Die Sonntagsfrage

Warum macht Büchermachen glücklich, Frau Schmitz?

22. August 2021
von Nils Kahlefendt

Unter dem Motto „Wir machen Bücher“ stellen zwölf unabhängige Verlage vier Wochen lang den kreativen Prozess des Büchermachens in den Mittelpunkt und laden ein zu einer Ausstellung, zu Lesungen, Gesprächen, Workshops und in einen Pop-Up-Store, in dem die Bücher aller beteiligten Indies zu kaufen sind. Ideengeberin Birgit Schmitz, einer der Verlegerinnen von TOC Publishing, über das ohne öffentliche Fördermittel umgesetzte Projekt.

Birgit Schmitz, Erik Spiekermann und Moderator Christoph Biermann bei der Auftaktdiskussion "Hacking Gutenberg"

Startschuss für das Büchermacher-Festival war am vergangenen Donnerstag mit einer Diskussion vor (und mit) 60 begeisterten Gästen mit den gastgebenden TOC-Publishern Erik Spiekermann und Birgit Schmitz sowie Daniel Klotz von der Offizin Die Lettertypen (Berlin-Adlershof). Titel: „Hacking Gutenberg: Buchdruck im 21. Jahrhundert“.

Wie sind Sie auf die Idee zu dem Projekt gekommen?

Birgit Schmitz: Die Initialzündung liegt, wenn man so will, schon acht oder neun Jahre zurück: Da habe ich im Rahmen der LitCologne einen Abend machen dürfen unter dem Motto „Der Buchstabe als kleinste Einheit der Literatur“. Auf der Bühne der KulturKirche Köln-Nippes standen Erik Spiekermann, Judith Schalansky und Gerhard Steidl; es kamen 600 Leute, der Abend war ausverkauft, und alle waren begeistert! Da habe ich Erik kennengelernt. Es entstand eine Freundschaft – und heute haben wir einen Verlag zusammen. In den letzten anderthalb Jahren habe ich unheimlich viel darüber gelernt, was Bücher besonders macht. Im Lockdown war dann immer davon die Rede, wie wichtig das Buch ist. Tja, und dann hat mich der Hafer gestochen (lacht): Was ist eigentlich das „Schöne“ am Buch, habe ich mich gefragt, und: Was machen wir da eigentlich? Damit war die Idee schon da: Viele unabhängige Verlage können ja schon aus Kostengründen nicht anders, als sich selber ständig tolle Sachen auszudenken, immer wieder kreativ zu werden. Dann habe ich rumtelefoniert – am Ende sind es 12 Verlage geworden. Es hätten auch noch mehr sein können, etwa aus dem Kinderbuch-Bereich.

Wir bringen Buchstaben aufs Papier – und ich finde es gut und wichtig, öffentlich darüber nachzudenken.

Birgit Schmitz

Nach welchen Kriterien haben Sie ausgewählt?

Schmitz: Das lief sehr subjektiv. Ich habe Kolleginnen und Kollegen angesprochen, die tolle Sachen machen, von denen ich annahm, dass sie die Idee des Ganzen verstehen. Dazu ein paar New Kids on the Block, wie Kanon, die einen ganzen Verlag neu gestalten. Ich habe darauf geachtet, dass verschiedenste Aspekte des Büchermachens eine Rolle spielen, die Ideen kamen aus den Verlagen. Das reicht von Handarbeit als literarischem Experimentierfeld bis zur Rolle von Flops und Zufällen im Verlagsalltag, über die Heinrich von Berenberg und Antje Haack sprechen werden. Am Gallery Weekend geht es mit einem Ausflug in die Kunstverlagsszene, mit Gästen wie Klaus Kehrer, in die Zielgeraden. Ich musste eigentlich niemanden überreden: Die Idee hat allen sofort eingeleuchtet: Statt eines Abends und einem Büchertisch vier Wochen lang einen Popup-Store zu haben, dazu elf Abendveranstaltungen in der Werkstatt – und so ein ganzes Netzwerk an Kommunikation zu stiften, Sichtbarkeit herzustellen. Ich freue mich riesig auf die Begegnung mit vielen Kolleginnen und Kollegen – und mit den Leserinnen und Lesern. Die darf man nie unterschätzen!

Sie führen mit dem Festival exemplarisch vor, was quasi im ‚Maschinenraum’ der Verlage passiert, richtig?

Schmitz: Das ist genau die Idee. Die Leserinnen und Leser geben ja viel Geld für die Bücher aus – da sollen sie doch auch bitteschön erfahren, wofür sie das tun! Die Bücher, die wir drucken, fordern uns immer noch, nach über 500 Jahren, jedes Mal neu! Wir bringen Buchstaben aufs Papier – und ich finde es gut und wichtig, öffentlich darüber nachzudenken. Eine Sache für Typo-Nerds, könnte man einwenden. Ich halte es da lieber mit meinem alten Chef Helge Malchow, der etwas für mich sehr wichtiges gesagt hat: „Wenn dich etwas interessiert, interessiert es auch andere. Halt’ dich nicht für so originell!“  

(Die Fragen stellte Nils Kahlefendt)

Die Bücher, die wir drucken, fordern uns immer noch, nach über 500 Jahren, jedes Mal neu!

Birgit Schmitz

Wir machen Bücher | 19. August bis 19. September

Gastgeber für alle Veranstaltungen ist die Galerie p98a, eine experimentellen Letterpress-Werkstatt (Potsdamer Str. 98a, 2. Hinterhof links); um Anmeldung wird gebeten unter contact@toc.berlin. Die Bücher aller beteiligten Verlage sind im Concept Store Analog erhältlich, den Erik Spiekermann im Mai 2019 eröffnete (Potsdamer Str. 100, Mo–Fr 12–17 Uhr). Das Veranstaltungsprogramm ist als Download unterhalb dieser Meldung angefügt.

Birgit Schmitz leitete nach Stationen bei Kiepenheuer & Witsch in Köln, dem Berlin Verlag sowie dem Salzburger Red-Bull-Verlag Benevento bis Herbst 2019 den Hamburger Verlag Hoffmann & Campe. 2020 gründete Schmitz zusammen mit dem Typographen und Designer Erik Spiekermann, der Designerin Susanna Dulkinys und der Schriftstellerin Irene Dische in Berlin den Verlag TOC Publishing. 

Teilnehmende Verlage:

Veranstaltungsprogramm