Konsumzurückhaltung setzt Verlagen weiter zu
Stimmungslage, Herausforderungen, Frankfurter Buchmesse: Das Sprecherinnentrio der IG Belletristik und Sachbuch und damit Grusche Juncker (PRH), Ulrike von Stenglin (Gutkind Verlag) und Julia Eisele (Eisele Verlag) gibt Antworten – kurz vor der Jahrestagung in München.
Sprecherinnenkreis (v.li.): Grusche Juncker, Ulrike von Stenglin, Julia Eisele
"FRAGE DES BÖRSENBLATTS: Und wie können Verlage den unabhängigen Buchhandel besser unterstützen?
ANTWORT von Julia Eisele: Ganz einfach, indem wir immer wieder neue Autorinnen und Autoren entdecken, die gute Bücher schreiben. Wir weisen im Kontakt mit Lesenden auch stets darauf hin, wie wichtig es ist, bewusst und gezielt die Lieblingsbuchhandlung vor Ort zu besuchen und welche Vorteile das auch hat."
MOGELPACKUNG 1: Nun ja, ich dachte eigentlich immer, dass das oben als Antwort beschriebene Prozedere sowieso die originäre Aufgabe des Buchverlegens sei. Es handelt sich also nicht um die abgefragte zusätzliche Unterstützung, sondern schlicht um das normale Angebot, was man als Verlag ja sowieso anbietet.
MOGELPACKUNG 2: Noch besser wird es, wenn wir den Hinweis auf die Lieblingsbuchhandlung vor Ort betrachten. An dieser Stelle ist Julia Eisele mit dem versprochenen Hinweis auf die Buchhandlung vor Ort relativ fein raus. Aber ihre Kolleginnen handhaben dies anders…
GUTKIND Verlag: Für alle Kundinnen und Kunden öffnet sich auf der Webseite bei dem angeklickten Buch der Bestellbutton „BUCHHANDLUNG WÄHLEN“ – und
wenn man draufklickt, dann kommt die Auswahl in Reihenfolge: Genialokal –
Hugendubel – Thalia – Amazon.
PENGUIN Random House: Beim Klick aufs Buch öffnen sich mit der Überschrift „Jetzt im Handel bestellen“ zunächst drei Buttons, nämlich Amazon – Thalia – Hugendubel. Und jetzt wir es richtig gut: Denn darunter befindet sich der Punkt „+ Alle Anbieter“! Und dahinter finden sich nach dem Extraklick in genannter Reihenfolge Amazon – Thalia – Hugendubel – Bücher.de – ebook.de – genialokal – Penguin. Das sind dann tatsächlich alle Anbieter?????????
Haben wir an dieser Stelle eventuell einen in Summe nicht unrelevanten Markteilhaber, nämlich den unabhängigen Buchhandel, komplett vergessen?
Was ist eigentlich so schwer daran, in den eigenen Webseiten in irgendeiner Form auf die Bestellmöglichkeiten bei Buchhandlungen vor Ort generell aufmerksam zu machen?
Liebe Frau Juncker, liebe Frau von Stenglin, liebe Frau Eisele, mit diesem (seit langer Zeit schon ausgeübten) Grundverhalten verabschiedet Ihr Euch gerade vom unabhängigen Sortimentsbuchhandel und verspielt die allerletzten Sympathien. Den kompletten Systemwechsel unserer Brachen habt ihr entweder erkannt und nehmt uns quasi als Umsatzbringer noch mit – oder Ihr schwebt tatsächlich noch auf einer Traumwolke aus vergangenen Zeiten, was umso schlimmer ist.
Freundlicher Gruß
Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinsatraße in Köln
die unabhängigen Kleinverlage sind auf unseren 75qm Verkaufsfläche extrem gut positioniert. Wir haben zahlreiche derer Titel im Portfolio und schaffen es gelegentlich sogar, daraus Best- und Longseller zu machen, die sich hinter einigen schnelllebigen Toppsellern großer Verlagshäuser nicht zu verstecken brauchen. Spontan fallen mir dazu zwei Titel ein: Vom im Düsseldorfer Lilienfeld Verlag erschienenen „Frühling 45“ von Karl Friedrich Borée waren es über die Jahre hinweg immerhin bislang 171 Stück und vom im Maro Verlag erschienenen Buch „Das letzte Mal in Paris“ von Eliot Paul haben wir vor einigen Tagen die 150 Stück erreicht, denn beide Titel gehören immer noch zu unserem Hausrepertoire.
Allerdings gibt es für unsere Zusammenarbeit mit unabhängigen Verlagen in der Regel zwei Voraussetzungen: Die Titel müssen zu unserem Publikum passen und der Verlag sollte nach Möglichkeit über eine bündelungsfähige Auslieferung verfügen, damit wir wirtschaftlich sinnvoll nachbeziehen können.
Wir sind nicht Teil irgendeiner Einkaufsgenossenschaft und ich weiß jetzt leider auch nicht, welcher bei genialokal nicht rasch verfügbare Longseller uns da gerade durch die Lappen geht. Aber Sie werden lachen, über einen recht langen Zeitraum hatten wir auch stets einige Ihrer Arsène Lupins vorrätig, die wir allerdings aus den erwähnten logistischen Gründen via Barsortiment nachorderten.
Herzlicher Gruß aus Köln
Jens Bartsch
mir ist noch nicht so ganz klar, wie sich diese durchaus nicht uninteressante Idee in größerem und damit wirtschaftlich sinnvollem Umfang bewerkstelligen lässt. Aber wäre es nicht einfacher, gemeinsam mit einigen anderen interessierten Kleinverlagen eine Gruppe zu bilden, die gemeinschaftlich unter das Dach einer professionellen Auslieferung schlüpft? Es muss ja nicht direkt PROLIT sein, aber zum Beispiel die GVA oder BROCOM könnten mit einem entsprechenden Angebotsportfolio vielleicht eine Lösung bieten. Rufen Sie mich dieser Tage doch einfach mal via 0221 3400717 an und wir plaudern mal ´ne Runde über das Thema.
Herzlicher Gruß aus Köln
Jens Bartsch.