Der Vorsitzende des Literatur-Nobelpreiskomitees, Anders Olsson, würdigte vor laufenden Kameras in Stockholm, Anne Carson als eine außergewöhnliche Schriftstellerin, die klassische Philologie, Übersetzung und zeitgenössische Literatur miteinander verbinde. Im Zentrum ihres Schreibens stehe die Spannung zwischen der philologischen Genauigkeit und dem poetischen Wunsch, Wörtern neue Bedeutungen zu geben. Die Etymologie — die Geschichte und Herkunft der Wörter — bilde dabei häufig den Ausgangspunkt ihrer Arbeit.
Besonders hervor hebt Olsson Carsons Fähigkeit, unterschiedliche Zeiten, Stimmen und Perspektiven miteinander zu verbinden. Sie setze etwa antike Autoren in Beziehung zu modernen Schriftstellern wie Paul Celan oder Virginia Woolf. Carson spreche selbst von einem "stereoskopischen Blick", der es ermögliche, "zwei Perspektiven zugleich im Gleichgewicht zu halten". Auf diese Weise löse sie die Lyrik aus der engen Bindung an das persönliche Ich und entwickle neue Formen zwischen Gedicht, Essay, Erzählung und Drama.
An Werken wie "Glas, Ironie und Gott", "Rot" und "Nox" zeigte Olsson, wie Carson antike Stoffe und persönliche Erfahrungen miteinander verknüpft. In "Rot" verwandelt sie das antike Ungeheuer Geryon in eine verletzliche, empfindsame Figur und macht aus dem Mythos einen modernen Bildungsroman. Im Mittelpunkt steht die grundlegende Frage: „Was geschieht, wenn man jemanden liebt, der einen letztlich zerstören wird?“ In "Nox", ihrem Erinnerungsbuch für den verstorbenen Bruder, verbinde sie Fotografien, Briefe und Fragmente mit Catulls antiker Klage um den Verlust eines Bruders.
Carsons spätere Werke wie "Float" und "Wrong Norma" belegen laut Olsson ihre anhaltende Lust am Experiment. Sie überschreite darin die Grenzen zwischen Literatur, bildender Kunst, Theater, Musik und Wissenschaft. Ihre Bedeutung liege deshalb nicht nur in ihrer Gelehrsamkeit, sondern vor allem in ihrer formalen Freiheit, ihrem Humor und ihrer Fähigkeit, immer wieder neue literarische Möglichkeiten zu schaffen. Carson habe die Langeweile einmal als ihren "Erzfeind" bezeichnet – der begegnet sie mit sprachlicher Präzision, Ironie und großer Erfindungskraft.
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