Unwort des Jahres 2016

"Gutmensch" und "Verschwulung": Jury rügt Pirinçci

"Gutmensch" ist nach 2011 erneut zum "Unwort des Jahres" gekürt worden. Als "‘Gutmenschen‘ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen", begründete die Unwort-Jury ihre Wahl. Mit "Hausaufgaben" (Griechenlandkrise) wurde ein weiterer Begriff aus der Sphäre der Politik gerügt und eine explizite Klatsche gab es für Akif Pirinçcis homophoben Buchtitel "Die große Verschwulung".

"Mit dem Vorwurf ‚Gutmensch‘, ‚Gutbürger‘ oder ‚Gutmenschentum‘ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd, als Helfersyndrom oder moralischer Imperialismus diffamiert", so die Jury zu ihrer Entscheidung. Und weiter: "Der Ausdruck 'Gutmensch' floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird auch von Journalisten in Leitmedien als Pauschalkritik an einem 'Konformismus des Guten' benutzt." Die Verwendung des Ausdrucks verhindere somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten. Im gleichen Zusammenhang seien auch die ebenfalls eingesandten Wörter "Gesinnungsterror" und "Empörungsindustrie" zu kritisieren. Der Ausdruck "Gutmensch" wurde laut Jury 64-mal und damit am dritthäufigsten eingesandt.

Neben "Hausaufgaben" rügte die Jury aus das Wort "Verschwulung", das in einem Buchtitel des Autors Akif Pirinçci vorkommt ("Die große Verschwulung"). Die Online-Zeitschrift "Männer" und ihre Leser hatten das Wort schon zum "Schwulen-Unwort 2015" gewählt. Die Unwort-Jury teilte die Ansicht der Zeitschrift und ihrer Leser, dass ein solcher Ausdruck und die damit von Pirinçci gemeinte "Verweichlichung der Männer" und "trotzige und marktschreierische Vergottung der Sexualität" eine explizite Diffamierung Homosexueller darstelle und kritisiert den Ausdruck daher ebenfalls als ein Unwort des Jahres 2015. Auch durch die Analogie zu faschistischen Ausdrücken wie "Verjudung" sei die Bezeichnung kritikwürdig.

Die Unwort-Statistik 2015:

  • 669 verschiedene Wörter wurden eingeschickt
  • die Jury erhielt insgesamt 1.644 Einsendungen
  • die zehn häufigsten Einsendungen insgesamt, die allerdings nicht sämtlich den Kriterien der Jury entsprechen, waren Lärmpause [165], Willkommenskultur [113], Gutmensch [64], besorgte Bürger [58], Grexit [47], Wir schaffen das! [46], Flüchtlingskrise [42], Wirtschaftsflüchtling [33], Asylgegner/ - kritiker /Asylkritik [27] und Griechenlandrettung / Griechenlandhilfe [27]

Die Jury der institutionell unabhängigen Aktion "Unwort des Jahres" besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier Sprachwissenschaftlern Prof. Dr. Nina Janich/TU Darmstadt (Sprecherin), PD Dr. Kersten Sven Roth (Universität Düsseldorf ), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald) und Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) sowie dem Autor und freien Journalisten Stephan Hebel. Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr der Kabarettist Georg Schramm beteiligt  

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3 Kommentar/e

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  • Studierte Linguistin

    Studierte Linguistin

    Daß die Jury den Gutmenschen zum Unwort des Jahres wählt, ist nicht weiter dramatisch, hat sie doch bekanntlichwerweise eine politische Aufgabe.

    Der eigentliche Skandal ist, daß hier bei der Wortauswahl eine wissenschaftliche Vorgehensweise vorgegaukelt wird. Sich von beliebigen Personen beliebige Wortlisten senden zu lassen und diese im Lauf einer Woche zufallsgesteuert oder -- noch schlimmer -- auf ein gewünschtes Ergebnis hin auszuwerten, ist weit und breit entfernt von jeglicher wissenschaftlicher Arbeitsweise. Daß sich die Universität/Hochschule Darmstadt für so etwas hergibt, spricht Bände über ihr Selbstverständnis.

    Weil es diese derart unwissenschaftliche Vorgehensweise bereits vor der Abschaffung der Universitäten im Zuge der Bologna-Reform durch Schavan gab, stellt sich nur noch die Frage, ob die Universitäten zerstört wurden, _weil_ so etwas gängige Praxis war oder _damit_ so etwas gängige Praxis werden konnte.

  • Th. Kleinschmidt

    Th. Kleinschmidt

    "Die Verwendung des Ausdrucks verhindere somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten."

    Es scheint den demokratischen Austausch von Sachargumenten nicht zu behindern, wenn jede Kritik an der derzeitigen Asylpolitik als rechtspopulistisch bis -extrem bezeichnet wird. Das ist sehr beruhigend!

  • Moralinsaurer

    Moralinsaurer

    Meines Wissens war das Unwort des Jahres 2011 "Dönermorde". "Gutmensch" kam damals unter "ferner liefen" an...

    • ...

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