Zwischenruf von Rebecca Kaluza

"Literatur ist kein Fitnessstudio für Geschlechteridentität"

13. Februar 2026
Rebecca Kaluza

Rebecca Kaluza widerspricht den Forderungen des Online-Redakteurs Sven Trautwein. Er bemängelt in seiner Kolumne bei "Merkur.de", dass Lesen noch immer Frauensache sei und fordert mehr Angebote für männliche Leser, weniger Pastellfarben und weniger Gefühle. Ein Zwischenruf.

Ein Foto von Rebecca Kaluza am Schreibtisch

Rebecca Kaluza, Produktmanagerin Digital bei Kosmos

Zum wiederholten Mal hat ein Artikel die Runde gemacht, in diesem Fall "Die Lüge vom lesefaulen Mann ist scheinheilig", bei dem ich mich ernsthaft frage, wie man so viele Denkfehler auf so wenig Raum unterbringen kann. Die Botschaft ist dabei erstaunlich bequem: Männer sind nie verantwortlich. Männer sind stets Opfer der Umstände.

Finden Männer keine Partnerin, liegt das an der "Male Loneliness Epidemic“, am Feminismus oder an angeblich überhöhten Ansprüchen von Frauen. Lesen Männer wenig, ist ebenfalls schnell ein Schuldiger gefunden: die "böse Buchbranche“, zu viele Pastellfarben, zu viel Gefühl, zu wenig "echte“ Stoffe für Männer. Was hier als Branchenkritik verkauft wird, ist in Wahrheit vor allem eines: ein Schonraum für männliche Unlust zur Selbstentwicklung.

Ihr müsst euch nicht verändern. Die Welt muss sich so umbauen, dass sie sich weiter wie ein Actiontrailer anfühlt.

Rebecca Kaluza

Der Artikel gibt vor, Geschlechterklischees zu hinterfragen – nur um sie anschließend selbst in Reinform zu reproduzieren. Männer "lesen anders“, Frauen "emotional“. Männer wollen Fakten und Action, Frauen Gefühle und Beziehungen. Pastellfarbene Cover würden Jungen von Literatur abschrecken, weil Lesen sonst zu "weiblich codiert“ sei. Ernsthaft? Damit wird genau die Logik gestützt, die man angeblich überwinden will: Gefühle gelten als weiblich, Weiblichkeit als Problem für Jungen.

Das ist kein Fortschritt, sondern 80er-Jahre-Genderdenken mit modernem Anstrich. Statt Jungen und Männern zuzutrauen, dass sie komplexe, emotionale, zwischenmenschliche Geschichten lesen können – und vielleicht sogar dringend sollten –, wird ihnen signalisiert: Keine Sorge, ihr müsst euch nicht verändern. Die Welt muss sich so umbauen, dass sie sich weiter wie ein Actiontrailer anfühlt. Das ist keine Leseförderung, das ist die kulturelle Verlängerung von "Jungs sind halt so“.

Ja, die Buchbranche folgt Trends. Ja, BookTok ist stark von Romance geprägt. Aber daraus abzuleiten, Männer würden sich vom Lesen abwenden, weil zu viele Frauen lesen oder Bücher "zu weiblich“ seien, ist eine absurde Verschiebung von Verantwortung. Millionen Frauen lesen seit Jahrzehnten Bücher von Männern, ohne dass ihr Geschlecht daran zerbricht.

Warum traut man Männern nicht dasselbe zu?

Wer Literatur ständig entlang von "männlich“ und "weiblich“ sortiert, macht sie kleiner – und Männlichkeit gleich mit. Als wäre ein Mann weniger Mann, wenn er ein Buch über Beziehungen, Verletzlichkeit oder innere Konflikte liest. Genau diese Denkweise hält doch viele davon ab, sich emotional weiterzuentwickeln.

Die naheliegendere – aber unbequemere – Erklärung ist eine andere: Lesen, insbesondere literarisches Lesen, fordert Empathie, Perspektivwechsel und die Auseinandersetzung mit Gefühlen. Genau das sind Bereiche, in denen viele Jungen sozialisiert werden, sich zurückzuhalten. Das Problem ist dann nicht das Coverdesign. Es ist das Männlichkeitsbild.

Solange wir Männern erzählen, sie bräuchten nur "mehr Thriller statt Pastell“, behandeln wir sie wie eine Zielgruppe, die man marketingtechnisch richtig abholen muss – nicht wie erwachsene Menschen, die ihren Horizont erweitern können und sollten.

Insbesondere literarisches Lesen fordert Empathie, Perspektivwechsel und die Auseinandersetzung mit Gefühlen.

Rebecca Kaluza

Hinzu kommt ein Aspekt, den der Artikel vollständig ausblendet: Bücher konkurrieren heute nicht primär mit anderen Büchern, sondern mit Streaming, Gaming, Social Media, Sport und zahllosen anderen Freizeitangeboten. Zu behaupten, Männer läsen nicht, weil Bücher nicht "männlich genug“ seien, greift viel zu kurz und schaut nicht über den Tellerrand.

Lesen ist kein Gegenpol zur Männlichkeit – es ist schlicht eine Freizeitbeschäftigung unter vielen. Wer ernsthaft über sinkende Lesezahlen sprechen will, muss über Zeitbudgets, Mediennutzung und kulturelle Prioritäten reden, nicht über Farbpaletten.

Die eigentliche Frage sollte also nicht lauten, wie die Branche Bücher "männlicher“ machen kann. Sondern wie Männer ermutigt werden, ihr Selbstbild zu hinterfragen. Literatur ist kein Fitnessstudio für Geschlechteridentität. Sie ist ein Raum, um andere Leben, andere Gefühle, andere Wirklichkeiten zu betreten. Wer diesen Raum rosa oder blau streicht, hat ihn schon halb zugemauert.

Zur Autorin

Seit August 2022 gestaltet Rebecca Kaluza beim Kosmos Verlag die digitale Produktwelt mit – von Webinaren über Onlinekurse bis hin zu spannenden neuen Lernformaten. In ihrer Freizeit zieht es sie dagegen in andere Welten: Ob eskapistische Romance, fantastische Abenteuer, feministische Sachbücher oder Klassiker – Hauptsache, es fesselt und inspiriert.