Salah Naoura über den Jugendliteraturpreis

Mehr tun für deutschsprachige Kinderliteratur

Für die Leseförderung sind deutschsprachige Autoren unerlässlich, findet der Berliner Übersetzer und Kinderbuchautor Salah Naoura ("Matti und Sami und die größten Fehler des Universums", Beltz & Gelberg).  Naoura nimmt Stellung zum Sonderpreis für "Neue Talente", den das Bundesjugendministerium ab 2017 ausschreibt.

Salah Naoura

Salah Naoura © Gaby Waldek

"Der Deutsche Jugendliteraturpreis lobt ab 2017 einen Sonderpreis für Erstveröffentlichungen neuer Talente aus – das verwundert. Denn Autorenförderung gehöre nicht zu den Zielsetzungen dieses Preises, haben die Stifter und Ausrichter des Deutschen Jugendliteraturpreises immer wieder betont, im Vordergrund stünden die Interessen von Kindern und Jugendlichen.

In der Tat: Als Teil der kulturellen Bildungsmaßnahmen des Kinder- und Jugendplans, der diesen Preis finanziert, ist er der Leseförderung und Integration verpflichtet. Kindern soll die Freude am Lesen (und Selberschreiben) vermittelt, Chancen junger Menschen mit Migrationshintergrund sollen verbessert werden. Was wir daher brauchen, ist ein Instrumentarium, den jeweils aktuellen Stand deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur stärker in den Fokus zu rücken, denn deutschsprachige Autoren und Illustratoren sind es, die durch Lesungen und Schreibworkshops genau das einlösen, was die Richtlinien des Deutschen Jugendliteraturpreises fordern.

Der neue Sonderpreis sei auch als eine Antwort zu verstehen, heißt es. Aha. Worauf denn? 2013 wurde dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend als Preisstifter in einem offenen Brief der konkrete Vorschlag unterbreitet, deutschsprachige und übersetzte Titel künftig in getrennten Sparten zu nominieren und auszuzeichnen, um deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur, ihre neuesten Strömungen und Tendenzen, im In- und Ausland deutlicher herauszustellen. Unterschrieben von mehr als 500 Autoren - darunter so renommierte wie Paul Maar und Klaus Kordon – und Illustratoren, sogar zahlreiche Preisträger gehörten zu den Unterzeichnern.

Der Deutsche Jugendliteraturpreis hat eine lange Tradition und war immer auch ein internationaler Preis. Was aber spricht gegen ein Nebeneinander deutschsprachiger und übersetzter Werke? Für eine Trennung in jeweils eigene Sparten gibt es gute Gründe – auch solche, die den Stiftern und Ausrichtern des Deutschen Jugendliteraturpreises selbst am Herzen liegen sollten. Unverständlich also, dass dieser Vorschlag bislang schlicht ignoriert wurde. Es reicht heute nicht mehr, Empfehlungslisten als Orientierungshilfe zu veröffentlichen. Kinder brauchen die direkte Ansprache - für viele ist es inzwischen leider Neuland, einer Geschichte zu lauschen. Wer also Leseförderung im Sinn hat, sollte den Blick auf die Werke deutschsprachiger Kinderbuchschaffender schärfen."

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24 Kommentar/e

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  • Irene Margil

    Irene Margil

    Danke Salah!

  • Andreas Schlüter

    Andreas Schlüter

    Wunderbare Stellungnahme des Kollegen Salah Naoura. Auf den Punkt gebracht. Danke, Salah!

  • Thomas Wolff

    Thomas Wolff

    Absolut richtig! Ein Blick auf die Nominierungsliste zeigt, dass die Kritik der Autoren und Illustratoren immer noch aktuell ist. In der Kategorie "Bilderbuch" sind beispielsweise fünf Lizenzen und nur eine Originalausgabe nominiert.

  • Angela Kirchner

    Angela Kirchner

    Da kann ich mich nur anschließen: Warum man sich gegen eine Trennung so sträubt, aber eine neue Sparte eröffnet, um ebendieser Trennung eine versteckte - aber unnötige - Hintertür zu öffnen, erschließt sich mir leider nicht.

  • Katharina Reschke

    Katharina Reschke

    Genau so ist es. Salah Naoura bringt es exakt auf den Punkt!

  • W. Bönisch

    W. Bönisch

    Danke für die klaren Worte. Ob sie jedoch an den entsprechenden Stellen gehört werden und etwas bewirken, steht in den Sternen.

  • Thilo Krapp

    Thilo Krapp

    Salah Naoura spricht allen mir bekannten Autoren und Illustratoren (und mir selbst) aus der Seele.

  • Heike Brillmann-Ede

    Heike Brillmann-Ede

    Lieber Salah,
    DANK auch aus der Sicht einer Lektorin! Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen für den DJLP endlich Ihre Sicht weiten und zu zeitgemäßen EINsichten kommen. Meine Unterstützung haben Du und die Initiative Deutscher Literaturpreis auch weiterhin: http://www.djlp-initiative.jimdo.com
    Sonniges von Heike

  • Anja Fröhlich

    Anja Fröhlich

    Danke für die klaren und wahren Worte!

  • Heike Wiechmann

    Heike Wiechmann

    Danke, Salah Naoura, für diesen Beitrag. Die deutschen Kinder- und Jugendautor*innen und -Illustrator*innen arbeiten auf einem hohen Niveau in einem internationaler werdenden Markt. Auch wenn der deutsche Jugendliteraturpreis "keine Autorenförderung" betreiben soll, ist es unverständlich, warum dieses Instrument nicht dazu genutzt wird, diese hohe Qualität sichtbar zu machen und zu würdigen.
    Mit dem neuen "Sonderpreis junge Talente" widerlegen die Ausrichter des Preises ihre eigene Argumentation, dass der Jugendliteraturpreis nicht als Autorenförderung gedacht sei und verpassen die Chance für eine Neuausrichtung des Preises, die in meinen Augen einer Förderung der deutschen Kinder- und Jugendliteratur angemessener wäre.

  • Barbara van den Speulhof

    Barbara van den Speulhof

    Ja, so ist es. Ein Häkchen hinter jeden Satz. Danke für die klare und präzise Stellungnahme, Salah Naoura.

  • Sybille Hein

    Sybille Hein

    Ich habe meine große Begeisterung für Geschichten bei einer wundervollen Lesung von Manfred Limmroth entdeckt. »Schotts schlimme Kinder« Ein bunter Funke, der bis heute in meiner Brust lodert...

  • Rüdiger Bertram

    Rüdiger Bertram

    Stimme Salah Naoura voll und ganz zu.
    Danke für die klaren Worte.

  • Claudia Duval

    Claudia Duval

    Genau so! Ein dickes Danke für diese Worte auch von einer Buchhändlerin, die immer wieder gerne Autorinnen und Autoren einlädt, damit Kindern die Möglichkeit gegeben wird zu lauschen, zu staunen und Fragen zu stellen.

  • Anna Herzog

    Anna Herzog

    Genau! Danke, Salah!

  • Andreas Hartmann

    Andreas Hartmann

    Danke für diese klaren Worte. Dem ist nichts hinzuzufügen!

  • Ralf Schweikart

    Ralf Schweikart

    Schade, dass im Beitrag und in den Kommentaren der Einfachheit halber zwei unterschiedliche Dinge – sprich Preise – miteinander vermengt werden. Der Sonderpreis zum DJLP war und ist schon immer ein werk- bzw. personenbezogener Preis, im Jahreswechsel für einen deutschsprachigen Autor/Illustrator/Übersetzer. Er wurde 1991 erstmals verliehen. Der Nachwuchs-Sonderpreis "Neue Talente" ergänzt diesen Preis – nicht die international vergebenen Spartenpreise des DJLP. Was will man diesem neuen Preis nun vorwerfen? Dass er die Gesamtdiskussion nicht im Sinne der DJLP-Initiative beendet? Tut er nicht. Wird nicht andersherum ein Schuh draus: Endlich ein passabel dotierter Preis für Menschen, die damit Luft zum atmen und zum Weiterschreiben bekommen, was ihnen Verlage heute kaum mehr gewähren?

  • Salah Naoura

    Salah Naoura

    Lieber Herr Schweikart,
    wer hier der Einfachheit halber zwei Dinge vermengt, die nichts miteinander zu tun haben, ist das Bundesminsterium, das die Schaffung dieses neuen Preises nun als Reaktion auf unser Anliegen ausgibt, das wir dort - persönlich - mehrfach vorgetragen haben.

  • Sylvia Heinlein

    Sylvia Heinlein

    Wie klar und gut auf den Punkt gebracht! Danke, Salah.

  • Constanze Guhr

    Constanze Guhr

    Nun, vielleicht kann durch diesen neuen Preis die Aufmerksamkeit für die ausgezeichneten Bücher/Autoren/Illustratoren etwas erhöht werden. Denn durch die wiederholte Auszeichnung von Büchern, deren Erschaffer/innen dann nicht zur Preisverleihung erscheinen und auch keine Lesereisen machen können, ist der Preis bei Branchenfremden ja immer noch nicht sehr bekannt.

  • Heike Brillmann-Ede

    Heike Brillmann-Ede

    Verehrter Herr Schweikart,
    der Nachwuchspreis geht auf die DJLP-Initiative zurück! Ich kann das sagen, denn ich war bei dem Gespräch im letzten Frühjahr in Bonn mit dabei.
    Gleichzeitig gilt: NICHTS spricht dagegen, dem jetzigen DJLP endlich ein verändertes Profil zu geben -- mit zwei gleichberechtigten Sparten für übersetzte Titel und originale, deutschsprachige Bücher. Warum eigentlich ist das so schwierig? In anderen Ländern wird ganz selbstverständlich die originale Bilder-/Kinder- und Jugendliteratur durch nationale Preise gewürdigt. Egal, wie lange die AutorInnen und IllustratorInnen bereits aktiv sind. Warum nur machen wir hier in Deutschland ein Problem daraus?
    Mit beschwingten Grüßen, Heike Brillmann-Ede



  • Salah Naoura

    Salah Naoura

    Eine echte Reaktion auf unser Anliegen wäre gewesen, drei Jahre nach dem offenen Brief endlich einmal konkret darzulegen, welche Argumente eigentlich gegen eine getrennte Nominierung und Auszeichnung von Originalen und Lizenzen sprechen, mit der die Internationalität des Preises ja gewahrt bliebe. Diese Antwort sind uns die Stifter und Ausrichter des Preises bislang leider schuldig geblieben. Autorenförderung war nie unser Ziel.

  • Ralf Schweikart

    Ralf Schweikart

    Ja, das macht die Diskussion ja so mühsam. Anstatt über den Sinn des neuen Sonderpreises zu sprechen, steht dessen Entstehung im Mittelpunkt. Und plötzlich wird eine Redakteurs-Einordnung in einem vorangegangenen Artikel hier im Börsenblatt: "Der Sonderpreis ist auch als eine Reaktion zu verstehen" in die Nähe des Preisstifters gerückt, als hätte der das so gesagt oder zumindest gemeint. Hat er aber nicht. Also: Der neue Sonderpreis ist das eine eine, er ist in meinen Augen gut und sinnvoll. Die Spartenfragen des DJLP sind das andere, haben damit nichts zu tun und sollten separat betrachtet und diskutiert werden.

  • Katharina Reschke

    Katharina Reschke

    Ich verstehe bis heute nicht, was so schwierig daran ist, zwei Kategorien ("originalsprachlich" und "Übersetzungen") einzuführen, wie es die Initiative DJLP angeregt. Keiner würde dadurch etwas verlieren, sondern im Gegenteil, es wäre ein Gewinn für alle, denn so würden z.B. auch die ÜbersetzInner viel mehr in den Fokus gerückt, die sich ja genauso wie die AutorInnen und IllustratorInnen für die Leseförderung in diesem Land stark machen!

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