schon seit etwas mehr als 20 Jahren und unser Steuerberater staunt mittlerweile nicht mehr darüber.

  • Guntram Gattner

    Guntram Gattner

    Generell ist dies eine angenehme Botschaft und wir sehen unsere Art von Buchhandel - also viel Buch, wenig Schnickschnack - bestätigt. Gleichwohl werden wir von der Veränderung im Leseverhalten nicht verschont bleiben. Und es bleibt auch bei den buchaffinen Kunden oft der generelle Eindruck haften, das große Fläche große Kompetenz bedeutet bzw. günstige Preise. Zudem werden die Verlage ihre Konditionen für kleinere unabhängige Buchhandlungen so schnell nicht ändern, heißt die Kette nebenan hat mindestens 5 Prozent günstigere Kosten. Das ärgert trotz manchem Erfolg schon sehr.

  • Silvia Horn

    Silvia Horn

    Endlich eine Nachricht ohne Trauerflor- und vielleicht die Chance erhöht, gute MitarbeiterInnen und junge Buchmenschen zu finden. Unsere KundInnen kaufen gerne bei uns ein und machen sich bei der momentanen Presse Sorgen. In einem todgeweihten Geschäft macht Einkaufen keinen Spass- also bitte gerne wieder mehr positive Meldungen- Wir leben genauso gut wie 2012 - und freuen uns darauf, mit den Verlagen weiter und gerne mehr im Gespräch zu bleiben!

  • Ein Vertreter

    Ein Vertreter

    Eine gute Nachricht. Die auch all die Verlage gern hören, die durch eine hohe Vertreterdichte und gute Konditionen auch für die vielen kleinen und mittleren Buchhandlungen ein attraktiver Partner bleiben oder werden wollen. Wenn jetzt auch noch die Bereitschaft der Buchhändler wüchse, das so wichtige Vertretergespräch auch zu führen (um eben all die vielen kleinen Hebel in Bewegung zu setzen) und damit die Beratungsstärke des stationären, inhabergeführten Buchhandels zu festigen, wäre die Welt fast perfekt.

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