Wann sind wir dran?
Kulturstaatsminister Weimer hat gerade drei Buchhandlungen, denen eine unabhängige Jury unter anderen den deutschen Buchhandelspreis 2026 zubilligen wollte, von der Liste der Preisträger gestrichen.
Was haben die eigentlich verbrochen?
Der Golden Shop in Bremen ist eine engagierte Buchhandlung mit einem feministischen und antifaschistischen Schwerpunkt. So einen ähnlichen Schwerpunkt haben wir auch, agitieren gegen Rassismus, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit. Aber kann das verfassungsfeindlich sein? Der sozialdemokratische(!) Bürgermeister Bremens, Herr Bovenschulte, ist jedenfalls nicht der Meinung; er hat gegen die Aberkennung des Preises aufbegehrt.
Die Buchhandlung Rote Straße in Göttingen ist ebenfalls eine ganz normale Buchhandlung, aber hat sicher auch ein gaaaanz linkes Stammpublikum, denn sie ist ein Quartier der Buchgemeinschaft Büchergilde Gutenberg, einer gewerkschaftlichen Gründung der Vorkriegszeit, die im Exil die Nazizeit überstanden hat. Unangenehm für uns, denn einer unserer Gründer hat mal bei der Büchergilde Programm gemacht.
Und dann ist da noch die Buchhandlung Zur schwankenden Weltkugel, ganz in der Nähe unseres Verlagssitzes in Berlin. Die verkaufen nicht nur Bücher, sondern auch linke Zeitschriften, darunter solche, die es nicht am Kiosk gibt. Also klandestine Literatur, die verboten gehört? Da soll man keine Angst bekommen, dass irgendwann einmal die eigenen Bücher verboten werden könnten?
Na ja, so weit sind wir ja noch lange nicht; allerdings kann es vielleicht doch sein, dass wir ebenfalls keinen Preis mehr bekommen, anders als 2022, als wir einen der großzügig ausgestatteten Spitzenpreise des deutschen Verlagspreises erhalten haben. Dafür braucht es möglichweise bald keines ministeriellen Eingriffs mehr, denn wie die Erfahrung lehrt, kann Selbstzensur sich schnell etablieren.
Aber noch glauben wir nicht ernsthaft, dass es so weit kommen muss.
Allerdings …
Wir bringen am Ende des Monats ein Buch heraus, das »Die Verantwortungslosen« heißt und in dem es um die trickreichen rechtsbürgerlichen Politiker und ihre Unternehmerfreunde geht, die 1932 die Linke (und gerade auch die Sozialdemokratie) unter allen Umständen von der Macht verdrängen wollten, selbst um den Preis eines Bündnisses mit den Nazis, die sie eigentlich nicht mochten. Dabei führte auch die bürgerliche Rechte einen energischen Kulturkampf gegen die Chimäre eines "Kulturbolschewismus" worunter alles gefasst wurde, was progressiv aussah* …
Wir glauben, dass wir auf der Hut sein müssen.
Verlagshaus Jacoby & Stuart
* wenn man für Geburtenregelung ist, wenn man ein Haus mit flachem Dach baut, so bedeutet das ebenso Kulturbolschewismus wie die Darstellung eines Kaiserschnitts im Film. Kulturbolschewismus betreibt der Schauspieler Chaplin, und wenn der Physiker Einstein behauptet, daß das Prinzip der konstanten Lichtgeschwindigkeit nur dort geltend gemacht werden kann, wo keine Gravitation vorhanden ist, so ist das Kulturbolschewismus …
Carl von Ossietzky, 1931