Landesverband SaSaThü

Tinder für den Buchhandel

5. Juni 2026
Nils Kahlefendt

Extra-Umsätze durch Kaffee und Regional-Regal, starke Cover trotz KI-Boom und eine neue Matching-Initiative für Verlage und Sortiment: In wirtschaftlich flauen Zeiten wird die 36. Hauptversammlung des Landesverbands SaSaThü zur Best-Practice Börse. Nie war die Mitgliedschaft sinnvoller – ab 2027 wird sie, nach neun beitragsstabilen Jahren, jedoch moderat teurer.

Versammlung stimmt per Handzeichen ab

Einsicht in die Notwendigkeit: Überraschend einhellig wurde die Beitragserhöhung beschlossen

Die frohe Botschaft brachte Börsenverein-Hauptgeschäftsführer Peter Kraus vom Cleff (den die Bahn mit nur 45 Minuten Verspätung an den Gründungsort des Börsenvereins transportierte) direkt aus der Verwaltungsratssitzung der Deutschen Nationalbibliothek mit: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wird den Leipziger Erweiterungsbau in den Haushalt einbringen. Allerdings: "Es gibt einen Unterschied zwischen Einbringen und Durchbringen. Wir werden weiter auf das Durchbringen beharren." Als Stimmungs-Aufheller taugte die 36. Hauptversammlung des Börsenvereins-Landesverbands Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (SaSaThü) allerdings nur bedingt. "Die Verbraucher sind verunsichert und geben ihr Geld vorsichtiger aus. Wer sorgenvoll in die Zukunft blickt, spart. Die German Angst ist wieder da!" In seinem traditionellen Jahresrückblick war Landesverbands-Vorsitzender Helmut Stadeler in Moll gestimmt: 2025 schrammte die deutsche Wirtschaft mit 0,2 Prozent, nun ja: Wachstum knapp an weiterem Schrumpfen vorbei; von den verengten finanziellen Spielräumen in Bund und Ländern kündeten die Politikergespräche auf der letzten Leipziger Buchmesse. Klar ist: In den mitteldeutschen Ländern treffen die skizzierten Entwicklungen auf viel kleinere Rücklagen und Reserven der Unternehmen. Die Frage, was man noch einsparen kann, stoße, so Stadeler, inzwischen an Grenzen. "Völlig falsch wäre es, die Mitgliedschaft im Börsenverein zur Disposition zu stellen. Wir brauchen einen starken Verband – auf Bundes- und Landesebene!" Kleinere, inhabergeführte Buchhandlungen haben es zwischen Zittau, Oberhof und Magdeburger Börde mit niedrigeren Margen zu tun, in kleinen Städten wird es zusehends schwerer, Buchhandlungen zu betreiben und zu übergeben.

Frischer Wind im "Dietel-Philipp"

Ein Königsweg könnte es sein, neue Kundengruppen durch Zusatz-Sortimente zu gewinnen und so den Umsatz zu steigern. In der Fachgruppenversammlung Herstellender Buchhandel gab es zu diesem Ansatz zwei spannende Erfahrungsberichte. Kaja Wolf (Robert Philipps Süße Seite, Großröhrsdorf), die zuletzt an diversen Hochschulen und der Dresdner Semperoper tätig war, hat sich mit der Übernahme der Buch- und Spielwarenhandlung Robert Philipp im August 2025 einen Herzenswunsch erfüllt. Das Traditionsgeschäft existiert seit 1880, war zu DDR-Zeiten ein Tante-Emma-Laden und im Volksmund als "Dietel-Philipp" bekannt (weil dort alles in kleine Tüten, sächsisch "Dietel", gepackt wurde). Neben Büchern und Spielwaren nahm Wolf Kunsthandwerk aus der Region ("Regionalregal") ins Sortiment – daneben hat die leidenschaftliche Hobby-Bäckerin ein kleines Café mit selbstgebackenen Kuchen und hausgemachten Desserts angegliedert. Dazu kümmert sich die studierte Eventmanagerin um ein vielfältiges Veranstaltungs-Angebot: Monatlich gibt es Babytreff, Seniorenlesecafé und Kreativkurs, dazu Lesungen in der "dunklen Jahreszeit". Fürs letzte Augustwochenende ist ein Sommerfest mit langer Lesenacht geplant, am Nikolaus-Wochenende ein Weihnachtsmarkt. Dass Wolfs Vermieter im Stadtrat sitzt, mag bei der Genehmigung der Sonder-Öffnungszeiten hilfreich sein. Wer von so einem Bücher-Café träumt, darf den deutschen Amtsschimmel und strenge Hygiene-Auflagen nicht scheuen – würde Wolf etwa Kuchen mit Eierlikör anbieten, bräuchte sie eine gültige Schanklizenz. Fazit der jungen Geschäftsfrau: "Das Café verkauft nicht den Kaffee. Es verkauft Aufenthaltsqualität, Begegnungen – die Zeit, die Menschen mit Büchern verbringen. Genau diese Zeit ist unser wertvollstes Sortiment."

3 Frauen im Garten nebeneinander stehend (Montage)

Regionale Kulinarik als Vernetzungs-Motor: Christine Klauder (Heimatgenuss Mitteldeutschland e V., links)

Mehr Analog wagen: Hannah Feldmeier (graphik-sammlung, Mitte)

Von der Stammkundin zur Inhaberin: Kaja Wolf (Robert Philipps Süße Seite, Großröhrsdorf, rechts)

Strukturwandel mit Geschmack

Christine Klauder, die Porzellan-Design an der Burg Giebichenstein studiert hat, bietet seit 2008 die "Thüringer Salondinners", kulinarisch-literarische Eventformate, an. Seit 2011 gibt sie den "Mitteldeutschen Genussführer" heraus, der 700 "Genussorte" in 80 Städten auflistet, seit 2021 ist sie Projektleiterin von Heimatgenuss Mitteldeutschland e V. Der Verein zeigt, wie regionale Kulinarik und Genuss zum Motor für Vernetzung, Identitätsstiftung und wirtschaftliche Entwicklung in Mitteldeutschland werden können. Vor fünf Jahren gegründet, hat sich Heimatgenuss Mitteldeutschland von einer Förderidee zu einer lebendigen Bewegung mit über 400 Partnern entwickelt. Was einst als Projekt begann, ist heute ein starkes Netzwerk, das den Strukturwandel mit Geschmack gestaltet. Über den Genussführer hat Klauder Lesespaziergänge angeboten, Salondinner mit Autoren, Krimi-Wanderungen – "das Thema Buchhandel begleitet mich schon immer". Sie fragt sich, wie man im Buchhandel mit regionalen Produkten mehr Sichtbarkeit erreichen kann. "Einfach eine Flasche Wein und Kaffee neben das Buch zu stellen, reicht nicht."

Cover-Design: Mehr Analog wagen

In der Fachgruppenversammlung Herstellender Buchhandel war die Leipziger Grafikerin Hannah Feldmeier (www.graphik-sammlung.de) mit einem Impulsvortrag zum Thema "Beste Cover für gute Bücher" eingeladen. Feldmeier hat ihr Atelier im Leipziger Tapetenwerk, seit rund einem Dutzend Jahren ist sie vor allem in der Kunstbuchbranche unterwegs. Sie gestaltet Kataloge und Künstler-Monographien für Verlage wie Kehrer, Kerber, Prestel oder Hatje Cantz. In Zeiten, in denen KI auf dem Vormarsch ist, plädiert Feldmeier dafür, wieder "mehr Analog" zu wagen: "Wenn man zeichnet, collagiert, mit echten Materialien arbeitet, wird irgendwann wieder etwas Digitales entstehen – aber solche Arbeiten haben mehr Seele als die schnelle KI-Lösung." Feldmeier ist bewusst, dass sie sich mit ihren Ideen im Kunstbereich (in dem mittlerweile die Künstler die Auflagen bezahlen) stärker ausleben kann, als wenn sie Sachbücher oder Belletristik-Cover für einen Publikumsverlag gestalten würde. "Es war mir klar, dass die Verlegerinnen und Verleger mit meinen Angeboten etwas fremdeln würden", sagt Feldmeier. Die dennoch überzeugt ist, viele praktische Tipps und Impulse für die tägliche Verlagsarbeit an den Mann und die Frau gebracht zu haben. Und auch auf einem weiteren Feld, auf dem viel Luft nach oben ist, wünscht man Hannah Feldmeier offene Ohren und Herzen: "Die Kompetenz in der Beurteilung von Covern ist in Verlagen stark ausbaufähig."

Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Peter Kraus vom Cleff im Fachgespräch mit den SaSaThü-Vorständlern Jeannette Bauroth (Second Chances Verlag) und Jens Korch (Edition Wannenbuch/Paperento)

Börsenvereins-Hauptgeschäftsführer Peter Kraus vom Cleff im Fachgespräch mit den SaSaThü-Vorständlern Jeannette Bauroth (Second Chances Verlag) und Jens Korch (Edition Wannenbuch/Paperento)

"Wir sind dein Buch – die Talk-Reihe"

Nach dem erfolgreichen Launch der Verlagsbroschüre "Wir sind Dein Buch" will der Landesverband nun den nächsten Schritt gehen und interessierte Verlage mit interessierten Buchhandlungen zusammenbringen. "Wir sind dein Buch – die Talk-Reihe" heißt das Projekt. Gemeinsam – und unabhängig vom Verband, der das Matching übernimmt und Pressetexte und Plakatmotiv anbietet – organisieren Verlage und Sortimenter einen Verlagsabend in der Buchhandlung. Die Spielregeln sind einfach: Der Verlag stellt fünf Titel aus seinem Programm vor, der Buchhändler oder die Buchhändlerin moderiert. Ein Honorar fließt nicht, dafür nimmt die Buchhandlung die fünf Titel ins Sortiment. "Die Buchhandlung gewinnt einen lebendigen Programmpunkt ohne große Mehrkosten, der Verlag eine bühne für seine Bücher", so Heike Haupt vom Landesverband. "Die Leserinnen und Leser entdecken Titel und Verlage, die sie bisher womöglich noch nicht kannten." 17 Verlage und zehn Sortimente aus Mitteldeutschland haben sich bislang zu dem "Tinder für den Buchhandel" (Jens Korch) angemeldet:

Anmeldung für Verlage: hier

Anmeldung für Buchhandlungen: hier

Gemeinsam mit anderen Landesverbänden lädt der Börsenverein SaSaThü auch zur bundesweiten Aktion "Entdeckt für eat.READ.sleep" ein.

Beitragserhöhung ab 2027

Fast einhellig beschlossen die 36 stimmberechtigten SaSaThü-Mitgliedsfirmen eine Beitragserhöhung zum 1. Januar 2027. Die letzte Anpassung hatte es zum 1. Januar 2018 gegeben, bereits in den letzten Jahren war der Landesverband eigentlich unterfinanziert. "Wir müssen den Beitrag erhöhen", so Helmut Stadeler, "sonst sind wir nicht arbeits- und zukunftsfähig." Freiheit ist also auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, frei nach Hegel und Engels, "die Einsicht in die Notwendigkeit".