Jahrestagung der IGUV

"Bleibt vehement, lasst Euch nicht einschüchtern"

15. Juni 2026
Matthias Glatthor

Bei der Jahrestagung der IG Unabhängige Verlage (IGUV) im Börsenverein stand unter anderem eine Frage im Fokus: Wie lässt sich mehr Sichtbarkeit erzeugen? Dazu gab es viele Tipps aus der Praxis. Das vielfältige Programm hatte auch sonst einiges zu bieten.

Die Talkrunde mit (v.l.): Solvey Munk (Umbreit), Steffi Bieber-Geske (Biber & Butzemann Verlag) und Sarah Natusch (Buchhandlung Hoffmann, Eutin)

Die Talkrunde mit (v.l.): Solvey Munk (Umbreit), Steffi Bieber-Geske (Biber & Butzemann Verlag) und Sarah Natusch (Buchhandlung Hoffmann, Eutin)

 

Rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren am 9. und 10. Juni nach Frankfurt am Main zur IGUV-Jahrestagung gekommen, einige waren zum ersten Mal dabei. Veranstaltungsorte waren das Haus des Buches und die Evangelische Akademie am Römer. "Wir wünschen zwei schöne Tage und gute Unterhaltung", erklärte Jens Korch zur Begrüßung – das wurde locker erfüllt, und natürlich wurden viele nützliche Informationen geboten. In den Pausen und bei der Party am Abend, inklusive einer Karaoke-Einlage, gab es reichlich Möglichkeiten zum Austausch untereinander. So soll es sein.

Jens Korch (Wannenbuch Verlag / Edition Paperento), Jeannette Bauroth (Second Chances Verlag) und Steffi Bieber-Geske (Verlag Biber & Butzemann), die drei Sprecher:innen der IGUV, hatten ein gehaltvolles, abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt ("jeder sollte etwas mitnehmen können", so Bauroth), durch das sie mit Schwung führten. Dabei hielten sie, wo nötig, den Zeitplan im Auge. Denn Fragen oder ergänzende Kommentare aus dem aufmerksam lauschenden Plenum löste eigentlich jeder Vortrag oder jede Talkrunde aus. Als nette Geste gab es für jeden Gast des Programms als Dank ein Tütchen mit Süßigkeiten.

Wer sind diese kleinen Verlage?

Den Einstieg machten Zahlen. "Wir wollten wissen, wer sind diese kleinen Verlage?", erklärte Jens Korch, der im vorigen Jahr zusammen mit Jeannette Bauroth neu in das Sprechertrio gerückt war. Darum hat man Anfang des Jahres eine Umfrage an rund 800 Kleinverlage verschickt und um die 100 Antworten darauf erhalten – eine gute Quote. Ein Ergebnis: In 59 % der teilnehmenden Verlage sind nur ein bis zwei Personen tätig, wobei der Verleger oder die Verlegerin jeweils mitgezählt sind. Fünf oder mehr Mitarbeitende haben 21 %, der Rest ordnet sich dazwischen ein. Und nur für 45 % der Befragten ist der Verlag die Haupteinnahmequelle. Allein das verdeutlicht ihren Enthusiasmus. Auf die Frage, welche Umsatzentwicklung 2026 im Vergleich zum Vorjahr erwartet wird, lauten die Antworten: "besser" (20,8 %), "schlechter" (37,6 %) und "gleich" (41,6 %).  

Als aktuell größte Herausforderungen werden in der Umfrage genannt:

  • Hoher Kostendruck durch gesamtwirtschaftliche Lage bei gleichzeitigem Rückgang der Kaufkraft / Leser:innenschaft
  • Begrenzte Ressourcen, um effektive Vertriebs- und Marketingstrukturen aufbauen zu können
  • Fehlende Sichtbarkeit im Handel
  • Erschwerte Sichtbarkeit aufgrund von hoher Menge an Neuveröffentlichungen auf dem Buchmarkt
  • Hohe Remissionsquote
  • Geringe Durchsetzungskraft gegenüber den "Big Playern"

Was wünschen sich die Befragten? Stärkere Vernetzungsmöglichkeiten neben der jährlichen IGUV-Tagung, eine engere Zusammenarbeit mit der IG Unabhängiges Sortiment (IGUS), die Initiierung neuer Projekte für mehr Sichtbarkeit, und dass die Perspektive der unabhängigen Verlage stärker in die Lobbyarbeit des Börsenvereins eingebracht werde. Themen, die der Sprecher:innenkreis unmittelbar beeinflussen könne, so Korch. Andere Wünsche wie die Erarbeitung einer strukturellen Verlags- und Projektförderung könne man beobachtend begleiten oder anmahnen. Es steht also etliches auf der Agenda der IGUV.

Gespräch mit den Buchhändlerinnen der "Wendeltreppe" (v.l.): Jutta Wilkesmann, Hildegard Gansmüller und Jens Korch

Gespräch mit den Buchhändlerinnen der "Wendeltreppe" (v.l.): Jutta Wilkesmann, Hildegard Gansmüller und Jens Korch

Ein Glas Whiskey für Patricia Highsmith

Nach der Kaffeepause am ersten Tag standen zwei Talkrunden an. Unter der Rubrik "Aktuelles aus dem Buchhandel" erzählten Jutta Wilkesmann und Hildegard Gansmüller von der 1989 gegründeten Frankfurter Krimi-Buchhandlung Die Wendeltreppe aus ihrem Alltag. Natürlich wollte das Plenum wissen, wie die beiden ihre Buchauswahl treffen – weniger durch Angebote per E-Mail, verriet Gansmüller. Sie öffne morgens an die 60 Mails: "Ich bin damit beschäftigt, auch wenn ich sie lösche." Ihre Beobachtung: In den Mails ständen zu wenig Informationen, wenig über den Autor oder die Autorin. Was ist das Besondere am Buch? Sie vermisse eine echte Einschätzung. "Es können ja nicht alles verkannte Nobelpreisträger sein." In Vorschauen blicke sie dagegen eher: "Wenn man mir etwas nahebringen will, brauche ich etwas anzufassen."

Prospekte, die im Dezember kämen, hätte schlechtere Karten, ergänzte Wilkesmann: "Ich glaube, den Verlagen ist nicht klar, dass wir vor Weihnachten keine Zeit haben." Welche Titel laufen gut? Unter anderem die Klassiker. "Junge Menschen, um die 20, kommen, um Agatha Christie zu lesen", so Gansmüller. Es interessiere sie, was ist da dran? Oder sie kennen es aus dem TV. Auch Sherlock Holmes gehe immer noch. Aber die Sache mit den Bestsellerlisten funktioniere nicht ganz so. Wenn man Kunden darauf aufmerksam mache, dass ein Titel auf der Spiegel-Bestsellerliste stehe, würden manche sagen: "Ach, dann nicht." Auf der anderen Seite habe man mit sehr winzigen Verlagen, sehr gute Erfahrungen gemacht, merkte Gansmüller an. Andererseits nervt es sie, wenn sie tagelang bei großen Verlagen anrufen müsse, um jemanden zu "erwischen", nur diese "blecherne Ansage" komme.

Eingestreut hatten die beiden etliche Anekdoten aus der Geschichte ihrer "Wendeltreppe". Etwa, dass ihre Veranstaltungsgröße von bis zu 30 Personen einmal gesprengt wurde – für eine Signierstunde mit Patricia Highsmith. Die Schlange stand um den Block. "Da musste ich ihr ein großes Glas Whiskey einfüllen, damit sie weiter signieren konnte", erinnerte sich Wilkesmann. Zum Schluss fragte Korch, ob sie sich schon Gedanken über eine Nachfolge machen würden. "Man verdrängt es immer noch", antwortete Wilkesmann, "aber bis 100 können wir ja nicht weitermachen." Schön wäre es aber, dachte bestimmt so manche(r) im Publikum, das sie beiden mit reichlich Beifall bedachte.

Schnellfragerunde mit Sebastian Guggolz

Für den folgenden Talk nahm Sebastian Guggolz, der am Tag zuvor noch bei der Verleihung des Deutschen Sachbuchpreises 2026 in Hamburg war, Platz, unterhielt sich mit Jens Korch und Jeannette Bauroth. Der Vorsteher des Börsenvereins kann die Belange der kleinen Verlage gut nachvollziehen, ist doch eines seiner beruflichen Standbeine sein 1-Mann-Verlag Guggolz in Berlin. Er erklärte, dass er ein großer Verfechter einer strukturellen Verlagsförderung sei, obwohl eine Umsetzung gerade unwahrscheinlich sei. Kulturstaatsminister Weimer könne man bestimmt nicht in die Richtung bringen. "Aber wir bleiben am Ball." Wie können die kleinen Verlage dem Börsenverein helfen, lautete eine an ihn gerichtete Frage. Wichtig sei, dass diese Mitglieder werden, meinte Guggolz, denn im Verband habe jedes Mitglied genau eine Stimme. Und Vielstimmigkeit sei die große Stärke des Börsenvereins. "Bleibt vehement, lasst Euch nicht einschüchtern", rief er seinen Zuhörer und Zuhörerinnen zu. Nach innen sei Vielstimmigkeit extrem wichtig, nach außen wiederum wäre manchmal auch eine Stimme nützlich, umriss er die Rolle des Börsenvereins.

Zum Abschluss gab es eine Schnellfragerunde – dabei wollten Korch und Bauroth etwa wissen: "Wie wünschen Sie sich, dass die Branche in 10 Jahren aussieht?" "Dass Bücher teurer sind und wieder mehr Menschen lesen", antwortete Guggolz hier spontan.

Blick auf die Zuhörerinnen und Zuhörer, die auf Stühlen sitzen

Gespitzte Ohren im Plenum (Ausschnitt)

Praxis, Praxis, Praxis

Insgesamt konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der IGUV-Jahrestagung viele praktische Tipps aufschnappen – der Veranstaltungsort Frankfurt am Main ermöglichte es, etliche Referentinnen von Börsenverein und MVB zu hören: Susanne Barwick, stellvertretende Justiziarin des Börsenvereins, informierte kundig über aktuelle Rechtsthemen aus Sicht unabhängiger Verlage. Bei Eva Singer, MVB, ging es um das Thema: "Wann beißt der Buchladen endlich an? VLB-TIX in der Praxis unabhängiger Verlage – und wie Händler:innen mit gepflegten Daten besser erreicht werden".

Foto der Folie zur KI-Kennzeichnungspflicht

Ein Thema beim Vortrag von Susanne Barwick: Die KI-Kennzeichnungspflicht

Wirtschaftliche Vorteile durch das "Seitenreich"-Programm, erläuterte Anna Menninger, Referentin Mitgliedschaften im Börsenverein. Welche Chancen unabhängige Verlage haben, in Pressearbeit und Börsenblatt berücksichtigt zu werden, darüber gaben Thomas Koch, Pressesprecher des Börsenvereins, und Sabine van Endert, stellvertretende Chefredakteurin des Börsenblatts, einen Einblick. Jana Lippmann, Ressortleitung Marktforschung im Börsenverein, stellte die jüngste Erhebung zur Backlist vor, und zum Abschluss der Tagung präsentierten Stefanie Herr, Geschäftsleitung Transformation im Börsenverein, und Sven Nieder, Geschäftsführer Verlagshaus Kraterleuchten, Neues aus der Task Force IT-Standards.  

Zu vielen digitalen Themen bietet der Wissens-Hub des Börsenvereins Orientierung und Erkenntnisse!

Foto von Ilke Sayan bei ihrer Präsentation

Ilke Sayan erklärte, worauf es bei eigenen Social-Media-Aktivitäten ankommt

Bindungen aufbauen

Weitere Vorträge steuerten Cathrin Ruppert, dzb Lesen, über Barrierefreiheit bei E-Books, und die Content Creatorin und Moderatorin Ilke Sayan bei. Letztere brannte ein kleines Feuerwerk ab, erklärte anschaulich, was im Umgang mit eigenen Social-Media-Aktivitäten zu beachten ist. Ein gutes Konzept sorge automatisch für Bindung. Zentrale Punkte:

  • Persönlichkeit
  • Regelmäßigkeit
  • Wiedererkennbarkeit
  • Emotionen / Storytelling
  • Haltung
  • Nähe & Austausch

Ganz wichtig sei zudem ein Redaktionsplan sowie das Community-Building, etwa durch Interaktionen ("sehen und gesehen werden"), und man sollte auf alle Kommentare antworten. Mit einer aktiven Community lasse sich automatisch die Reichweite erhöhen. Schließlich wurden in weiteren Präsentationen "WAY – We Audiobook You" von Bookwire sowie das Korrektur-Programm "Textshine" vorgestellt.

Einkauf und Remissionen

Eine dritte Talkrunde, am zweiten Tag, befasste sich mit Einkauf und Remissionen. IGUV-Sprecherin Steffi Bieber-Geske hatte sich dafür Solvey Munk, Geschäftsführung Barsortiment Umbreit, und Sarah Natusch, Buchhandlung Hoffmann in Eutin, eingeladen. Munk führte aus, dass bei Umbreit für den Einkauf von Novitäten alle Informationen genutzt würden, die man vorliegen hat (Presse, Vormerker, Verlag, Autor:innen etc.). Zudem sei bei Bestellungen die Kompetenz des Einkäufers relevant. Jeden Morgen werden die Daten abgecheckt: "Wenn ein Einkäufer merkt, hier liege ich zu niedrig, dann wird nachbestellt." Buchhändlerin Sarah Natusch ist Mitglied der Nordbuch, die über ein Zentrallager von circa 10.000 Titeln verfügt. Darüber laufe viel. Und man arbeitet mit VLB-TIX. Wie sollten kleine Verlage Kontakt aufnehmen? Niemals telefonisch, lieber per Mail, so Natusch, die erläuterte: Jede aus dem Team würde eigene Warengruppe betreuen, und so könnten Mails gezielt verteilt werden. Bücher sollten nicht spontan geschickt werden, sondern per Mail zur Prüfung angeboten werden.

Zum Thema Remissionen bemerkte Munk, dass bei Umbreit die Disponenten einmal pro Jahr eine Bestandsaufnahme des Lagers machen. Bei Überbeständen frage man bei den Verlagen immer an, wie damit zu verfahren sei. Makulieren oder zurücksenden? "Makulation ist vom Ablauf einfacher, aber es ist völlig sinnlos zu vernichten, und dann später neu zu bestellen", betonte Munk. Daher brauche es Absprachen. Die Buchhandlung Hoffmann remittiert nach fünfeinhalb Monaten, bei Nordbuch gebe es eine Remissionsfrist von sechs Monaten. "Regionalliteratur schicken wir nicht zurück. Das gehört zum Norden, das müssen wir haben." Insgesamt würde sich Natusch längere Remissionszeiträume wünschen. Die Runde löste eine rege Diskussion aus, viele Fragen wurden aus dem Publikum gestellt – die Spanne reichte von Remissionsverfahren, über Auslistungen bis zur Meldenummer 17.

Insgesamt waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der IGUV-Jahrestagung 2026 sehr zufrieden mit dem Programm, das hörte man in Gesprächen immer wieder. Das war bestes analoges Community-Building. "Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr wieder", verabschiedete Steffi Bieber-Geske die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Einige blieben gleich da, um die Fokustage des Börsenvereins am 11. und 12. Juni am gleichen Ort zu besuchen.