Börsenverein: Jahrestagung der IG Belletristik und Sachbuch
"Prekäre Käuferschichten nicht ausschließen"
30. Januar 2024
Was bewegt die Publikumsverlage 2024? Antworten vom Sprecherkreis der IG Belletristik und Sachbuch - die sich an diesem Dienstag im Literaturhaus München zur Jahrestagung trifft.
Der Sortimentsbuchhandel verteilt auf eigene Kosten die Lektüren zum Welttag des Buches, wir sind Partner für Leseförderung vor Ort und arbeiten, vielfach ohne kommerziellen Ertrag, gemeinsam mit Kindergärten, Schulen, Archen, Tafeln, Fördervereinen, etc., etc. an Leseförderungsprojekten, gerade auch in sozialen Brennpunkten. Der Sortimentsbuchhandel trägt die im BuchPG festgeschriebene Bibliotheksförderung zu 100% allein. Eine Verlagsbeteiligung gibt es hier nicht. Dem Sortiment nun vorzuhalten, man wolle quasi einen Buchhandel nur noch für die besser gestellten Schichten der Gesellschaft, ist geradzu absurd. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nur wenn das Sortiment wieder Geld verdient, können wir Schwächere unterstützen. Mir fehlen langsam die Worte.
Veit Hoffmann, Buchhandlung Hoffmann und Buchhandlung Jost GmbH
Die Frage „Der Buchhandel wünscht sich weitere Preiserhöhungen…“ wird mit „Das wäre gut für unser aller Kalkulation“ und diversen Hinweisen auf Preissensibilität und die für Menschen spürbare Inflation glattgebügelt. Und im Gegenteil gipfelt es sogar noch in der Forderung „Der Buchhandel sollte gerade jetzt prekäre Käuferschichten nicht vom Buchkauf ausschließen.“ Ich weiß nun gar nicht, an welcher Stelle dieser völlig verfehlten Sichtweise ich zunächst ansetzen soll, fangen wir mal oben an:
• Warnrufe in Sachen höherer Ladenpreise gibt es von uns aus schon seit vielen Jahren, weil wir schon seit vielen Jahren unsere Auskömmlichkeit dahinschmelzen sehen. Reagiert wurde von den Verlagen mit den gewohnten Argumenten darauf nie!
• Seit einiger Zeit bemerken aber auch einige Verlage den gestiegenen Kostendruck in eigener Sache und entdecken plötzlich im eigenen Interesse, dass man Preise vielleicht doch etwas nach oben schrauben muss.
• Das Problem ist, dass dies von Verlagsseite nur aus der eigenen Filterblase heraus kalkuliert wird, nie aber die gestiegenen Kosten beim Sortiment mit einkalkuliert wurden, auf die wir seit langem immer wieder hinwiesen.
• Der Begriff „unser aller Kalkulation“ ist also völlig falsch und fehl am Platze, den schlussendlich wird damit verbrämt, dass Verlagskalkulationen und Sortimenterkalkulationen schon seit langer Zeit und gerade jetzt komplett auseinanderlaufen. Nur zur Erinnerung: Die in Richtung Endkunden erwähnte spürbare Inflation, die erleben auch buchhändlerische Betriebe Tag für Tag.
• Und nun gipfelt dies alles noch im Satz „Der Buchhandel sollte gerade jetzt prekäre Käuferschichten nicht vom Buchkauf ausschließen.“? Dazu gilt es zwei Dinge festzuhalten:
• Der deutsche Buchhandel bewegt aus sich heraus schon sehr viel, aber er ist kein Sozialverein! Wenn wir wie gewohnt in dieser Hinsicht weiter tätig sein sollen und wollen, dann eben nicht mit einem Minusgeschäft.
• Nie war es für sozial benachteiligte Gruppen in diesem Lande so einfach an gute Literatur zu kommen wie jetzt. Es gibt einen unglaublichen Onlinemarkt für gebrauchte und auch neue Bücher für kleines Geld, es gibt exzellent sortierte Büchereien und an vielen Ecken die bekannten Bücherschränke – ist das also wirklich ein Problem?
Alles in allem empfinde ich die Beantwortung der obenstehenden zweiten Frage in Richtung Sortiment als schlicht unverschämt. Alles ist furchtbar preissensibel, einige Mitbewerber bekommen Rabatte jenseits von Gut und Böse hinterhergeworfen und der Buchhandel vor Ort soll mit den dargebotenen Preisen die Kärrnerarbeit machen?
In Sachen Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Sortiment ein sehr zerknirschter Gruß
Jens Bartsch - Buchhandlung Goltstreinstraße in Köln