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Keine Angst, Darling

27. August 2026
TONI HECHT

Millionen wollen sein wie sie. Doch ihr Leben ist eine gefährliche Lüge. In "Keine Angst, Darling" blickt Vera Buck hinter die glänzende Fassade der Tradwife-Welt – und erzählt von der gefährlichen Grenze zwischen Fürsorge und Kontrolle.

Packshot Buck "Keine Angst Darling"

Eine perfekte Familie, ein traumhaftes Zuhause und ein Leben, das Millionen Menschen in den sozialen Medien bewundern: Mit "Keine Angst, Darling" hat die preisgekrönte SPIEGEL-Bestsellerautorin Vera Buck einen atemberaubend fesselnden und erschreckend aktuellen Thriller geschrieben, der seine Leser*innen in die Welt einer amerikanischen Luxussiedlung führt – und hinter ihre perfekte Fassade blickt. Der Thriller stieg auf Platz 2 der SPIEGEL-Bestsellerliste ein. Ein Gespräch über die Faszination der Tradwife-Welt, den gefährlichen Grat zwischen Fürsorge und Kontrolle und darüber, wie gesellschaftliche Fragen zu packenden Thrillern werden.

Was fasziniert Dich an der Welt der Tradwives – und warum kann sie so verführerisch wirken?

Die Tradwife-Welt ist zunächst eine sehr ästhetische Welt: schöne Küchen, selbst gebackenes Brot, ein perfekt geführter Haushalt, gelassene Kinder und ein starker Mann, der scheinbar alle Last von der Familie fernhält. Was hier versprochen wird, ist Geborgenheit, Ordnung und Eindeutigkeit. Jeder hat seine festgelegte Rolle, niemand muss ständig neu aushandeln, wer wofür zuständig ist. Gerade in einer Zeit, die viele Menschen als kompliziert erleben, und in der wir mit so vielen Dingen gleichzeitig jonglieren müssen, kann das sehr verführerisch wirken. Gleichzeitig ist diese Welt hochmodern: Tradwives propagieren ein Rollenbild der Fünfzigerjahre mit professionellem Storytelling, Produktplatzierungen und einer eigenen Marke. Hinter der nostalgischen Oberfläche steckt aber ein perfekt funktionierendes digitales Geschäftsmodell.

Wie hast Du diese Welt für Deinen Thriller in die Luxussiedlung Sancta Familia übersetzt?

Für den Roman habe ich diese Ästhetik verdichtet und in die abgeschlossene Luxussiedlung Sancta Familia in Florida übertragen. Dort wird das Versprechen vom geschützten, vollkommenen Leben räumlich sichtbar: hohe Mauern, makellose Häuser, strenge Regeln. Je genauer Paula hinsieht, desto deutlicher wird allerdings, welchen Preis die Frauen für diese vermeintliche Sicherheit bezahlen.

Was hat Dich fasziniert und was kannst Du nachvollziehen an der Entscheidung, sich bedingungslos unterzuordnen und Kontrolle abzugeben?

Nachvollziehen kann ich vor allem die Sehnsucht dahinter. Unser heutiges Leben verlangt uns viel ab. Die Vorstellung, einen Teil dieser Verantwortung abgeben zu können und dafür versorgt und beschützt zu werden, besitzt eine gewisse Verführungskraft. Mich hat deshalb weniger die Unterordnung selbst interessiert als die Frage, warum sie sich zunächst wie Entlastung anfühlen kann – und wie aus einem "Ich kümmere mich darum" nach und nach Regeln und Verbote werden. Grundsätzlich sehe ich es so: Fürsorge stärkt den anderen Menschen, Kontrolle engt ihn ein. Wenn jemand mir etwas abnimmt, damit ich freier werde, ist das Fürsorge. Wenn er mir etwas abnimmt, damit ich von ihm abhängig werde, ist es Kontrolle. Genau diesen schleichenden Prozess wollte ich in "Keine Angst, Darling" zeigen.

Vera Buck

Vera Buck

Du beschäftigst Dich schon lange mit dem Thema häusliche Gewalt. Wie kam die Verbindung zum Tradwife-Trend zustande?

Das Thema häusliche Gewalt begleitet mich tatsächlich schon sehr lange. Mein Vater war bei der Polizei und viele Jahre auf diesen Bereich spezialisiert. Er hat zu Hause von Fällen erzählt, die ihn beschäftigt und oft auch frustriert haben. Dadurch bin ich früh mit der Frage konfrontiert worden, warum Betroffene bei einem gewalttätigen Partner bleiben oder nach einer Trennung zu ihm zurückkehren. Als ich dann auf den Tradwife-Trend stieß, verbanden sich diese alten Fragen mit einer neuen Beobachtung: Warum wird gerade heute ein Modell wieder attraktiv, das weibliche Unmündigkeit als Ideal inszeniert? Warum sollten wir freiwillig zurück in eine Zeit, die wir gerade erst erfolgreich hinter uns gelassen haben?

Beginnst du beim Schreiben eher mit einer gesellschaftlichen Frage oder mit einer guten Geschichte?

Im besten Fall lässt sich das gar nicht voneinander trennen. Ich beginne meistens mit einer Frage, die mich nicht loslässt, und die mir am Herzen liegt. Ohne gesellschaftliche oder politische Themen in meinen Büchern würde mir die Relevanz fehlen, ich würde mich irgendwann fragen, warum ich eigentlich schreibe.  Aber ein Roman ist keine Abhandlung, und die Figuren, die ich erfinde, sind mir mindestens ebenso wichtig wie das Thema selbst. Die Leser*innen sollen mit ihnen mitfühlen, mitfiebern, und von der Handlung überrascht werden. Die Vorstellung, dass hinter einer perfekten Fassade Gewalt und Manipulation verborgen sein können, berührt nicht nur eine gesellschaftliche Realität - sie ist auch ein guter Thrillerstoff. 

Die erste Auflage ist schon verkauft, die Leser*innen sind begeistert. Wie erlebst Du die Reaktionen auf "Keine Angst, Darling"? Was begeistert die Fans an dem Buch besonders?

Dass die erste Auflage so schnell verkauft war und das Buch gleich in der ersten Woche auf die Bestsellerliste kam, ist natürlich überwältigend. Beim Schreiben verbringt man sehr lange allein mit einer Geschichte und weiß nie genau, ob das, was einen selbst bewegt, später dasselbe auch bei allen anderen auslösen wird. Umso schöner ist es zu erleben, wie intensiv die Leser*innen auf das Buch reagieren.

Was sollen die Leser*innen mitnehmen, wenn sie das Buch zuklappen?

Viele schreiben mir, dass sie das Buch kaum aus der Hand legen konnten. Sie lieben die Spannung und die Plot-Twists (die mir beim Schreiben übrigens auch immer ganz besonders Freude bereiten, vor allem, wenn sie so gut aufgehen! ;)). Was mich aber besonders berührt, ist wenn Leser*innen mir schreiben, dass sie beim Lesen wütend geworden sind oder noch lange über die Figuren und ihr Schicksal nachdenken mussten. Genau diese Mischung habe ich mir gewünscht: einen Thriller, den man am liebsten in einem Rutsch durchlesen will, aber der nach dem Zuschlagen nicht sofort vorbei ist. Wenn Leser*innen nach der letzten Seite noch über Kontrolle, Abhängigkeit oder die schöne heile Welt von Social Media nachdenken und nicht von meinen Figuren Abschied nehmen wollen, habe ich alles erreicht. 

Ein Thriller, der unter die Haut geht. Unerschrocken, modern und unglaublich spannend

EMILY RUDOLF

Keine Angst, Darling
Vera Buck
17,00 € (DE)
ISBN 978-3-7577-0268-7
448 Seiten
ET: 03.08.2026
Lübbe