Deutscher Buchhandlungspreis

118 minus 3: Reaktionen aus der Buchbranche

5. März 2026
Redaktion Börsenblatt

Immer mehr Kolleg:innen aus der Buchbranche melden sich zu Wort und kommentieren den Vorgang, drei von der Jury ausgewählte Buchhandlungen von der Preisvergabe auszuschließen. 

 Foto aus den 1980 Jahren vom Schaufenster des buchladen 46 in Bonn, als dort Holger Schwab, Klaus Zobel und Harald Krämer (von links) Inhaber und Buchhändler waren

Backlash zu den Vorurteilen früherer Jahre? Foto aus den 1980 Jahren vom Schaufenster des buchladens 46 in Bonn, als dort Holger Schwab, Klaus Zobel und Harald Krämer (von links) Inhaber und Buchhändler waren

Dummheit stirbt nicht, unsere Kultur schon.

Holger Schwab, buchladen46, Bonn

buchladen 46, Bonn:

„Kulturstaatsminister Wolfram Weimer kann Künstler, die sich um eine Förderung bewerben, vom Verfassungsschutz überprüfen lassen. Beim Deutschen Buchhandlungspreis gab es jetzt die ersten Ausschlüsse.“ Süddeutsche Zeitung
Im Gegensatz zum Votum der Vergabe-Jury verweigert Weimer drei Buchhandlungen den Buchhandlungspreis.

Was soll man dazu sagen? Was tun?
Das ist wie früher in den 70ern oder noch früher.
Dummheit stirbt nicht, unsere Kultur schon.

Lesen macht dumm und gewalttätig ! ?

Herr Weimer, Sie sind zu dumm um zu verstehen, was Kultur ist.
Sie haben die Macht dumme Politik zu machen.
Sie zeigen „Haltung“ an völlig unsinniger Stelle.

Wetten, dass Sie keine dieser gestraften Buchhandlungen kennen?

(Rote Straße in Göttingen, Zur schwankenden Weltkugel in Berlin, Golden Shop in Bremen)

Das Perfide ist nicht zusagen, was Sache ist.
Jetzt müssen die Bestraften selber erforschen
weshalb sie bestraft werden.
Ich hoffe sie tun das nicht!

Wer weiß, was Sie, nach diesen offenen Worten,
mit uns machen -
dieses Jahr bewerben wir uns wieder.
5mal sind wir ausgezeichnet worden.

(Sofern es den Preis dieses Jahr dann noch gibt.
„Wir“ müssen ja sparen: der Preis kostet die Regierung 1,25 Mio)

Holger Schwab, buchLaden 46

Verlagshaus Jacoby & Stuart, Berlin:

Wann sind wir dran?

Kulturstaatsminister Weimer hat gerade drei Buchhandlungen, denen eine unabhängige Jury unter anderen den deutschen Buchhandelspreis 2026 zubilligen wollte, von der Liste der Preisträger gestrichen.

Was haben die eigentlich verbrochen?

Der Golden Shop in Bremen ist eine engagierte Buchhandlung mit einem feministischen und antifaschistischen Schwerpunkt. So einen ähnlichen Schwerpunkt haben wir auch, agitieren gegen Rassismus, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit. Aber kann das verfassungsfeindlich sein? Der sozialdemokratische(!) Bürgermeister Bremens, Herr Bovenschulte, ist jedenfalls nicht der Meinung; er hat gegen die Aberkennung des Preises aufbegehrt.

Die Buchhandlung Rote Straße in Göttingen ist ebenfalls eine ganz normale Buchhandlung, aber hat sicher auch ein gaaaanz linkes Stammpublikum, denn sie ist ein Quartier der Buchgemeinschaft Büchergilde Gutenberg, einer gewerkschaftlichen Gründung der Vorkriegszeit, die im Exil die Nazizeit überstanden hat. Unangenehm für uns, denn einer unserer Gründer hat mal bei der Büchergilde Programm gemacht.

Und dann ist da noch die Buchhandlung Zur schwankenden Weltkugel, ganz in der Nähe unseres Verlagssitzes in Berlin. Die verkaufen nicht nur Bücher, sondern auch linke Zeitschriften, darunter solche, die es nicht am Kiosk gibt. Also klandestine Literatur, die verboten gehört? Da soll man keine Angst bekommen, dass irgendwann einmal die eigenen Bücher verboten werden könnten?

Na ja, so weit sind wir ja noch lange nicht; allerdings kann es vielleicht doch sein, dass wir ebenfalls keinen Preis mehr bekommen, anders als 2022, als wir einen der großzügig ausgestatteten Spitzenpreise des deutschen Verlagspreises erhalten haben. Dafür braucht es möglichweise bald keines ministeriellen Eingriffs mehr, denn wie die Erfahrung lehrt, kann Selbstzensur sich schnell etablieren.

Aber noch glauben wir nicht ernsthaft, dass es so weit kommen muss.

Allerdings …

Wir bringen am Ende des Monats ein Buch heraus, das »Die Verantwortungslosen« heißt und in dem es um die trickreichen rechtsbürgerlichen Politiker und ihre Unternehmerfreunde geht, die 1932 die Linke (und gerade auch die Sozialdemokratie) unter allen Umständen von der Macht verdrängen wollten, selbst um den Preis eines Bündnisses mit den Nazis, die sie eigentlich nicht mochten. Dabei führte auch die bürgerliche Rechte einen energischen Kulturkampf gegen die Chimäre eines "Kulturbolschewismus" worunter alles gefasst wurde, was progressiv aussah* …

Wir glauben, dass wir auf der Hut sein müssen.

Verlagshaus Jacoby & Stuart

* wenn man für Geburtenregelung ist, wenn man ein Haus mit flachem Dach baut, so bedeutet das ebenso Kulturbolschewismus wie die Darstellung eines Kaiserschnitts im Film. Kulturbolschewismus betreibt der Schauspieler Chaplin, und wenn der Physiker Einstein behauptet, daß das Prinzip der konstanten Lichtgeschwindigkeit nur dort geltend gemacht werden kann, wo keine Gravitation vorhanden ist, so ist das Kulturbolschewismus …

Carl von Ossietzky, 1931

Tanja Eger und Josua Straß in der Buchhandlung

Tanja Eger und Josua Straß

Tanja Eger, Leiterin Kinder- und Jugendbuch in der Buchhandlung Eulennest, Baden-Baden:

(2025 ausgezeichnet mit dem undotierten Gütesiegel) 

"Wie wohl keine Branche in der Einzelhandelslandschaft steht der Deutsche Buchhandel für Vielfalt, Toleranz und Meinungsfreiheit. Die Entscheidung, drei Buchhandlungen den Deutschen Buchhandlungspreis zu verwehren, ist für uns nicht nachvollziehbar. Nach unserem Ermessen ist es ein eklatanter Affront, sowohl der sehr sorgfältig geleisteten Jury-Arbeit, die zur Benennung der Preisträger führte, der gesamten Branche gegenüber und natürlich auch den KollegInnen der Buchhandlungen "Buchladen Zur schwankenden Weltkugel" in Berlin, "The Golden Shop" in Bremen und "Rote Straße" in Göttingen.

Dennoch werden wir zur Preisverleihung nach Leipzig fahren und hoffen, gemeinsam mit den anderen Ausgezeichneten ein Zeichen des Protests gegen das Vorgehen des BKM setzen zu können. Das wäre nicht möglich, wenn wir die Veranstaltung boykottierten."

Vertriebskooperative Konterbande:

Die Vertriebskooperative Konterbande, bestehend aus den Verlagen Assoziation A, Edition Nautilus, Orlanda Verlag, Satyr Verlag und Transit Buchverlag, hat zu den Vorgängen um den Buchhandelspreis folgende Erklärung verfasst: 

"Wir, die Verlage der Buchkoop Konterbande, Assoziation A, Edition Nautilus, Orlanda Verlag, Satyr Verlag und Transit Buchverlag, protestieren gegen den beispiellosen und willkürlichen Eingriff des Staatsministers für Kultur und Medien in die Entscheidung der unabhängigen Jury des Deutschen Buchhandlungspreises und die damit verbundene politisch motivierte Aberkennung der Preisvergabe an drei von der Jury ausgewählte Buchhandlungen. Es sind Buchhandlungen, mit denen wir seit langem zusammenarbeiten, Buchhandlungen, die sich mit viel Energie und persönlichem Einsatz für unabhängige Verlage und für eine vielfältige Lese- und Informationskultur einsetzen – eine Kultur, die zunehmend  durch ökonomischen Druck und politisch antidemokratische Tendenzen bedroht wird.

Dass diese Bedrohung jetzt ausgerechnet von einem Ministerium für Kultur und Medien verstärkt wird, ist ein deutliches Signal dafür, dass die jetzige Regierung die in unserer Verfassung formulierten Grundsätze, Meinungsvielfalt zu sichern und Zensur zu verhindern, offenbar nicht wahrnehmen bzw. partiell aushebeln will. Wir alle, ob Verlage, Buchhandlungen, Medien oder Leserinnen und Leser, sollten das sehr ernst nehmen und uns deutlich und öffentlich dagegen wehren."

Dennis Hasemann in seiner Buchhandlung

Dennis Hasemann

Dennis Hasemann, schmitz.die buchhandlung, Essen:

Dennis Hasenmann hat auf seiner Website folgendes Statement abgegeben, das wir hier mit freundlicher Genehmigung wiedergeben: 

"Der Deutsche Buchhandlungspreis wurde mit einer klaren Idee gegründet: Der Staat stellt die Förderung bereit – über die Auszeichnungen entscheidet eine unabhängige Fachjury aus Vertreterinnen und Vertretern der Buchbranche, aus Buchhandel, Verlagen und Literaturbetrieb. Gerade diese Konstruktion hat den Preis glaubwürdig gemacht.

Der aktuelle Vorgang, bei dem das Bundesministerium für Kultur und Medien in das Votum dieser Jury eingegriffen und Preisträger nachträglich ausgeschlossen hat, stellt diesen Grundgedanken infrage.

Mir geht es dabei ausdrücklich nicht um einzelne Buchhandlungen oder um politische Bewertungen ihrer Arbeit. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: Wenn eine unabhängige Fachjury eingesetzt wird, dann muss ihr Urteil auch gelten. Ein politisches Nachkorrigieren dieses Votums widerspricht der Idee, auf der dieser Preis einmal aufgebaut wurde.

Hinzu kommt: Die Kriterien für diesen Eingriff bleiben unklar. Die betroffenen Buchhandlungen konnten sich offenbar nicht äußern, nachvollziehbare Gründe sind öffentlich nicht benannt worden. Für einen Preis, der kulturelle Vielfalt und offenen Diskurs auszeichnen soll, ist ein solches Verfahren schwer vermittelbar.

Selbst wenn ein Eingriff formal möglich sein mag, entsteht der Eindruck politischer Steuerung. Damit verändert sich die Logik des Preises. Aus einer staatlich finanzierten, aber fachlich unabhängigen Auszeichnung wird ein Preis, dessen Ergebnis am Ende politisch überprüft und korrigiert werden kann.

Ich habe großen Respekt vor der Arbeit der Jury und vor den Kolleginnen und Kollegen aus der Branche, die mit Sachverstand und Verantwortung über diese Auszeichnungen entscheiden. Gerade deshalb fühlt es sich für mich nicht richtig an, einen Preis anzunehmen, dessen Ergebnis im Nachhinein politisch verändert wurde. Die Jury hat ihre Entscheidung nach bestem Wissen und Gewissen getroffen. Wenn dieses Urteil übergangen wird, verliert der Preis einen Teil seiner Grundlage.

Aus diesem Grund sehe ich mich derzeit nicht in der Lage, die Auszeichnung anzunehmen. Meine Entscheidung richtet sich ausdrücklich nicht gegen die Jury oder gegen die vielen engagierten Buchhandlungen, die ausgezeichnet wurden. Sie richtet sich gegen den Grundsatz, dass politische Eingriffe die Arbeit einer unabhängigen Fachjury korrigieren.

Der Deutsche Buchhandlungspreis lebt von seiner Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo fachliche Entscheidungen respektiert und transparent behandelt werden."

Ergänzung:

Dennis Hasemann hätte einen undotierten Preis bekommen. Hätte er bei einem dotierten Preis ebenso entschieden? "Ich mache es kurz: Ich hätte auch auf einen dotierten Preis verzichtet. Andernfalls könnte ich mich morgens kaum noch im Spiegel anschauen", antwortet der Buchhändler auf die Frage von Börsenblatt online. "Das Preisgeld zu spenden wäre grundsätzlich eine gute Sache. Allerdings wäre auch das mit der Annahme des Preises und der Verleihung durch Herrn Weimer verbunden. Die nominierten Kolleginnen und Kollegen sind sensibel genug, ihre jeweilige Situation selbst einzuschätzen und zu entscheiden, wie sie damit umgehen. Darüber steht mir kein Urteil zu."

Manfred Keiper, andere Buchhandlung, Rostock

Manfred Keiper, Inhaber der "anderen buchhandlung" in Rostock, kritisiert in einem Statement, das mit "Ich bin links!" überschrieben ist, die Entscheidung des BKM scharf: Die Verweigerung des Deutschen Buchhandlungspreises für drei linke Buchhandlungen sei "nicht hinnehmbar". Seine eigene Buchhandlung – mit einer klaren linken Ausrichtung – sei 2021 mit dem Deutsche Buchhandlungspreis als "Beste Buchhandlung" ausgezeichnet worden.

Keiper betont, Buchhandlungen seien "Orte der Meinungsfreiheit, 'kulturelle Tankstellen', [...] viele Buchhandlungen sind sogar Schutzorte für Kinder und auch Frauen in Gefahr." Die Entscheidung sei nicht nur gegenüber den betroffenen Buchhandlungen diffamierend, sondern: "Die Jury ist desavouiert, der Deutsche Buchhandlungspreis ist beschädigt!" Er fordert die Zurücknahme des Ausschlusses.