Sascha Lobo über seinen neuen Verlag

Sobooks weiß, was Leser wollen

Der Technologie- und Internetexperte Sascha Lobo will mit seinem Verlag Sobooks das E-Book neu erfinden. Wie das funktionieren soll, erklärt er im Gespräch mit boersenblatt.net. VON FRAGEN: HOLGER HEIMANN

Die Ankündigung für Ihre neue E-Book-Plattform, Sobooks, klingt vollmundig: Sie wollen das E-Book so weiterentwickeln, wie es dem Zeitalter des Internets angemessen ist. Geht es nicht etwas kleiner?
Man braucht ein bisschen Größenwahn. Mit Sobooks werden wir versuchen, den E-Book-Markt neu aufzurollen. Wir wollen das mit Autoren, Verlegern und Agenten tun, vor allem aber nicht gegen die Leser und Nutzer. Das E-Book, wie wir es jetzt kennen, ist das, was die Digitalisierung mit dem Buch gemacht hat. Uns interessiert, was das Internet und die sozialen Medien mit dem Buch tun. Wir versuchen deshalb, eine neue Form von E-Book zu finden, die der digitalen Vernetzung angemessen ist.

Was heißt das konkret?
Konkret bedeutet das: Sobooks findet komplett im Browser statt. Wir glauben nicht an zusätzliche Geräte. Reine E-Book-Reader werden sich eher in einer Nische wiederfinden. Die Zukunft gehört Geräten, mit denen man im Internet rumstromern kann.

Reader haben sich rasant verbreitet.
Die letzten Zahlen aus den USA belegen, dass Reader auf dem absteigenden Ast sind. Ihr größter Nachteil ist, dass sie auf ein ganz und gar geschlossenes Konzept setzen. Amazon kontrolliert von vorn bis hinten, was auf den Kindle kommt und was nicht. Ich glaube, dass offenere Konzepte sinnvoller sind; und damit meine ich explizit nicht, dass man alles herschenken soll. Es gibt intelligente Konzepte, die nicht so durchkontrolliert sind, wie Amazon das praktiziert. Wir haben Sobooks gegründet, um ein offenes, internetaffines Konzept in die Welt zu stemmen.

Wodurch zeichnet sich das von Ihnen propagierte offene System aus?
Sobooks steht für Social Books. Wir glauben, dass das die nächste Entwicklungsstufe darstellt. Und „offenes System" bedeutet in diesem Zusammenhang vor allem, dass wir versuchen, den Lesern so wenig Zumutungen wie möglich zu bescheren. Social Reading ist ein wichtiger Bestandteil von Sobooks, Leser werden also zum Beispiel Bücher kommentieren können – mehr möchte ich im Moment nicht verraten.

Wird sich das Schreiben verändern?
Das Schreiben wird extrem verändert durch die Art und Weise, wie wir in Zukunft mit E-Books umgehen. Das hat eine ganze Reihe von Gründen. Pointiertere Texte funktionieren im Digitalen einfach besser. Ich glaube deshalb, dass Bücher kürzer werden und Autoren häufiger veröffentlichen; das gleicht sich ein bisschen den schnellen Publikationswellen im Internet an. Ein Sachbuch wird rund 100.000 Zeichen haben, also rund 50 Seiten lang sein. Hinzu kommt: Wenn Autoren, Lektoren und Literaturagenten anonymisierte Daten über den Umgang mit elektronischen Büchern einsehen können, dann kann dies das Schreiben ebenso beeinflussen. Ich glaube nicht, dass der Schriftsteller – erst recht nicht der Sachbuchautor – irgendwo in einem Elfenbeinturm sitzt und nichts von seiner Umgebung wahrnehmen soll. Es ist doch interessant zu wissen: nur ein Drittel der Leute haben das vierte Kapitel überhaupt erreicht oder die Hälfte der Leser haben nach dem Vorwort abgebrochen.

Das Schreiben wird sich also stärker an den Wünschen der Leser orientieren?
Man muss unterscheiden zwischen der Kunstform des Schreibens und dem Schreiben, das einen Nutzwert mitbringt. Wenn man das Sachbuch zu der zweiten Kategorie zählt, dann halte ich ein Schreiben, das sich an den Wünschen der Leser orientiert, für absolut legitim. Im Moment wird der Markt hinsichtlich des Leser stark durch eine Mischung aus Erahnen und Nicht-Wissen bestimmt. Wir wollen das ändern. Wenn man weiß, was der Leser will, kann man immer noch absichtlich dagegen verstoßen. Und es werden nach wie vor die spannendsten Bücher sein, die sich genau um ein solches Leserinteresse nicht kümmern.

Sollen im an Sobooks angeschlossenen Verlag vorrangig auf Zielgruppen zugeschnittene Sachbücher erscheinen?
Es werden Bücher erscheinen, die sich für die Form eignen. Welche das genau sind, versuchen wir im Moment noch herauszufinden. Wir müssen sehr viele Annahmen überhaupt erst einmal abprüfen. Meine Prognose ist aber, dass wir den Sachbuchbereich etwas stärker bedienen werden. Momentan wird der E-Book-Markt von belletristischen Titeln beherrscht – sie machen 85 Prozent aus, nur 15 Prozent sind Sachbücher. Das ist kein Zufall. Das gegenwärtige Format bedient schlicht und einfach nicht die Erwartungen, die Leser an digitale Sachbücher haben.

Sascha Lobo ist am 8. Oktober als Keynote-Speaker bei der Contec in Frankfurt dabei. 

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13 Kommentar/e

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  • Bernd Floßmann

    Bernd Floßmann

    Die Formate von E-Books, wie sie zur Zeit am meisten genutzt werden, also EPUB, Mobi und AZW, sind Pakete (meist zip), welche "Webdateien" (XHTML) enthalten. E-Books sind also schon jetzt nichts anderes als verpackte Web-Seiten.

    Das Ziel dieser Pakete ist genau die Marktfokussierung auf einzelne Vertriebssysteme und die Verkaufbarmachung von Texten (Erzeugung von wahrnehmbaren Objekten) durch Reduzierung von Fähigkeiten. Für alles Andere gibt es das normale HTML/PHP usw.

    Technische Lese-Geräte reduzieren den Aufwand für die LeserInnen, das ist die Idee dahinter, sie machen E-Books stofflich, anfassbar. Diese Reduzierung, so glaube ich, ist also ein Marktvorteil, keine Randerscheinung.

    Eine Anbindung an soziale Netze, Kommentierbarkeit, Durchsuchbarkeit und die Möglichkeit von Lesezeichen gibt es bereits jetzt in allen Readern.

    Zumutungen führen paradoxerweise zur Kundenbindung, nicht zum Kundenverlust.

    Der eigentliche Wert von E-Books besteht also in dem Vertriebssystem hinter und um das Format herum.

    Ich verstehe das Anliegen von Sobooks und bin deshalb sehr gespannt, wie sich Sascha Lobo das vorstellt, was also das Besondere, der USP, sein wird.

  • Daniel

    Daniel

    Hat er doch alles schon lange angekündigt. Wann kommt denn das große, revolutionäre Zauberwerk? Seit Ewigkeiten ist nur ein Anmelde-Schlitz auf der Website, was soll das? Wenn nicht bald was nachkommt, war's malwieder nicht mehr als heisse Luft.

  • Michael Dreusicke

    Michael Dreusicke

    @Bernd
    eBooks als EPUB-Dateien sind etwas ganz anderes als "normale" Webseiten, ihre Funktionalität ist erheblich eingeschränkt.
    "gibt es bereits jetzt in allen Readern" scheint mir auf ein grundsätzliches Missverständnis hinzudeuten, worum es bei dem hier vorgestellten Ansatz der Sache nach geht: Um dynamische, voll funktionsfähige Websites, die das gesamte Spektrum der Webtechnologie zulassen und in jedem Browser laufen. Das ist etwas *ganz* anderes als EPUB-eBooks ;)

  • Jakob Jochmann

    Jakob Jochmann

    Books in Browsers gehört die Zukunft. Leserinnen und Lesern ist doch der technische Zinnober hinter der Leseerfahrung schnurzpiepegal. Die Marktteilnehmer auf Verkaufsseite hingegen haben jeder ihre ganz eigenen Partikularinteressen, die nicht unbedingt mit dem Interesse von Usern zusammen passen.

    Da ist es absolut legitim, sich als Anbieter der bloßen Inhalte wenigstens dem Gerangel um technische Hürden (die allesamt bloße Kundengängelei sind) zu entziehen und sich auf den einen halbwegs offenen Standard zu konzentrieren, über den für viele Plattformen gleichermaßen spannende Leseerlebnisse gebaut werden können.

    Was wir in der Branche brauchen, sind Ansätze, die uns weiterbringen, solche Erlebnisse überhaupt produzieren zu können. Digitales Lesen als Premiumerlebnis anzubieten, heißt allerdings zunächst mal, sich dort Kompetenzen zu erarbeiten und, auf die Gefahr des Scheiterns hin, in Experimente zu investieren.

    Keine Ahnung, ob Sobooks dann irgendwann auch mal ein solches Experiment wird, und nicht bloß eine Idee bleibt. Aber zum Glück gibt es noch mehr Leute, die da mit Herzblut drangehen. Womöglich kommen die allerdings nicht aus der Buchbranche und deswegen hören wir nichts von denen, oder belächeln sie gar, bis es zu spät ist. Stichwort Disruption.

  • Verleger

    Verleger

    Irgendwie erinnert mich Sascha immer mehr an Axl Rose. Jahrelange großspurige Ankündigungen. Ob dabei auch so einen "epochales Meisterwerk" wie "Chinese Democracy" herauskommt ...? Allerdings: Axl kann wirklich gut singen.

  • Sceptus

    Sceptus

    Womöglich hab ich es verpasst - aber seit wann genau ist Lobo jetzt auch noch "Technologieexperte"?

  • LastGunman

    LastGunman

    Lustig, ist das tatsächlich ein Always-On für Bücher? So eins, bei dem Microsoft mit der Xbox One eine 180-Grad-kehrtwende machen musste, angesichts eines übelriechenden Sturms?

    Also ich möchte meine Singleplayergames offline zocken können, ohne Aktivierung, ohne Onlinezwang und damit Abhängigkeit von Anbieter und Server.

    Meine Bücher, egal ob auf Papier oder im Reader lese ich auch weiterhin offline. Für Multiplayergames habe ich meistens keine Zeit, aber wenn Herr Lobo Multiplayerbücher rausbringt, sehe ich sie mir gerne mal an.

    BTW: Man redet ja immer von Leselizenzen. Das treibt das ganze auf die Spitze. Kein Besitz mehr für den kleinen Mann, am Besten pro Benutzung zahlen. Na, da werden sie bei einem Sammler wie mir aber arm...

  • Lesie & Sprachie

    Lesie & Sprachie

    Was Sascha Lobo am allerbesten kann - sich selbst vermarkten. Und dann wird er flugs auch als "Experte fürs Internet" bezeichnet. Lach. Sicher könnte sich seine Idee bei jenen durchsetzen, die sowieso nicht wirklich Lust am vertieften Lese-Denken und - Schreiben haben...Nur noch kurz und schnell -schnell? Nein. Lieber nicht.

  • Michael Nardelli

    Michael Nardelli

    Na, wenn schon das pars pro toto des "digital natives" keine Lösung fürs digitale Lesen anbieten kann, wundert mich nicht mehr, dass wir bei diesem Thema nicht vom Fleck kommen. Wie soll denn da der gemeine Buchhändler, der sich noch mit Gedrucktem beschäftigt, Durchblick haben?

    Die Idee des Buchs im Browser ist geradezu niedlich. Fallen mir sofort die kostenlosen Bürospielchen ein (Moorhuhn!). Ach, war das lustigg damals im Büro.

    Also, zumindest für anspruchsvolle Literatur eignet sich der Browser nicht. Da kann der Bohemian Lobo noch so viele Keynotes sprechen. Wird das Lesen hier über die Kulturflatrate abgegolten? Oder über das bedingungslose Grundeinkommen? Und gehört mir, was ich im Browser kaufe?

    Im übrigen ist der Browser ein unsicherer Kantonist. Die NSA freut sich sicher schon auf Sobooks...

  • Ebook-Leserin

    Ebook-Leserin

    Bücher im Browser: so lange uninteressant, wie es kein Computer / Tablet / Smartphone gibt, der länger als einige Tage durchhält, ohne den Akku neu laden zu müssen.
    Wenn die Akkus der Geräte so lange durchhalten, wie der eines EInk - Lesegerätes, können wir nochmal darüber reden. Wobei dann noch das Problem der Augenfreundlichkeit beim Lesen bleibt. Für Vielleser ist so ein normales Display nämlich immer noch nicht wirklich schön.

  • Elblette

    Elblette

    Klingt gut. Endlich geht mal was mit allen Geräten. Dass man nicht offline lesen kann, hat keiner gesagt, man kann auch mit Spotify offline hören. Es hat auch keiner gesagt, dass man nicht auf dem eBook-Reader lesen kann, er muss nur einen Browser haben. Und Literatur geht nicht, weil Moorhuhn blöd war, das leuchtet mir ein. Wobei ja von Literatur auch weniger die Rede ist als von Sachbüchern. Also, was war jetzt noch gleich das Argument, warum das nicht taugt? Ach so. Sascha Lobo. Geht gar nicht. Ja dann.

  • Michael Nardelli

    Michael Nardelli

    @Elblette: Soso, Sachbücher sind also keine Literatur - hmh, aha! "...ich mach' mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt." Und wat nicht passt, wird passen jemacht, nicht? Ja nee, iss klar.

  • Renate Blaes

    Renate Blaes

    Dass es mehr Belletristik im Ebook-Markt gibt, liegt möglicherweise daran, dass ein Sachbuch-Leser mit dem Buch "arbeitet".
    Ich lese sehr viele Sachbücher und stecke Zettel an relevante Stellen, unterstreiche wichtige Zeilen/Absätze. Mit einem Ebook kann ich nicht arbeiten. Zumindest nicht so, wie ich es gewohnt bin: mit Eselsohren, besagten Zetteln und der Möglichkeit, für mich relevante Stellen zu kennzeichen und schnell wiederzufinden.
    Nun soll mir der Spezialist mit der Hahnenkamm-Frisur mal sagen, wie er diese (meine) Vorlieben in ein Ebook übertragen möchte.
    Herr Lobo ist ein guter Selbstvermarkter, mehr nicht.

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