Vertrag zwischen Wiley und Projekt Deal

Preismodell mit Unbekannten

Als "revolutionäre Vereinbarung" feierten heute auf einer Pressekonferenz im Wissenschaftsforum am Berliner Gendarmenmarkt der Wiley Verlag und das Projekt DEAL der Wissenschaftsallianz die Kooperation beider Partner. Doch der Teufel steckt im Detail.        HOLGER HEIMANN

Welche Auswirkungen der Vertrag auf die Geschäftsentwicklung bei Wiley haben wird, ist ungewiss. Derzeit entfallen, nach Angaben von Geschäftsführer Guido Herrmann, etwas weniger als zehn Prozent des Konzern-Gesamtumsatzes von rund 870 Millionen Euro weltweit auf den deutschen Markt. "Wie sich der Umsatz nun entwickelt und welche Auswirkungen die Vereinbarung für andere Märkte hat, das ist nicht vorhersehbar", so Herrmann. Bei Wiley sieht man die Vereinbarung vor allem als notwendige Reaktion auf dynamische Märkte an: "Wir steuern lieber selbst als uns steuern zu lassen", kommentierte Judy Verses, Executive Vice President bei Wiley.   

Auch Horst Hippler, ehemaliger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Leiter des Projekts DEAL wies darauf hin, dass Veränderungen der Publikationspraxis unausweichlich seien: "Das geschieht – mit oder ohne uns." Man habe die Entwicklung mitbestimmen wollen, und das sei nur durch "kreative Lösungen" möglich gewesen. Kern der nun gefundenen Lösung ist eine jährliche durch die DEAL-Mitglieder an Wiley zu zahlende Gebühr, die abhängig sein soll von der Zahl der publizierten Artikel. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel: "Heute gilt: Wer viel liest muss viel zahlen. Ab jetzt soll gelten: Wer viel publiziert, muss mehr zahlen", so der Vorsitzende der 14. Berliner Open-Access-Konferenz Gerard Meijer von der Max-Planck-Gesellschaft.

Mit Springer wird weiterverhandelt

Die jetzt getroffene Vereinbarung könnte, so zumindest die Wunschvorstellung der DEAL-Allianz, zumindest teilweise Bewegung in die festgefahrenen Gespräche  mit den anderen beiden großen internationalen Wissenschaftsverlagen, mit Elsevier und Springer Nature bringen. Während die Gespräche mit dem Marktführer Elsevier seit Sommer 2018 ausgesetzt sind, und bislang kein neuer Termin in Aussicht steht, soll es nach Auskunft von Hippler schon am Donnerstag die nächste Gesprächsrunde mit Springer geben. Solange indes die Wiley-DEAL-Vereinbarung Exklusivitätswert hat, hoffen die beiden Vertragspartner einstweilen, dass viele Forscher den Deal als Anreiz sehen, verstärkt in Wiley-Zeitschriften zu publizieren.

"Faires Preismodell"

Hippler wertete die Kooperation als "einen wichtigen Meilenstein". Man habe sich mit Wiley auf "ein faires Preismodell" geeinigt, das es ermögliche, Forschung bezahlbar und nachhaltig zugänglich zu machen. Tatsächlich kann der Vertrag nach jahrelangen, mühsamen Verhandlungen von DEAL mit den drei international größten Wissenschaftsverlagen Wiley, Elsevier und Springer Nature als erster Durchbruch gelten. Anstelle von Einzelabos gilt jetzt – zumindest für die Publikationen von Wiley – die ausgehandelte Nationallizenz. In Deutschland habe man damit erreicht, was auch andere Wissenschaftsnationen anstrebten, bisher jedoch ohne Erfolg. "Deutschland ist an der Spitze der Entwicklung", sagte Guido Herrmann. Der Vertrag sei ein fundamentaler Schritt hin zur Förderung von Open Access und Open Science.

Garniert wird die Kooperation durch die Gründung eines neuen interdisziplinären Open-Access-Magazins. Außerdem soll eine Gruppe um neue Publikationskonzepte entwickeln, schließlich ist ein jährliches Symposium für deutsche Nachwuchswissenschaftler geplant.

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2 Kommentar/e

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  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Ob jetzt "die Wissenschaft" weniger für Zeitschriften zahlen muss? Ob sie die Dominanz der drei großen Wissenschaftsverlage beim Abkassieren der Budgets damit brechen und zurückdrängen? Ob dadurch Budget für Bücher frei wird? Ob das die Vielfalt im Wissenschaftsinformationssystem steigert? Ob jetzt die Ergebnisse von Wiley zurück gehen?
    Nein, so naiv ist wohl niemand.
    Die Umsätze und das Ergebnis von Wiley werden sich prächtig entwickeln. Die Wissenschaft wird mehr Geld an Wiley bezahlen als vorher. Sie werden behaupten, dass sie dafür auch mehr bekommen. Aber das sind all die Zeitschriften, die bislang noch bei kleineren Verlagen sind und durch Herrn Hipplers lenkende Hand nun zu Wiley wandern werden. Das Gesamtbudget für Zeitschriften und Bücher wird weiter reduziert, denn weil man den Buchhandel über Bord geworfen hat ("cut out the middleman") kann Hippler sich die Marge für schöne andere Dinge aufsparen.
    Und so löst man auch das Problem mit dem Zwang zu Open Access: wenn es nichts anderes mehr gibt, dann muss man auch niemanden mehr zwingen.
    Es ist ja nicht so, dass das niemand vorher gewusst hat. Der Börsenverein hat seit zwei Jahren alle Wissenschaftsorganisationen, Bibliotheksverbände und die Politik vor den absebaren Folgen von DEAL gewarnt. Es wurde nur immer behauptet, dass das alles ganz anders sei. Das Lügen ist zu einem wesentlichen Bestandteil der Wissenschaftspolitik geworden. Fake-Wissenschaft.

  • Barbara Budrich

    Barbara Budrich

    So geht Monopol. Dank der Bemühungen der Allianz der Wissenschaften wird nun der erste der die drei internationalen Großkonzerne mit planbaren Zusagen von staatlicher Hand versorgt. Nun wird also nach der Zahl der veröffentlichten Aufsätze vergütet - was für andere Wissenschaftsverlage bedeutet, dass die Zahl der veröffentlichten Aufsätze wohl zurückgehen wird. Folgerichtig hoffen die Vertragspartner darauf, "dass viele Forscher den DEAL als Anreiz sehen, verstärkt in Wiley-Zeitschriften zu publizieren". Es ist also definitiv allen Seiten klar, dass hier die Monopolisierung des Wissenschaftsmarktes weiter vorangetreiben wird. Was auf der anderen Seite heißt, dass alle übrigen der über 400 Wissenschaftsverlage in Deutschland zusehen müssen, wo sie bleiben. Wir werden erleben, ob die Versprechungen, dass "dann erst recht" (Steuer)Gelder für die Anschaffung von Publikationen oder die Finanzierung von Open Access für die übrigen Player bleiben. Player, die übrigens zu über 90% ihre Steuern in Deutschland bezahlen.

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