"Bekennende Büchersüchtige"

Vorlass von Sigrid Löffler geht nach Marbach

3. August 2026
Redaktion Börsenblatt

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat das Archiv der österreichischen Kritikerin Sigrid Löffler übernommen. In dem Bestand mit Korrespondenzen, Rezensionen, Essays, Interviews und Rundfunkbeiträgen spiegeln sich die literatur- und geistesgeschichtlichen Debatten eines halben Jahrhunderts.

Sigrid Löfflers Korrespondenz mit W.G. Sebald (1944-2001, unter Freunden nannte er sich "Max") mit seiner "Notiz zu Chatwin", die er im Herbst 2000 für die damals neue Zeitschrift "Literaturen" schrieb

Sigrid Löfflers Korrespondenz mit W.G. Sebald (1944-2001, unter Freunden nannte er sich "Max") mit seiner "Notiz zu Chatwin", die er im Herbst 2000 für die damals neue Zeitschrift "Literaturen" schrieb

Neben einer Dokumentation ihrer eigenen journalistischen Arbeit enthält das Archiv in elektronischer Form Unterlagen zur Gründung und Redaktion der Zeitschrift Literaturen sowie Briefe, Faxe und E-Mails von prominenten Autorinnen und Autoren wie Günther Anders, Antonia S. Byatt, Albert Drach, Péter Esterházy, Jonathan Franzen, Georges-Arthur Goldschmidt, Durs Grünbein, Peter Hacks, Peter Handke, Christoph Hein, Elfriede Jelinek, Imre Kertész, Brigitte Kronauer, António Lobo Antunes, Claudio Magris, Friederike Mayröcker, Christoph Ransmayr, Peter Rühmkorf, Ingo Schulze, W.G. Sebald, Susan Sontag, Hilde Spiel und Martin Walser. Zudem sind einige Manuskripte anderer Autoren enthalten, u.a. ein Redemanuskript von Peter Handke sowie die "Notiz zu Chatwin" von W.G. Sebald.

Über Sigrid Löffler

"In einem stark männlich dominierten Milieu war die Journalistin, Literatur- und Theaterkritikerin Sigrid Löffler erstaunlich lange fast ein Solitär: Sei es in der Redaktion des österreichischen Nachrichtenmagazins Profil oder im Literarischen Quartett (1988–2000) an der Seite von Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek", heißt es in einer Mitteilung des DLA. "In diesem legendären Fernsehformat, das Löffler zur Popularität verhalf, beeindruckte sie durch intellektuelle Klarsicht und differenziertes Urteil. Dabei half ihr von Anfang an, dass sie zu den bekennenden Büchersüchtigen gehört."

Aufgewachsen in Wien, studierte Sigrid Löffler Anglistik, Germanistik, Philosophie und Pädagogik an der Universität Wien, wechselte aber vom Lehrberuf früh in den Journalismus. Sie lebt nach einem Zwischenspiel als Feuilletonchefin in der Redaktion der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit (1996–99) seit einem Vierteljahrhundert in Berlin. Hier wurde sie im Jahr 2000 zur Gründungsredakteurin der Zeitschrift Literaturen. Wegen inhaltlicher Differenzen über die geplante Neuausrichtung des Magazins schied sie 2008 aus der Redaktion aus. Seither schreibt sie als freie Kritikerin.

Sigrid Löffler war Mitglied zahlreicher Jurys und wurde vielfach geehrt, u.a. mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik (1983), dem Bayerischen Fernsehpreis (1991), dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik (1992), dem Ehrendoktorat der Universität Bielefeld (2010) und dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse (2024).

"Sigrid Löffler hat die Öffentlichkeit durch ihr streitbares Eintreten für die Literatur geprägt, als Publizistin, Literaturkritikerin, Jurorin und Herausgeberin ihrer eigenen Zeitschrift", so Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach. "Ihr Vorlass steht für eine Ära, in der die Literatur ein besonderes Medium der gesellschaftlichen Verständigung war. Wir sind stolz auf diesen Vorlass und wollen diese Auseinandersetzung im Gespräch über Literatur lebendig halten."