Nachruf

Gedenken an Klaus G. Saur

10. August 2026
Wulf D. v. Lucius

Sie waren langjährige Weggefährten, als wissenschaftliche Verleger vielfacht in Kontakt in der Historischen Kommission des Börsenvereins. Der frühere Verleger des Gustav Fischer Verlags und des Verlags Lucius & Lucius, Wulf D. v. Lucius, erinnert an seinen Freund Klaus G. Saur.

Klaus G. Saur

Klaus G. Saur bei einer Tagung der Historischen Kommission des Börsenvereins 2017 in Leipzig.

Mit Klaus G. Saur ist der lebendigste, impulsivste und beharrlichste Gesprächspartner von uns gegangen, dem man begegnen konnte. In einer unvergleichlichen Mischung von persönlicher Offenheit und mit ihr verschmolzenen sachlichen Zielstrebigkeit beeindruckte er wohl jeden bei der ersten Begegnung und diese Faszination dauerte für mich über 5 Jahrzehnte an. KGS war ein Mann des gesprochenen Wortes, obwohl er auch viel veröffentlicht hat. Ob im persönlichen -Beisammensein, langen Telefonaten (die nicht selten durch das Klingeln eines zweiten Telefons unterbrochen wurden) oder bei seinen berühmten Festreden zu zahlreichen Anlässen – er beeindruckte durch Wissen, brillierte mit rhetorischen Finessen. Sein Stolz war die freie Rede. Nie hatte er ein Manuskript, was manchen Veranstalter nachher enttäuschte. Sein Reden hatte überzeugende Kraft (auch wenn er hin und wieder irrte), er wollte beeinflussen, Wirkung erzielen. Bewundernder Beifall war ihm Ereignis und Spiegel zugleich.

Begnadeter Kommunikator

Der begnadete Kommunikator in eigener Sache KGS baute sich so ein sehr großes Netzwerk. So gern er redete – er konnte auch sehr aufmerksam zuhören (zumal wenn es um geschäftliche Chancen ging) und hat in seinem Leben eine ungewöhnliche Lernbereitschaft bewiesen, durch die er mit zielorientierter Phantasie und Leidenschaft für Wagnisse sehr große Erfolge erzielte. Er vervielfachte den Umsatz des kleinen Verlags Dokumentation um mehr als das dreihundertfache, er begann sehr bald international zu denken und zu agieren: So wurde aus dem "Kläuschen" aus Pullach, auf den mancher gestandene Verleger herabgeschaut hatte, ein Star in seinem Bereich und das weltweit.

"Hebamme" fürs VLB

Sein manchmal fast unfasslicher Wagemut führte ihn durch Höhen und Tiefen. Niederlassungen in Paris, London und New York wurden gegründet und wieder geschlossen, nicht jedes Großprojekt brachte Gewinn, manche gelangten nicht zur Marktreife. Immer fand er Finanzierungen und stemmte Großprojekt wie den Marburger Index, die 360 Bände des Gesamtverzeichnisses (GV), das Deutsche Biographische Archiv,  oder die Vollendung des in der DDR begonnen Thieme/Becker u.v.a.m. Entscheidende Verdienste erwarb er sich mit einer wagemutigen Abnahmegarantie für das VLB, dessen Hebamme er damit wurde. Er kannte eben den Markt für bibliographische Werke. Dabei bewies er immer den kostenbewussten Pragmatismus, den er schon beim schreibmaschinengeschriebenen Verlagsadressbuch bewiesen hatte. Ästhetische Ambitionen waren ihm fremd, es ging um Effizienz und Brauchbarkeit.

Seinen bewundernswerten unternehmerischen Weg schloss er 1987 mit dem Verkauf seines Verlags zu einem achtstelligen Dollar-Betrag ab und war danach jahrelang als Geschäftsführer seines eigenen Verlags im Rahmen internationaler Großkonzerne tätig – auch dies ein Meisterstück an Wendigkeit und Anpassungswillen. Daneben wirkte er lange Jahre in mehreren Aufsichtsräten.

Der Verkauf hatte ihn zum wohlhabenden Mann gemacht, der in Aufsichtsräten saß, großzügig Freunde und kulturelle Projekte unterstützte und es ihm erlaubte, die ehrenamtlichen Tätigkeiten, weiter auszubauen. Sein erfolgreiches Wirken – zusammen mit Joachim Spencker und Claus Michaletz  - in den Ausschüssen innerdeutschen Handels und für den Außenhandel brachte für die deutschen Wissenschaftsverlage sehr ertragreiche Förderprogramme. Seine besondere Leidenschaft, die uns beide ganz besonders verband, war die Historische Kommission des Börsenvereins, in der er mir im Vorsitz nachfolgte und stolz auf eineinhalb Jahrzehnte Vorsitz zurückschaute – darin ein würdiger Nachfolger des von ihm bewunderten Arthur Brockhaus, des Begründers der Kommission im 19. Jhrdt. Er hatte sich eine beeindruckende, sehr umfangreiche Sammlung buchhandelsgeschichtlicher Schriften aufgebaut, die tausende von Titeln umfasste und aus der er immer wieder Erkenntnisse schöpfte.

Mit Intensität wirkte er lange Jahre im Präsidium des Goethe-Instituts, besonders in den Jahren als sein enger Freund Klaus- Dieter Lehmann dort Präsident war.

Deutsch-jüdischer Dialog

Ein Bereich war ihm besonders wichtig. Im Bewusstsein, dass sein Vater ein hochrangiger Nationalsozialist gewesen war, der große Schuld auf sich geladen hatte, lag ihm der deutsch-jüdische Dialog besonders am Herzen. Er sprach offen über diese Motivation, was ihm viel Achtung in der internationalen Verlagswelt einbrachte, in der ja viele jüdische Kollegen tätig sind. Schon 1968, als junger Mann von 27 Jahren war er im Auftrag der Frankfurter Buchmesse in Israel um eine Wanderausstellung zu betreuen, wo er den damals ganz jungen Teddy Kollek, den legendären Bürgermeister von Jerusalem kennen lernte. Er war Mitglied im Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, der erste Preisträger unter seiner Mitwirkung war Amos Oz (1992). Zahlreiche Publikationen zum Deutschen Exil erschienen in seinem Verlag, sie waren ihm ein echtes Anliegen.

An Ehrungen fehlte es daher nicht: vier Ehrendoktoren (zum ersten in Marburg durfte ich die Laudatio halten), Ehrenmitglied (als Verleger!) der IFLA, der Intern. Bibliothekarsvereinigung und des Börsenvereins, Honorarprofessuren, mehrere Festschriften und vieles mehr.

Uns bleibt, nachdem er 8 Tage nach seinem 85. Geburtstag, den er eigentlich im Freundeskreis festlich begehen wollte, verstorben ist, nur die Erinnerung an einen ungewöhnlichen, eindrucksvollen Menschen. Er erwarb sich hohes Ansehen, und war neben der fast unfasslichen Vielfalt seiner Aktivitäten auch ein Freund, den seine narrativen Fähigkeiten, seine positive Grundhaltung, sein (auch selbst-) kritischer Spott, seine Großzügigkeit und ein immer wieder aufblitzender gewinnender Charme unvergesslich machen. Die Verlagswelt und seine Freunde haben einen großen Verlust erlitten.