Offener Brief der Kurt Wolff Stiftung zum „Tübinger Memorandum“ und zur Stroemfeld-Insolvenz

"Die Lage ist ernst!"

Der Vorstand der Kurt Wolff Stiftung schlägt Alarm. In einem offenen Brief warnen Britta Jürgs, Leif Greinus und Jörg Sundermeier vor verheerenden Marktentwicklungen und den Konsequenzen des Buchkäuferschwundes.

Der Vorstand der Kurt Wolff Stiftung (v.l.): Jörg Sundermeier, Britta Jürgs und Leif Greinus

Der Vorstand der Kurt Wolff Stiftung (v.l.): Jörg Sundermeier, Britta Jürgs und Leif Greinus © KWS

„Die Zeiten für Verlage sind ernste. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat verkündet, dass man in fünf Jahren rund sechseinhalb Millionen Buchkäuferinnen und -käufer verloren habe, lediglich 45 Prozent der Bevölkerung kaufen der Statistik zufolge einmal im Jahr ein Buch. Im Juni 2017 hat der Deutsche Bundestag eine Änderung des Urheberrechts in Bildung und Wissenschaft beschlossen, die das Geschäft vieler redlich arbeitender Wissenschaftsverlage erheblich schmälert. Die Deutsche Post hat die Portokosten für Büchersendungen um 20 Prozent erhöht. Die deutsche Monopolkommission hält die Buchpreisbindung für überflüssig.

All diese Nachrichten haben Konsequenzen:

- Vor wenigen Tagen gab der Verlag Klöpfer & Meyer in Tübingen – er ist Mitglied im Freundeskreis der Kurt Wolff Stiftung – bekannt, auf sein nächstes Frühjahrsprogramm verzichten zu müssen und seine Arbeit unter den nun vorherrschenden Umständen nicht mehr fortführen zu können.

- Der Münchener A1 Verlag, dessen Programm in der kommenden Ausgabe des Kurt Wolff-Kataloges „Es geht um das Buch“ (erscheint im Oktober) ausgiebig gewürdigt wird, hat bereits im vergangenen Jahr seine Liquidation beschlossen.

- Die „FAZ“ verkündete heute, dass der Frankfurter Geschäftsteil des Stroemfeld Verlages (es gibt einen weiteren Firmensitz in der Schweiz) Insolvenz anmelden musste. Die „FAZ“ begründete dies mit der „schrumpfenden Interessentenzahl“ für die vielgelobten Werkausgaben des Verlages, für die Stroemfeld 2007 den Kurt-Wolff-Preis erhalten hatte.

Jürgen Kaube, der Herausgeber des FAZ-Feuilletons überschrieb seine Meldung mit dem Titel „Einst, als wir lasen“.

Die Kurt Wolff Stiftung glaubt nicht daran, dass die Zeiten des Lesens, des Bücherlesens vor allem, bereits Vergangenheit sind. Doch wir sehen mit wachsender Sorge, dass die Verlage, gerade auch die unabhängigen Verlage, immer mehr unter Druck geraten. Und mit ihnen die literarische Vielfalt, die Bibliodiversität, die Buchhandlungen und nicht zuletzt die Urheberinnen und Urheber.

Insofern begrüßen wir es, dass beeindruckend viele Autorinnen und Autoren des Verlags Klöpfer & Meyer der Initiative der Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger und Thomas Knubben folgen, deren „Tübinger Memorandum: Wider das Sterben der Verlage, für Diversität der Literatur und Buchkultur“ unterzeichnen, und somit Unterstützung für herausragende konzernunabhängige Verlage verlangen.

Wir begrüßen es sehr, dass mehrere Bundesländer, Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen, Verantwortung übernehmen und herausragende Verlage aus ihrer Region mithilfe von Verlagspreisen sichtbar machen.

Besonders begrüßen wir es, dass die Staatsministerin für Kultur und Medien, Professorin Monika Grütters, sich vehement für den Erhalt der Buchpreisbindung einsetzt und jüngst einen Preis für unabhängige Verlage in Aussicht gestellt hat.

Denn die Lage ist ernst. Tagtäglich sehen wir auf der Straße wie in den sozialen Medien eine Verrohung der Sitten und der Sprache. Gute Bücher aber sind eine gute Waffe gegen Dummheit. Wir müssen daher alle dafür eintreten, dass unsere Gesellschaft eine ist, die nicht nur las, sondern liest und lesen wird.“

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