Jahrestagung der IG wissenschaftliche Bibliotheken

Viel Diskussionsbedarf bei den wissenschaftlichen Bibliotheken

27. April 2026
Guido Heyn

Am 22. und 23. April fand die Jahrestagung der IG wissenschaftliche Bibliotheken statt. Und es gab viel Gesprächsbedarf. Das zeigte sich auch bereits auf der Teilnehmerliste: Mehr als hundert Vertreter:innen aus Bibliotheken, Verlagen, Institutionen und Firmen aus dem DACH-Raum wollten dabei sein. 

Eröffnung der Jahrestagung IG wissenschaftliche Bibliotheken

Gut besucht: die Jahrestagung IG wissenschaftliche Bibliotheken, hier die Begrüßung durch die IG-Sprecher Heiko Brandstädter (links) und Laszlo Simon-Nanko

Nach der Begrüßung durch die IG-Sprecher Heiko Brandstädter und Laszlo Simon-Nanko (Monika Schneider fehlte krankheitsbedingt) startete der erste Tag dann gleich mit einem faktenreichen Beitrag von Prof. Dr. Petra Behring von der TU Darmstadt. „Shining Diamond? Zum Publizieren bei Bibliotheken als Ausweg aus der Krise“ lautete ihr Programmpunkt und er zeigte auf, welche tiefgehenden Probleme sich für Publizierende wie auch Nutzende aus Sicht der Bibliotheken ergeben. Ein Praxisbeitrag, der das komplexe Feld des Publizierens und der Abrechnungssysteme deutlich machte, die Probleme von Open Access aufzeigte und auch zu zum Teil kritischen Nachfragen führte.

Jahrestagung IG wissenschaftliche Bibliotheken

Prof. Dr. Petra Behring von der TU Darmstadt und Moderatorin Judith Hoffmann vom Börsenverein

Wofür wird der Handel gebraucht?

Weitere Programmpunkte am ersten Tag betrafen die Finanzierung neuer Publikationsstrukturen an Hochschulen und das Kostentransparenz-Paradoxon in der Open-Access-Welt. Die Themen Kosten, Abrechnungs- und Finanzierungssysteme wurden in zwei weiteren Sessions diskutiert.

Dr. Klaus-Rainer Brintzinger, Ludwig-Maximilians-Universität München sprach dann in seinem vom Tonfall her humorvollen, aber dadurch nicht weniger sachlichen Beitrag über die Umsetzung der DEAL-Verträge an einer großen, forschungsintensiven Universität.

Eher ernüchternd folgte dann der Punkt Vom Subskriptionsmodell zum Publikationsmodell – wofür wird der Handel gebraucht?. Sabine Kuniß, von der UB Chemnitz und Dr. Bernhard Mittermaier vom Zentralbibliothek Forschungszentrum Jülich teilten ihre Praxiserfahrungen und stellten sich den von Judith Hoffmann (Börsenverein) moderierten Fragen des Publikums.

Jahrestagung IG wissenschaftliche Bibliotheken

Dr. Bernhard Mittermaier von der Zentralbibliothek Forschungszentrum Jülich, Moderatorin Judith Hoffmann und Sabine Kuniß von der UB Chemnitz

Veränderte Ausgabenstruktur

Mittermaier führte aus, dass sich die Ausgaben des Budgets der Zentralbibliothek Forschungszentrum Jülich für Jahr 2025 betreffend nur noch auf 10,3 Prozent (im Diagramm grün bei 7,6 %; 10,3 % ist der exakte, nachberechnete Wert) handelsrelevanter Erwerbsausgaben belaufen. Zusammen mit den deutlich höheren anderen Erwerbsausgaben (etwa Ankäufe der Inhalte großer Verlagsanbieter) sind sie in diesem Jahr erstmals geringer als die Ausgaben für Publikationen.

Jahrestagung IG wissenschaftliche Bibliotheken

Veränderte Erwerbsausgaben: der Anteil handelsrelevanter Ausgaben sinkt

Umfrage unter den Teilnehmenden

Wenn es denn nach der Diskussion ein Resümee gab, dann, dass es den Händler für wissenschaftliche Publikationen noch braucht, aber in anderer Form. Das ergab auch die Umfrage, die zu Beginn dieser Diskussionsrunde bei den Teilnehmenden abgefragt wurde. Die erste Frage „Braucht es den wissenschaftlichen Handel im Publikationsmodell in fünf Jahren noch genauso wie heute?“ beantworte die überwiegende Mehrheit mit „Ja, aber mit deutlich veränderter Rolle“. 31 von 47 Stimmen entfielen auf diese Antwort. Bei der zweiten Frage „Wo (und inwieweit) bietet der Handel auch im Publikationsmodell den größten Mehrwert?“ war das Meinungsbild deutlich diverser: Die meisten entschieden sich für Beratung, Bündelung und Marktüberblick und für Prozessmanagement und Abwicklung. Künftig könnte der Handel wohl eher als Abrechnungsspezialist oder bei der Recherche nach Inhalten tätig werden.

Die letzte Frage brachte wiederum eine deutliche Präferenz hervor: „Wer sollte im künftigen Publikationssystem die stärkste Steuerungsrolle haben?“ beantworteten 30 Teilnehmende mit „Forschende / Einrichtungen gemeinsam“.

KI im praktischen Einsatz

Am zweiten Tag drehte sich alles um das Thema Künstliche Intelligenz in der Praxis, auch wenn manche, wie man hörte, das Schlagwort KI langsam nicht mehr hören können. Beleuchtet wurden dabei Themen wie aktuelle Entwicklungen zu KI in Industrie und Forschung und der Einsatz von KI in der Praxis.

Während der durchaus kontroversen Fragerunden und Diskussionen nach den Vorträgen und auch in den Pausen merkte man, wie sehr sich die Teilnehmenden über das Treffen als auch den Gedankenaustausch freuten. Das Gefühl drängte sich auf, dass man sich mehr solcher Treffen wünschte.