Habeck warnte, dass anti-demokratische Kräfte, auch in Regierungen, den Raum für Wahrheit selbst zerstören wollen – durch permanentes Drama, Widersprüche, Erschöpfung. Am Ende würden die Menschen nicht sagen "X ist wahr", sondern: "Ich weiß gar nichts mehr – also ziehe ich mich zurück." Eine gefährliche Entwicklung. Die größte Gefahr für Demokratien sei das autoritäre Versprechen, ergänzte Friedman, denn: "Die Demokratie lebt von Zweifeln, das ist viel schwerer zu vermitteln."
Der ehemalige Bundesminister verband die Krise liberaler Demokratien mit blockierter Zukunftshoffnung durch die Globalisierung. Offene Gesellschaften würden von der Erwartung leben, dass Menschen ihr Leben gestalten können: Beruf, Ort, Zugehörigkeit, Aufstieg. Wenn große Gruppen das Gefühl hätten, diese Möglichkeit sei verloren – ökonomisch, kulturell, repräsentativ –, entstehe Zorn. Und dann hätten ausgerechnet die Feinde der Demokratie oft die stärkeren Zukunftserzählungen, während Demokraten in die Defensive geraten: schützen, bewahren, verteidigen. Dabei sei die offene Gesellschaft zwingend an einen positiven Begriff von Zukunft gebunden. Ergo: Die Software der Demokratie müsse umgedeutet werden, so Habeck, mit Gedanken der Fortschrittserzählung.
Aber er machte auf Basis seiner Außensicht, durch Aufenthalte in den USA und Israel, auch Hoffnung: Für viele sei Europa wieder ein Sehnsuchtsort – gerade etwa wegen Rechtsstaatlichkeit, Bildung und Debatte ("Wir haben hier etwas aufgebaut"). Berkel teilte ebenfalls eine Mut machende Beobachtung: "Ich sehe viele Jugendliche, wo ich absolut Hoffnung habe. Die wollen diese Gesellschaft mitgestalten. Wir müssen sie nur lassen."
Das wurde bei der Auftaktveranstaltung der Woche der Meinungsfreiheit deutlich: Wahrheit muss immer wieder hergestellt werden – gegen Erschöpfung, gegen Zynismus, gegen die Verlockung des Autoritären. Und sie beginnt, ganz unheroisch, dort, wo Menschen sich entscheiden, im Diskurs zu bleiben.
Für alle, die den inspirierenden Abend in Gänze nachhören möchten: HR2-Kultur hat die Veranstaltung mitgeschnitten und sendet sie am 25. Mai im Literaturland Hessen.
Alles zur Woche der Meinungsfreiheit findet sich: hier