Thomas Wörtche über die Litprom-Literaturtage

Frühwarnsystem

Der globale Code der Kriminalliteratur – darum soll es auf den Litprom-Literaturtagen Ende Januar 2019 gehen. Der Kritiker und Tagungskurator Thomas Wörtche über Konzept und Gäste.       INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

© picture alliance / NurPhoto

Werden wir in Frankfurt Zeugen einer Krimi-­Internationale?
Was wir versuchen, ist so etwas wie eine globale Momentaufnahme. Die Autorinnen und Autoren, die wir eingeladen haben, repräsentieren nicht nur geografisch, sondern auch inhaltlich die ganze Diversität des Genres, vom eher avantgardistischen Ansatz bis zum eher populären Ansatz. Dabei sind Vertreter aus Australien und Ozeanien, Afrika, Asien und Lateinamerika und stellvertretend für Europa zwei deutschsprachige Autoren, Merle Kröger und Max Annas. Wir haben Wert darauf gelegt, dass in der Literatur ein gewisser Innovationsgrad steckt, wie etwa bei der australischen Autorin Candice Fox. Weil unsere Lesevorlieben manchmal limitiert sind, möchten wir zeigen, wie Kriminalliteratur auf der ganzen Welt tickt. Das tut sie sehr unterschiedlich, aber dennoch mit einem globalen Code. Und wir schauen mal, ob wir den Quellcode analysieren können.

Was könnte der globale Code sein?
Der globale Code könnte sein, dass im Grunde für alle Gesellschaften Gewalt und Verbrechen konstitutiv sind– gleich, ob man nach Afrika, Lateinamerika oder Europa schaut. Und das lässt sich natürlich erzählerisch in Texte umwandeln. Es geht also nicht darum zu zeigen, wie schlecht die Welt ist, sondern, was man damit alles künstlerisch machen kann. Im Vordergrund steht nicht "littérature engagée", Realismus oder Dokumentarismus, sondern welche Fragen man angesichts der unschönen Gemengelage auf diesem Planeten stellen kann.

Funktioniert Kriminalliteratur – etwa in Brasilien und Südafrika – als Seismograf oder eine Art Frühwarnsystem für gesellschaftliche Verwerfungen?
Sie kann ein Frühwarnsystem sein, aber zunächst mal ist sie eine Chronik des laufenden Wahnsinns. Gerade verdichtete, urbane Gesellschaften, die Druck auf dem Kessel haben, produzieren viel Kriminalliteratur. Das sieht man in Asien, wo zunehmend autochthone Literatur produziert wird. In Japan gibt es schon eine eigenständige Tradition seit den 30er Jahren – aber dass jetzt Kriminal­literatur aus Hongkong, China und Korea kommt, ist schon bemerkenswert. Inzwischen liefert auch ein Land wie Pakistan Detektivromane und Politthriller. Und in Europa kam Griechenland mit Autoren wie Petros Markaris dazu. Dort hatte die Kriminal­literatur längere Zeit nicht stattgefunden.

Inwieweit spielen die Erzähltradi­tionen der Kolonialmächte noch eine Rolle?
Die Autoren stehen häufig in bestimmten Traditionen, dem französischen Noir oder dem amerikanischen Hardboiled, drehen diese Traditionen aber auch häufig um. Das kann man besonders bei dem von uns eingeladenen Hongkonger Autor Chan Ho-kei und seinem Roman "Das Auge von Hongkong" sehen. Er überschreibt den klassischen Deduk­tionskrimi so geschickt und raffiniert, dass dabei etwas ganz Neues herauskommt. Das ist ein äußerst spannendes, ungeheuer klug konstruiertes Buch. Das Bewusstsein dafür, eigene Erzählmuster zu entwickeln, kann man auch deutlich bei den beiden lateinamerikanischen Gästen Patrícia Melo und Mercedes Rosende sehen, die gegen ihre Überväter angeschrieben haben – und der Übervater par excellence heißt in den lateinamerikanischen Ländern natürlich immer noch Jorge Luis Borges.

Kommt Kriminalliteratur aus Regionen wie Lateinamerika, Ostasien oder ­Pakistan in deutschen Verlagen an?
Der Anteil wird allmählich größer. In deutschsprachigen Verlagen beobachten wir einen deutlichen Asienboom; es gibt viele japanische und koreanische Autoren. China, Lateinamerika und Südafrika sind längst vertreten. Als ich vor rund 20 Jahren mit dem metro-Programm im Unionsverlag angefangen habe, sah es noch ganz anders aus. Die deutsche Verlagslandschaft reagiert langsam, eher noch im Minderheiten-Programmbereich, aber die Bücher setzen sich durch. Es ist zum Beispiel interessant, dass wir auf der Krimibestenliste von "FAS" und Deutschlandfunk und der Weltempfänger-Liste der Litprom hohe Schnittmengen haben. Das zeigt, dass Kriminalliteratur heute auch den ästhetischen Ansprüchen des Weltempfängers genügt, der ja keine Genrebindung hat.

Auch in deutschen Krimis spielen globale Gewalt, Migration und Landraub eine Rolle …
Deswegen haben wir Merle Kröger zu "Global Crime" eingeladen, weil sie das Thema Migration bearbeitet, und Max Annas, der sich mit "Anders-Sein" auseinandersetzt. Er hat selbst in Südafrika gelebt und sieht hier zum Teil ganz andere Bruchlinien. Dann gibt es Autoren wie Oliver Bottini, die sich mit der globalen Landwirtschaft und dem Land Grabbing befassen. Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Schriftstellern, die sich mit diesen Themen befassen. Und auch, wie man bei den drei genannten Autoren sieht, mit erklecklichem Erfolg auf dem Markt. Das ist nun nicht mehr Minderheitenliteratur.

Wie wichtig wird der Austausch zwischen den Gästen aus allen Kontinenten sein?
Ich bin tatsächlich sehr gespannt, was die Autorinnen und Autoren sich gegenseitig zu sagen haben – zum Beispiel eine Autorin aus Uruguay einer Autorin aus Seoul. Der Austausch ist ein ganz wichtiges Ziel der Veranstaltung, deshalb haben wir dieses Mal die Workshops akzentuiert.

Thomas Wörtche

Thomas Wörtche © Petra Gass

Der Literaturkritiker und Publizist Thomas Wörtche kuratiert die Litprom-Literaturtage "Global Crime: Kriminalliteratur als globaler Code". Sie finden am 25. und 26. Januar 2019 im Literaturhaus Frankfurt statt.

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