Schweizer Literaturpreise vergeben

Wunderhorn-Autorin unter den Siegern

Das Schweizer Bundesamt für Kultur wird am 16. Februar in Bern an sieben Autoren die Schweizer Literaturpreise verleihen. Sie erhalten je 25.000 Franken (23.300 Euro) und individuelle Fördermaßnahmen. Eines der literarischen Werke kommt aus dem deutschen Verlag Das Wunderhorn: Annette Hugs Roman "Wilhelm Tell in Manila".

Auf Empfehlung der Eidgenössischen Jury für Literatur werden folgende Autoren mit ihren Werken, die zwischen Oktober 2015 und Oktober 2016 veröffentlicht wurden, ausgezeichnet:

Laurence Boissier: "Inventaire des lieux", Genève, art & fiction, éditions d’artistes, 2015
Begründung der Jury: "Vom «Hotelzimmer» über die «Wiese» oder den «Abgrund» bis hin zur «Rumpelkammer»: Laurence Boissier präsentiert ein Inventar von 61 öffentlichen oder privaten, alltäglichen oder exotischen und bisweilen gar ein wenig albernen Orten. Die sehr kurzen, in der Gegenwart oder Vergangenheit und meistens aus der Ich-Perspektive erzählten Geschichten werden von der schwungvollen Energie und dem trockenen Humor einer bissigen Moralistin getragen. Das Werk zeichnet sich aus durch ein großzügiges Format und edles Papier, was das Lesevergnügen noch zusätzlich steigert."

Ernst Burren: "Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina", Muri, Cosmos Verlag, 2016, 128 S., 20 Euro
Begründung der Jury: "Nach 26 Büchern lässt Ernst Burren in seinem ersten Roman „Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina“ sechs Figuren zu Wort kommen, die mit verblüffend ehrlicher Offenheit in nach außen adressierten Monologen Einblick in ihre Wahrnehmung des Geschehens im dörflichen Umfeld gewähren. In polyperspektivischer Anordnung erklären sich diese tragikomischen, liebevoll gezeichneten Figuren die Geschehnisse in postmodernen Zeiten, sie versuchen, zurechtzukommen mit dem Strukturwandel in Familie und Landwirtschaft, mit neuen technischen Errungenschaften, mit dem Jungbleiben und Altwerden und dem ganz individuellen Scheitern."

Annette Hug: "Wilhelm Tell in Manila", Heidelberg, Verlag Das Wunderhorn, 2016, 200 S., 19,80 Euro
Begründung der Jury: "Auf mühelose Weise verknüpft Annette Hug gleich vier Geschichten. Sie erzählt die Jahre des philippinischen Nationalhelden José Rizal in Spanien, Frankreich und vor allem Deutschland, seine Übersetzung von Schillers Wilhelm Tell in seine Muttersprache, Tagalog, seinen Umgang mit Kapazitäten der deutschen Augenheilkunst und Völkerkunde und den Unabhängigkeitskampf der Philippinen im spanischen Weltreich. Beim Übersetzen denkt Rizal schon postkolonial, denn er nutzt den Kulturkontakt statt ihn zu verweigern. Der Roman ist eine historische Fundgrube von großer Aktualität."

Michel Layaz: "Louis Soutter, Probablement", Genève, Editions Zoé, 2016
Begründung der Jury: "Layaz zeichnet in diesem reifen Buch ein komplexes und gefühlvolles Portrait von Louis Soutter. Er erzählt uns das Leben dieses überschäumenden Künstlers mit grosser dokumentarischer Sorgfalt und deckt ein immer wiederkehrendes Motiv in dessen Werk auf: die Widerstandsfähigkeit der Lebenskraft unter dem Joch des Konformismus. Aus dieser Begegnung entstand ein starkes Werk, in dem sich die ausdrucksvolle Wortkunst des Romanautors konstruktiv mit der auf Tatsachen beruhenden Präzision der Untersuchung vermischt und auf diese Weise ein notwendiges und vollkommenes Grab für Louis Soutter errichtet."

Jens Nielsen: "Flusspferd im Frauenbad", Luzern, Der gesunde Menschenversand, 2016, 192 S., 17,50 Euro
Begründung der Jury: "Jens Nielsen versetzt uns in seinen Radio-Kolumnen in vertraut Alltagsszenen, die plötzlich aus den gewohnten Bahnen geraten und sich der Kontrolle entziehen. Bei aller Verblüffung über die oft fast surrealen Einfälle, bei allem Schmunzeln über schräge Situationskomik fühlen wir uns ertappt in geheimen Ängsten, aber auch in subversiven Wunschvorstellungen. Ein Buch voll von phantasievoller Lebensweisheit und voll von hintersinnigem, poetischem Witz."

Philippe Rahmy: "Allegra", Paris, Editions La Table Ronde, 2016
Begründung der Jury: "Ein frenetisches Werk, in dem die Gewalttaten unserer Zeit vor der Kulisse eines düsteren und harten Londons aufeinandertreffen. Hochfinanz, Macht, soziale Unsicherheit, verhinderte Identitäten, Radikalitäten, Terrorismus, Liebe, Trauer und Wahn. Die Hauptfigur Abel durchlebt diese Welten wie Zerreißproben. Das romanhafte Spiel gleicht einem vermeintlich ausweglosen Labyrinth und die intensiven, ungebändigten und ausdrucksstarken literarischen Bilder brennen sich dauerhaft ins Gedächtnis der Lesenden ein."

Dieter Zwicky: "Hihi – Mein argentinischer Vater", Wädenswil, edition pudelundpinscher, 2016, 168 S., 23 Euro

Begründung der Jury: "Aus dem scheinbaren Wildwuchs des Textes kristallisiert sich ein Muster: Das Porträt eines Vaters aus dem schweizerischen Hemmental kontrastiert mit einer anderen Version des Vaters in Argentinien. Der Erzähler stellt metaphysische Fragen, evoziert aber auch kraftvoll und genau, was man riecht, hört, fühlt, schmeckt und sieht. Seltsame Tiere wie das «beerensüchtige Namibwiesel» tauchen immer wieder auf. «Unsäglich fremd», bringen sie zum Staunen, Lachen und Nachdenken und werden so zu Figuren von Zwickys Text."

Die Preisträger erhalten einen Betrag von je 25 000 Franken und kommen in den Genuss von spezifischen Förderungsmaßnahmen, die ihre Werke auf nationaler Ebene bekannt machen sollen. Zusätzlich werden öffentliche Lesungen in der ganzen Schweiz veranstaltet, um den Bekanntheitsgrad der Werke auch jenseits der Sprachgrenzen zu steigern. Das Programm der Lesungen ist ab dem 20. Januar auf www.literaturpreise.ch verfügbar.

Die Preisverleihung findet am 16. Februar 2017 mit Bundesrat Alain Berset in der Nationalbibliothek in Bern statt. An diesem Anlass wird auch der Schweizer Grand Prix Literatur und der Spezialpreis Vermittlung verliehen. Diese mit je 40.000 Franken dotierten Auszeichnungen werden auf Empfehlung der Jury vergeben und würdigen Gesamtwerke.

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