Börsenblatt Young Excellence Award 2021

Britta Fietzke: Sachbuch-Profi mit Ambitionen

29. Juni 2021
von Isabella Caldart

Sie hat sich durchgebissen und Großes in der Zukunft vor: Übersetzerin und Lektorin Britta Fietzke ist für den Young Excellence Award 2021 nominiert.

Britta Fietzke mit Lektorenhund Emma 

Wie viele andere Kinder hatte auch Britta Fietzke einst den großen Traum, Tierärztin zu werden. Anders aber als viele andere Kinder ging sie diesen Berufswunsch mit vollem Ernst an, wählte in der Schule Latein statt Französisch und jobbte in den Ferien in Tierarztpraxen. Dass Fietzke am Ende keine Tierärztin wurde, ist klar, sonst wäre sie nicht für den Young Excellence Award nominiert, sondern für andere Auszeichnungen. Aber den Ernst und die Zielstrebigkeit, die sie schon damals an den Tag legte, wenn es um ihren Job geht, hat sie sich beibehalten.

Von Grammatikfehlern zu Lokomotivanleitungsübersetzungen

Britta Fietzke wuchs in Köln auf. Obwohl sie bereits im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern in die Stadt am Rhein gezogen war, galt sie aufgrund ihrer Herkunft immer als „Ossi“. Nach vielen unschönen Schuljahren traf sie schließlich eine Entscheidung, die ihr ganzes Leben verändern würde: Nach der zehnten Klasse absolvierte Fietzke ein Schuljahr in Dunstable, einer kleinen Stadt 50 Kilometer nördlich von London, wo sie sich anders als in Köln sofort wohl fühlte. „Meine Gastmutter war Grundschullehrerin, sie hat einfach alles, was ich gesagt habe, korrigiert, jeden einzelnen Satz“, erinnert sie sich. Und fügt mit einem Lachen hinzu: „Das hat mich wahnsinnig geprägt. Deswegen mache ich das jetzt in meinem Alltag.“ In ihrem Alltag, das bedeutet: Lektorate und Korrektorate, außerdem Übersetzungen. „Ich habe damals einen enormen sprachlichen Sprung gemacht“, so Fietzke. „Nach meinem Aufenthalt habe ich mir alte Klassenarbeiten durchgelesen und gesehen, dass ich vorher noch Fehler wie ‚He play football‘ gemacht hatte.“ Heute ist ihr Englisch so einwandfrei, dass sie nicht nur vom Englischen ins Deutsche, sondern auch vom Deutschen ins Englische übersetzt, ungewöhnlich für eine Nicht-Muttersprachlerin.

Obwohl sie in Dunstable ihre Liebe zur englischen und über diesen Umweg auch zur deutschen Sprache entdeckte, blieb Britta Fietzke ihrem ursprünglichen Wunsch, Tierärztin zu werden, zunächst treu, machte sogar ein veterinäres Praktikum in Dunstable. Zurück in Deutschland, inzwischen in Thüringen, begann sie aber noch während der Schulzeit, erste Texte zu übersetzen, für den kanadischen Flugzeug- und Schienenfahrzeughersteller Bombardier. „Ich habe unter anderem Lokomotivanleitungen übertragen.“ Eine sehr spezielle Arbeit zwar, die Fietzke aber mehr und mehr auf ihren Weg zur professionellen Übersetzerin brachte.

Den Gedanken, doch Veterinärmedizin zu studieren, verwarf sie nach dem Abitur endgültig. „Ich fand es schade, nichts mit der englischen Sprache machen zu können und so mein Potential versumpfen zu lassen“, sagt sie im Rückblick. Stattdessen zog Britta Fietzke im Jahr 2005 nach Tübingen, wo sie Neuere Englische Literatur, Amerikanistik und Kunstgeschichte studierte. „Ich habe in Tübingen wirklich tolle Leute kennengelernt und die ersten Jahre waren geil, weil es eine Unistadt ist. Dann wurde sie mir allerdings doch sehr klein, ich kam aufgrund der Finanzen aber nicht mehr weg.“

Frankfurt ruft

Finanzen waren in der teuren Region und zu einer Zeit, da Baden-Württemberg zwischenzeitlich 500 Euro Studiengebühren pro Semester erhob, ein leidiges Dauerthema für Fietzke, die parallel zum Studium mehrere Jobs jonglieren musste. „Ich war HiWi am Lehrstuhl meines Professors in Anglistik, hab da auch im Sekretariat gearbeitet, war Tutorin, hab bei einem vom DAAD organisierten Austausch indische Studierende betreut, hab außerdem noch gekellnert…“, zählt sie auf. „Deswegen bin ich heute so eine gute Selbstständige.“ Denn nicht nur ihr Zeitmanagement hat sie während dieser Phase perfektioniert – der Druck war für sie damals mit einem Studium und so vielen Nebenjobs auch viel höher, als er es jetzt ist.

Nach dem Studium, das sie entsprechend viel Zeit kostete, rief Frankfurt, wo Britta Fietzke im Januar 2016 hinzog. „Ich weiß noch, wie ich auf dem Dachboden des kleinen Karlsruher Verlags, bei dem ich zu dem Zeitpunkt ein Praktikum machte, stand und heulte, weil ich die Zusage bekommen hatte.“ Diese Zusage war für ein Volontariat bei Frankfurter Allgemeine Buch, ein Wirtschaftsbuchverlag, der zur F.A.Z.-Gruppe gehört. Nur – wie lektoriert man Wirtschaftsbücher, wenn man nicht vom Fach ist? Fietzke verneint. „Das Lektorat der Sprache war wichtiger als Faktenchecks, immerhin wurden sie von Wirtschaftsredakteur*innen verfasst.“ Und das Themenspektrum war breiter und populärer, als es zunächst klingt, von Büchern über Achtsamkeit über Projektmanagement zu journalistischen Tücken war alles dabei. Britta Fietzke war mit dem Volontariat endgültig klar: „Ich möchte mit Sachbüchern arbeiten.“

Nicht ein Thema doppelt

Zunächst aber ging es für sie zur Büchergilde Gutenberg, einen Job, den sie über einen Umweg bekam. „Ich hatte mich auf eine Stelle bei einem Sachbuchverlag beworben, war zu dem Zeitpunkt allerdings nicht qualifiziert genug. Aber die beiden Frauen, mit denen ich das Vorstellungsgespräch hatte, haben der Personalagentur so von mir vorgeschwärmt, dass diese mir direkt die nächste passende Stelle anbot, und die war zufällig auch in Frankfurt.“ Und so arbeitete Fietzke von Februar 2017 bis September 2018 im Programmbereich der Büchergilde. „Das war spannend, weil der Verlag einzigartig ist, und ich nirgendwo sonst einen dermaßen umfassenden Eindruck in die gesamte Verlagswelt bekommen hätte.“

Langfristig war der Wunsch aber größer, freiberuflich zu sein und wieder Sachbücher zu lektorieren. Am 15. Oktober 2018 gründete Britta Fietzke schließlich ihr Unternehmen Sach | Verstand und arbeitet heute unter anderem mit Verlagen wie HarperCollins Germany, Redline, Springer VS, S. Fischer, aber auch dem Städel Museum zusammen. „Ich liebe Sachbücher, weil ich aus jedem etwas für meinen eigenen Alltag ziehen kann. Genau so hatte ich mir das immer vorgestellt: Ich lektoriere oder übersetze und lerne dabei.“ Deswegen hat sie auch keine Spezialisierung. „Ich möchte kein Thema doppelt machen, sondern lieber jedes Mal was Neues lernen. Das funktioniert richtig gut bisher.“

Privat liest sie dafür fast keine Sachbücher, sondern Belletristik, die sie – weil sie nicht genug bekommt von Büchern – auf ihrem Instagram-Account unter @brittasbookstagram und im Gemeinschaftsblog We Read Indie bespricht. Als Ausgleich zu den vielen Buchstaben geht sie zudem täglich zwei Stunden mit ihrer Hündin Emma spazieren. Ein volles Programm!

Aber Britta Fietzke wäre nicht Britta Fietzke, wenn sie nicht schon wieder Pläne für die Zukunft schmieden würde. „Es gibt schon einen Grund, warum ich mein Unternehmen Sach | Verstand und nicht nach meinem Namen benannt habe“, verrät die umtriebige Lektorin. „Von Anfang an hatte ich die Idee, eine Agentur zu gründen und andere Leute einzustellen.“ Ein Plan, der inzwischen immer konkreter wird. Und nachdem sie bereits in Ost-, West- und Süddeutschland gelebt hat – vielleicht wird es mit der Expansion einen weiteren Ortswechsel geben.

Auf ein Wort:

Tintenfische: „Auch wenn meine Hündin Emma das jetzt nicht hören darf: meine Lieblingstiere. Habe mir letztes Jahr einen auf den Oberarm tätowieren lassen, damit er mich immer daran erinnert, dass man nur klug genug sein muss, um aus allen schwierigen Lagen herauszukommen – selbst aus einem zugeschraubten Glas.“

Filme: „Ich bin eine richtige Cineastin, so sehr, dass ich vor Jahren in Toronto im Urlaub war, um dort das International Film Festival zu besuchen – keine Minute bereut. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder ins Kino zu gehen. Auch weil die klimatisiert sind. Im Gegensatz zu meiner Dachgeschosswohnung.“

Stricken: „Mein liebstes Hobby nach den Büchern. Kann man zum Glück auch mit Hörbüchern verbinden, wenn man abends zu (pande-)müde zum Lesen ist. Corona hat mir schon fünf neue Oberteile, zwei Tücher und diverse ‚Verschenke‘ eingebracht. Allerdings habe ich inzwischen Wolle für noch ungefähr 40 Projekte daheim … Fun Fact: Häkeln wiederum finde ich furchtbar.“

Zur Person:

Britta Fietzke, geboren 1985 in Zwenkau bei Leipzig, wuchs in Köln auf und machte ein Auslandsjahr in Dunstable, England. Nach dem Studium der Anglistik, Amerikanistik und Kunstgeschichte in Tübingen und Stationen bei Der kleine Buch Verlag (DKBV) in Karlsruhe und Frankfurter Allgemeine Buch arbeitete sie ab 2017 in der Programmplanung der Büchergilde Gutenberg. Außerdem engagiert sie sich ehrenamtlich bei den JVM, Bücherfrauen und dem VFLL. Bei den Jungen Verlags- und Medienmenschen war sie von 2015 bis 2019 Teil des Vorstands. Seit Oktober 2018 ist sie mit ihrem Unternehmen Sach | Verstand selbstständig als Lektorin und Übersetzerin.

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