Offener Brief

"Von der Kommerzialisierung zurück zum Buch"

"Mit Sorge betrachtet der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA) seit geraumer Zeit den in der Verlagsbranche allgemein zu beobachtenden Trend, dass eine Sensation mehr wiegt, als ein sorgsam gearbeitetes Buch", heißt es in einem Offenen Brief.

Hier der Brief im Wortlaut:

"Wenn in weiten Teilen des Verlagsbetriebs immer mehr an Lektoraten gespart und der schnelle unternehmerische Erfolg – sei es durch prominente Namen oder durch andere „Sensatiönchens“ – mehr wiegt, als die Förderung talentierter Autoren; wenn der „Bestsellerismus“ das verlegerische Handeln bestimmt, statt die literarische Substanz, dann steht die Verlagsbranche vor einem Scheideweg zwischen Kommerz und nachhaltiger Literaturförderung.
Mit Sorge betrachtet der Bundesverband junger Autoren und Autorinnen (BVjA) seit geraumer Zeit den in der Verlagsbranche allgemein zu beobachtenden Trend, dass eine Sensation mehr wiegt, als ein sorgsam gearbeitetes Buch. In weiten Teilen der Verlagsbranche wird an Lektoraten eingespart und gleichzeitig das Ziel verfolgt, dass möglichst schnell (eventuell durch unsere Medienwelt hochstilisiert) kurzzeitige Verkaufserfolge zu erzielen seien. Die Kommerzialisierung – bislang bekannt aus der medialen Showwelt – hat den Literaturbetrieb erreicht. Es erscheint fast ein Symptom der Zeit zu sein, wenn zur gleichen Zeit Verlagslektorate (den schnellen Verkaufserfolg und die Sensation im Blick) offensichtliche Plagiate übersehen und sodann „rechtfertigend“ der Aufweichung des Urheberrechts das Wort geredet wird. Nicht weniger besorgniserregend ist seit Jahren die Tendenz, wenn der kurzzeitige Hype oder prominente Namen à la Bohlen, Pooth oder Roche auf dem Coverbild mehr zählen, als die literarische Substanz eines Werkes. Zur gleichen Zeit werden amerikanische Bestseller „importiert“ und arrivierte (junge) deutschsprachige Literatur hat es schwer, Verlage zu finden, die noch ein unternehmerisches Risiko für sie tragen möchten.

In diese Zeit fällt weiters, dass sich viele kleine Verlage, die sich die Literaturförderung noch auf die Fahnen geschrieben haben, durch den Verlust von Standards in weiten Teilen der Verlagsbranche eingegrenzt fühlen müssen: Einerseits von den erschwerten Marktmaximen eines erfolgreichen Buches und zum anderen
von der Aufweichung rechtlicher Standards, wie sie von „schwarzen Schafen“ der Verlagsbranche praktiziert werden. Mit größter Sorge betrachten junge Autoren die Entwicklung, dass die Förderung talentierter junger Literatur zugunsten der Kommerzialisierung in weiten Teilen der Branche auf der Strecke bleibt und sich gleichzeitig immer mehr „schwarze Schafe“ an Pseudoverlagen auf dem Markt breit machen – Unternehmen, die sich diese Situation zu Lasten junger Autoren zu Nutze machen. Dabei geschieht eine solche Kommerzialisierung nicht nur zu Lasten der (jungen) Autoren, sondern sie wirkt sich genauso nachteilig auf den gesamten Literaturbetrieb aus, d.h. geht genauso zu Lasten der seriösen Verlage und des gesamten Lesepublikums. Junge Schriftsteller fordern ein Ende der Aufweichung rechtlicher Standards und fordern alle Beteiligten der Literaturbranche dazu auf, dem Einzug der Kommerzialisierung im Literaturbetrieb Einhalt zu gebieten. Sie fordern ein nachhaltiges Verständnis für die „Literatur von morgen“ ein, bei der in Überzeugung für junge Literaten und in voller Leidenschaft für die Literatur – unter Einhaltung aller rechtlichen Standards! – wieder engagierte Literaturförderung betrieben wird."

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3 Kommentar/e

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  • Petra van Cronenburg

    Petra van Cronenburg

    Einen Kommentar aus Autorensicht gibt es hier:
    http://cronenburg.blogspot.com/2010/04/welttag-des -buches.html

  • Matthias Kehle

    Matthias Kehle

    Aus Sicht des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS), dessen Landesvorsitzender ich in BaWü bin, ist dem nichts hinzuzufügen.

  • Michael Kühnapfel

    Michael Kühnapfel

    Man kann dazu sicher geteilter Meinung sein - der Literaturbetrieb ist schon lange kommerzialisiert und trivialisiert, schon vor 20 Jahren wurden ein unterirdisches Niveau erreicht. Verlegerische Verantwortung ist schon seit geraumer Zeit allenfalls noch den Quartalszahlen geschuldet - und man kann das für richtig oder falsch halten, je nach belieben.
    Wer neben dem Massenmarkt schreibt, darf sich natürlich über mangelnde Rezeption nicht beklagen - auch das ist nicht neu - neu war nur, das in den Vorfällen der letzten Zeit ein eklatantes Versagen der Literaturkritik offenbar wurde, die nicht nur inhalts- und kriterienlos aufschien, sondern auch ihre PR-abhängige Meinungsfindung klar aufzeigte.
    Wenn ein, zugegebenermaßen geniales, PR Urheberrechtsvelretzung als eigene Kunstform definiert, statt zuzugeben, in die Falle getappt zu sein, dann ist das natürlich bedenklich, nötigt aber doch Bewunderung ab. Und, ehrlich, die Zukunft der Urheberrechte sind weniger eine Frage verlegerischen Wollens als Könnens in einer digitalen open-source Welt. Für mich nicht unbedingt erwünschenswert, aber ich sehe auf Kunden- wie auf Verlagsseiten hier einen breiten Konsens.
    Aber das bei allseits beliebte Lektoren-Bashing hätten sich die Autoren sparen und meine Vorredner nicht unterstützten brauchen. Das ist dann doch, bei allem Verständnis für das Selbstmitleid, etwas primitive Ursachenzuschreibung.

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