Interview zur Woche der Meinungsfreiheit

"Kultur ist immer auch ein wichtiges gesellschaftliches Sprachrohr und Korrektiv der Mächtigen"

10. März 2026
Redaktion Börsenblatt

Der mit dem "Goldenen Bären" ausgezeichnete Film "Gelbe Briefe" des Oscar®-nominierten Regisseurs İlker Çatak setzt 2026 in einer Kooperation mit der Woche der Meinungsfreiheit ein Zeichen für die Zusammenarbeit von Kulturbranchen. Helga Frese-Resch, Co-Sprecherin der IG Meinungsfreiheit des Börsenvereins im Gespräch mit İlker Çatak.

Landtagsmitglied Arndt Klocke, Regisseur İlker Çatak und Helga Frese-Resch, Co-Sprecherin der IG Meinungsfreiheit stehen vor einer grauen Wand mit einer Litfaßsäule.

Landtagsmitglied Arndt Klocke, Regisseur İlker Çatak und Helga Frese-Resch, Co-Sprecherin der IG Meinungsfreiheit bei der Special Preview in Köln zum Kinostart von GELBE BRIEFE.

In Zeiten, in denen es zunehmend herausfordernder wird, Fakt von Fiktion zu trennen, Vertrauen schwindet und demokratische Grundwerte unter Druck geraten, stellt die Woche der Meinungsfreiheit mit dem Motto "Was ist wahr?" in diesem Jahr zentrale Fragen nach Verantwortung und dem Umgang mit Informationen. Gerade Kulturschaffenden kommt dabei eine besondere Rolle zu: Sie eröffnen Räume der Perspektivvielfalt und tragen dazu bei, den öffentlichen Diskurs differenziert und kritisch zu gestalten. Umso wichtiger ist es, dass wir als Kulturbranchen enger zusammenrücken und gemeinsam daran arbeiten, diese Vielfalt in der Gesellschaft zu stärken.

Ein Beispiel dafür ist die Kooperation der Woche der Meinungsfreiheit mit Regisseur Ilker Çatak und seinem Werk "Gelbe Briefe". Lieber Herr Çatak, Ihr Film "Gelbe Briefe?" hatte am 13. Februar seine Premiere auf der Berlinale und wurde als erster deutscher Film seit 20 Jahren mit dem "Goldenen Bären" ausgezeichnet. Ab dem 5. März läuft er in den Kinos. Worum geht es?

İlker Çatak: Es geht um ein angesehenes Künstler-Ehepaar, das ins Visier staatlicher Repression gerät. Über Nacht verlieren sie ihre Arbeit und stehen vor existenziellen Schwierigkeiten, zumal sie eine Tochter großziehen. Sie sind mit dem zivilen Tod konfrontiert – einem langen Wartezustand, in dem sie sozial und beruflich aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen sind. Während sie auf einen Gerichtstermin warten, dessen Ausgang alles andere als gewiss ist, seziert der Film den unterschiedlichen Umgang des Paares mit dieser Situation. Erst das Fressen, dann die Moral? Diese Frage rückt ins Zentrum des Films.

Vom 3. bis 10. Mai findet die Woche der Meinungsfreiheit statt, und das bereits zum sechsten Mal. Warum ist auch Ihnen persönlich diese Zusammenarbeit so wichtig?

İlker Çatak
: In einer gut funktionierenden Demokratie ist Kultur im besten Fall immer auch ein wichtiges gesellschaftliches Sprachrohr und Korrektiv der Mächtigen. Wir sehen bei den aktuellen Angriffen auf Kulturfreiheit weltweit sehr deutlich, dass es in den Kulturdebatten selten um die Kunst an sich geht, sondern um Deutungshoheit über Realitäten. Kunst wird als Propaganda-Meinung delegitimiert, die eigene politische Position zur wirklichen Realität erklärt und unerwünschte Beiträge Kulturschaffender als unwahr und nationalfeindlich abgewertet oder gar verfolgt. Dieser Druck auf Kulturschaffende und die Kunstfreiheit ist also eng mit dem Konzept der Wahrheit verbunden. Ich bin fest davon überzeugt, dass eine lebendige glückliche Gesellschaft eine freie Kunst, Argumentationen auf Faktengrundlagen, und damit verbunden auch Meinungsfreiheit braucht. Das sollten wir gemeinsam verteidigen und nicht selbstverständlich nehmen.

Der Film spielt in der Türkei, wurde aber in Hamburg und Berlin gedreht? Was wollten Sie damit aufzeigen und bewirken?

İlker Çatak
: Das hat mehrere Gründe: zum einen spielt der Film in Deutschland, weil die Gefahren autoritärer Strömungen ein weltweites Phänomen sind. Wir wollten den Film von einer ortsspezifischen Lesart entkoppeln, die Universalität dieser Gefahren betonen. Außerdem gibt es mittlerweile eine große türkische Diaspora in Deutschland, was bedeutet, dass die Probleme, die drüben stattfinden, immer auch hierzulande Wirkung zeigen. Auch wenn die Politik uns glauben machen will, dass Isolationismus eine Lösung sei, müssen wir doch verstehen, dass es in einer globalisierten Welt kaum noch Probleme gibt, die ausschließlich nationale Grenzen betreffen. Was glauben Sie, passiert etwa mit all den Menschen, wenn der Klimawandel ihre Lebensräume unbewohnbar macht? 

Zumal die Staaten, die besonders isolationistisch agieren, den Klimawandel leugnen. Doch noch mal zurück zu Ihrem Film. Wie, glauben Sie, wird der Film in der Türkei aufgenommen? Was hat die Ausstrahlung für Auswirkungen für die Schauspieler*innen?

İlker Çatak
: Das kann ich derzeit nicht beurteilen – alles, was ich jetzt vor dem Release sage, wäre reine Spekulation. Aber ich hoffe natürlich, dass der Film nicht als Anklage, sondern als Einladung zum Dialog wahrgenommen wird. 

Genau dazu laden "Gelbe Briefe" und das Programm der Woche der Meinungsfreiheit ein: Wir müssen über Desinformation, Fakten und Wahrheit in der Demokratie sprechen. Vielen Dank, Ilker Çatak, für dieses Gespräch.

Die Woche der Meinungsfreiheit: Jetzt mitmachen!

Unter dem Motto "Was ist wahr?" findet die diesjährige Woche der Meinungsfreiheit vom 3. bis 10. Mai statt und rückt damit in einer Zeit, in der Wahrheit verhandelbar scheint und wir ständig gefordert sind, Informationen zu hinterfragen und zu überprüfen, eine der zentralen Fragen unserer Zeit in den Fokus. Ziel der bundesweiten Aktionswoche ist es, Raum für Debatten zu schaffen und unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen. Zum Auftakt der Woche der Meinungsfreiheit diskutieren am 5. Mai in der Paulskirche Christian Berkel, Michel Friedman und Robert Habeck im Gespräch mit Katja Gasser. Weitere Leuchtturmveranstaltungen werden in Berlin, Dresden, Hamburg, Leipzig, Stuttgart und München u.a. mit Wolfram Weimer, Cathryn Clüver Ashbrook, Boualem Sansal, Hasnain Kazim, Sharon Dodua Otoo, Ronen Steinke und Matthias Politycki stattfinden.

Wie immer sind Organisationen, Institutionen und Privatpersonen eingeladen, sich mit eigenen Veranstaltungen und Aktionen einzubringen und Partner zu werden. Buchhandlungen als Orte der Demokratie und Begegnungsstätten für einen offenen Austausch und Meinungsvielfalt sind wieder aufgerufen, dem verbotenen Buch eine Stimme zu geben. Alle Informationen rund um die Woche der Meinungsfreiheit und einen Blick ins Programm gibt es unter www.woche-der-meinungsfreiheit.de. Eigene Aktionen können im Veranstaltungskalender der Webseite veröffentlicht werden.