Schwedische Akademie hat entschieden

Der Literaturnobelpreis 2026 geht an Anne Carson

8. Oktober 2026
Redaktion Börsenblatt

Als sich die Flügeltür des Blauen Salons öffnete und die neue Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie vor die Presse trat, waren alle Ohren gespitzt: Anne Carson gewinnt den Literaturnobelpreis 2026, verkündete Ingrid Carlberg. 

Porträt einer älteren Frau mit schulterlangem grauem Haar und auffälliger gelber Brille. Sie trägt einen dunkel gestreiften Blazer und einen rotbraunen Schal und blickt ruhig leicht nach oben. Der dunkle Hintergrund wird von warmen orangefarbenen Lichtflächen geprägt

Anne Carson (Archivaufnahme von 2015)

In der Schwedischen Akademie in Stockholm hatten sich zahlreiche Pressevertreter versammelt, um bei der Verkündung des Literaturnobelpreises 2026 live dabei zu sein. Pünktlich um 13 Uhr öffnete sich die Flügeltür und die neue Ständige Sekretärin Ingrid Carlberg verkündete: Der Literaturnobelpreis 2026 geht an die kanadische Autorin Anne Carson. Es sei gerade erst gelungen, sie anzurufen – "sie war sehr überrascht". Carson befindet sich gerade in Island, "wo sie dem Wind zuhört".

Ausgezeichnet wird Carson "für ihr mutiges und innovatives Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Formen für die zeitgenössische Literatur geschaffen hat".

Ständige Sekretärin Ingrid Carlberg vor der weißen Tür

Ingrid Carlberg, seit Juni 2026 Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie

Anne Carson, geboren 1950 in Toronto, habe während ihrer gesamten Laufbahn das Schreiben von Gedichten mit Übersetzungsarbeit und Lehrtätigkeiten an verschiedenen Universitäten verbunden. Nahezu ihr gesamtes literarisches Schaffen kreist um die Schnittstelle zwischen der Obsession der Philologin für Wörter und dem Verlangen der Dichterin nach neuer Bedeutung. Sie selbst hat die Etymologie der Wörter als Ausgangspunkt all ihrer Arbeit bezeichnet.

Die Begründung:

Der Vorsitzende des Literatur-Nobelpreiskomitees, Anders Olsson, würdigte vor laufenden Kameras in Stockholm, Anne Carson als eine außergewöhnliche Schriftstellerin, die klassische Philologie, Übersetzung und zeitgenössische Literatur miteinander verbinde. Im Zentrum ihres Schreibens stehe die Spannung zwischen der philologischen Genauigkeit und dem poetischen Wunsch, Wörtern neue Bedeutungen zu geben. Die Etymologie — die Geschichte und Herkunft der Wörter — bilde dabei häufig den Ausgangspunkt ihrer Arbeit.

Besonders hervor hebt Olsson Carsons Fähigkeit, unterschiedliche Zeiten, Stimmen und Perspektiven miteinander zu verbinden. Sie setze etwa antike Autoren in Beziehung zu modernen Schriftstellern wie Paul Celan oder Virginia Woolf. Carson spreche selbst von einem "stereoskopischen Blick", der es ermögliche, "zwei Perspektiven zugleich im Gleichgewicht zu halten". Auf diese Weise löse sie die Lyrik aus der engen Bindung an das persönliche Ich und entwickle neue Formen zwischen Gedicht, Essay, Erzählung und Drama.

An Werken wie "Glas, Ironie und Gott", "Rot" und "Nox" zeigte Olsson, wie Carson antike Stoffe und persönliche Erfahrungen miteinander verknüpft. In "Rot" verwandelt sie das antike Ungeheuer Geryon in eine verletzliche, empfindsame Figur und macht aus dem Mythos einen modernen Bildungsroman. Im Mittelpunkt steht die grundlegende Frage: „Was geschieht, wenn man jemanden liebt, der einen letztlich zerstören wird?“ In "Nox", ihrem Erinnerungsbuch für den verstorbenen Bruder, verbinde sie Fotografien, Briefe und Fragmente mit Catulls antiker Klage um den Verlust eines Bruders.

Carsons spätere Werke wie "Float" und "Wrong Norma" belegen laut Olsson ihre anhaltende Lust am Experiment. Sie überschreite darin die Grenzen zwischen Literatur, bildender Kunst, Theater, Musik und Wissenschaft. Ihre Bedeutung liege deshalb nicht nur in ihrer Gelehrsamkeit, sondern vor allem in ihrer formalen Freiheit, ihrem Humor und ihrer Fähigkeit, immer wieder neue literarische Möglichkeiten zu schaffen. Carson habe die Langeweile einmal als ihren "Erzfeind" bezeichnet – der begegnet sie mit sprachlicher Präzision, Ironie und großer Erfindungskraft.

Zwei aufrecht stehende Bücher von Anne Carson stehen auf einem roten Teppich in einer Messehalle. Links ist das Buch „ROT“ mit schwarzem Cover und rotem Titel zu sehen, rechts „DECREATION“ mit dunklem Cover, gelber Schrift und einer blauen Figur. Dahinter hängt eine große orangefarbene Wand mit Pilzillustrationen und der Aufschrift „S. FISCHER VERLAGE“. Vorbeigehende Menschen sind durch die Bewegung unscharf dargestellt.

Bücher der Literaturnobelpreisträgerin werden auch auf der Frankfurter Buchmesse gezeigt

Bibliografie der deutschen Ausgaben: 

  • "Glas, Ironie und Gott. Fünf epische Gedichte und ein Essay über das Geschlecht des Klanges", Piper Verlag 2000; Ü: Alissa Walser und Gerhard Falkner
  • "Rot. Ein Roman in Versen", Piper Verlag 2001; Ü: Anja Utler
  • "Anthropologie des Wassers", Matthes & Seitz Berlin 2014; Ü: Marie Luise Knott
  • "Decreation. Gedichte, Oper, Essays", S. Fischer Verlag 2014; Ü: Anja Utler
  • "Albertine. 59 Liebesübungen", Matthes & Seitz Berlin 2017; Ü: Marie Luise Knott
  • "Rot. Zwei Romane in zwei Versen", S. Fischer 2019; Ü: Anja Utler
  • "Der bittersüße Eros", Turia + Kant 2020; Ü: Christina Drangowski
  • "Irdischer Durst", Matthes & Seitz Berlin 2020; Marie Luise Knott
  • "Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte", Wallstein 2020; Ü: Anja Utler
  • "Tacita Dean. Antigone" mit Tacita Dean und Stephen Dillane, Laurenz-Stiftung, Schaulager 2021
  • "Norma Jeane Baker von Troja", Matthes & Seitz Berlin 2025, Marie Luise Knott
  • "An Antigone", Verlag Turia + Kant 2025; Ü: Marcus Coelen

Preisverleihung:

Das Preisgeld beträgt 12 Millionen Schwedische Kronen (umgerechnet rund 1,07 Millionen Euro). Die Auszeichnung wird am Nobelpreistag, den 10. Dezember, von Schwedens König Carl XVI. Gustaf in der Stockholmer Konzerthalle überreicht.

Wie wird der Literaturnobelpreis vergeben?

Schriftliche Vorschläge für den Preisträger, die Preisträgerin des Jahres müssen bis zum 31. Januar beim Nobel Committee der Schwedischen Akademie eingehen. Einem Vorschlag sollte eine Begründung beigefügt werden, muss aber nicht. Es ist nicht möglich, sich selbst als Kandidat oder Kandidatin vorzuschlagen, d. h. man kann sich nicht um den Nobelpreis bewerben. In der Regel gibt es jedes Jahr etwa 350 Vorschläge. Dem Nobel Committee 2026 gehören an: Anders Olsson (Vorsitzender), Ellen Mattson, Steve Sem-Sandberg, Anne Swärd und Ann-Katrin Palm sowie als assoziiertes Mitglied Ingrid Carlberg (seit 1. Juni 2026 als Nachfolgerin von Mats Malm Ständige Sekretärin der Schwedischen Akademie).

Im Frühjahr prüft das Nobel Committee die Vorschläge und legt der Schwedischen Akademie im April eine vorläufige Kandidatenliste mit etwa 20 bis 25 Namen zur Genehmigung vor. Vor der Sommerpause der Akademie wird die Liste durch das Nobelkomitee in der Regel auf etwa fünf Namen reduziert. Im September / Oktober trifft die Akademie dann ihre Wahl, die im Oktober bekannt gegeben wird. Damit die Wahl gültig ist, muss ein Kandidat / eine Kandidatin mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen der Schwedischen Akademie erhalten.

Die Schwedische Akademie hat 18 Mitglieder. Eine Position ist zur Zeit nicht besetzt (Stuhl 18 ist vakant: Die Dichterin Anna Hallberg wird am 20. Dezember 2026 bei der jährlichen feierlichen Zeremonie der Akademie ihren Platz einnehmen). Zur Liste der Akademie-Mitglieder geht es: hier.

Zahlen zum Literaturnobelpreis:

  • 118 Auszeichnungen wurden von 1901 bis 2025 vergeben. Siebenmal gab es keinen Literaturnobelpreis: 1914, 1918, 1935, 1940–1943. 2018 wurde die Preisvergabe ausgesetzt, ein Jahr später dann aber nachgeholt.
  • 4 Mal gab es zwei Preisträger:innen: 1904 (Frédéric Mistral, José Echegaray y Eizaguirre), 1917 (Karl Adolph Gjellerup, Henrik Pontoppidan), 1966 (Shmuel Yosef Agnon, Nelly Sachs) und 1974 (Eyvind Johnson, Harry Martinson)
  • 122 Personen haben bis 2025 einen Literaturnobelpreis erhalten: Liste der Preisträger:innen
  • 41 Jahre alt war der bislang jüngste Preisträger: Rudyard Kipling, der 1907 ausgezeichnet wurde.
  • 87 (bei der Preisverleihung im Dezember: 88) Jahre alt war die bislang älteste Preisträgerin: Doris Lessing, die 2007 ausgezeichnet wurde.
  • 18 Frauen erhielten bislang erst den Literaturnobelpreis – als erste Selma Lagerlöf 1909. Auf sie folgten: Grazia Deledda (1926), Sigrid Undset (1928), Pearl Buck (1938), Gabriela Mistral (1945), Nelly Sachs (1966; geteilter Preis, die andere Hälfte ging an Shmuel Yosef Agnon), Nadine Gordimer (1991), Toni Morrison (1993), Wislawa Szymborska (1996), Elfriede Jelinek (2004), Doris Lessing (2007), Herta Müller (2009), Alice Munro (2013), Svetlana Alexievich (2015), Olga Tokarczuk (2018), Louise Glück (2020), Annie Ernaux (2022) und Han Kang (2024).
  • 2 Preisträger haben die Auszeichnung abgelehnt: Boris Pasternak 1958 ("Erst angenommen, dann von den Behörden seines Landes (Sowjetunion) veranlasst, den Preis abzulehnen") und Jean Paul Sartre 1964 (lehnte den Preis ab, weil er konsequent alle offiziellen Ehrungen abgelehnt hat).
  • 1931 ging der Preis posthum an Erik Axel Karlfeldt. Seit 1974 sehen die Statuten der Nobelstiftung vor, dass ein Nobelpreis nicht posthum verliehen werden kann, es sei denn, der Tod ist nach der Bekanntgabe des Nobelpreises eingetreten.

(Quelle: https://www.nobelprize.org)