Jahrestagung IG Hörbuch

Familientreffen in München

27. April 2026
Sabine van Endert

99 Anmeldungen verzeichnete die Jahrestagung der IG Hörbuch – so viele wie selten. Das Treffen fand am 23. und 24. April bei Penguin Random House in der Neumarkter Straße in München statt. Das Programm: vielfältig, mit Schwerpunkt auf KI.

Hörbuchexpertinnen im Gespräch, darunter Franziska Wesener (Argon, Mitte) und Barbara Landsteiner (Thalia, links)

Hörbuchexpertinnen im Gespräch, darunter Franziska Wesener (Argon, Mitte) und Barbara Landsteiner (Thalia, links) 

Was ist medienmäßig 2026 en Vogue? Jacqueline Hoffmann vom MedienNetzwerk Bayern stellte zum Auftakt des Treffens von "Closed Commerce" (Online-Shoppen mit KI-Agent) über die "Post Format Era" (fluide Informationsmodule statt unterschiedlicher Inhalte für verschiedene Kanäle) bis hin zu "Real Life Ritualen" (steigendes Bedürfnis nach Gemeinschaftserlebnissen), die aktuellen Medientrends zusammen. Wer tiefer einsteigen möchte: Hier gibt es die Medientrends zum Nachlesen. 

Aufhorchen ließ die Hörbuchbranche das von Hoffmann skizzierte Phänomen "Sound of Trust": Ton könnte zur wertvollsten Währung werden, wenn Bilder lügen können, so die Annahme. Das menschliche Gehirn benötige gerade einmal 80 Millisekunden, um eine Stimme einzuordnen, so Hoffmann. Diese Geschwindigkeit mache Audio zu einem "High Trust-Raum". Doch in 58 Prozent der Fälle sei eine synthetisch geklonte KI-Stimmen nicht mehr von echten Menschenstimmen zu unterscheiden.

Zwischen Bio-Brot und Beyond Meat Burger

2026 zeichne sich in der Medienbranche eine klare Trennung in zwei Strategien ab: Human-Only mit Signalen der Echtheit, die bewusst nicht rausgeschnitten oder geglättet werden. Und die "Beyond Burger"-Strategie, die KI-Innovation als gezieltes Werkzeug begreift, um völlig neue Möglichkeiten zu erschließen. Ein Beispiel liefert das Münchener Startup goaudio, das mithilfe von KI die Stimmen verstorbener Sprecherlegenden für neue Hörbücher wiederbelebt.

Verleger und Sprecher Claus Vester (cc-live) und Sprecherin Maria Garde

Agree to Disagree: Verleger und Sprecher Claus Vester (cc-live) und Sprecherin Maria Garde

Voice-Switching: Sprecherin Maria Garde hat ihre Stimme lizenziert

Die dänische Schauspielerin und Sprecherin Maria Garde hat sich entschlossen, ihre Stimme für das "Voice-Switcher"-Projekt von Storytel/Mofibo zu lizenzieren. Zu KI-Stimmen gebe es zwei Bewertungen, sehr positiv, meistens von Start-ups, die damit Geld verdienen wollen, oder eben sehr negativ, so Colin Hauer, Chef von Hörbuch Hamburg, der Garde für die Tagung akquiriert hat.

Umso schöner, dass die Pionierin, die bisher bereits annähernd 1.000 Hörbücher eingelesen hat, ihre Beweggründe in München differenziert dargelegt hat. "Wenn ich Teil der Entwicklung bin, die sich nicht aufhalten lassen wird, kann ich mitbestimmen und bessere Verträge für Sprecher:innen aushandeln", sagte sie. Ein Vorteil sei für sie auch, dass sie mit einem Unternehmen wie Storytel an der Seite gegen den unberechtigten Gebrauch ihrer Stimme besser vorgehen könne. Die Vertragsverhandlungen mit Storytel hätten sich über mehr als ein Jahr hingezogen; sie habe ihre Stimme begrenzt auf ein Jahr ausschließlich für 50 Bücher verkauft, die bereits eingelesen worden seien. Von der Möglichkeit des "Voice Switcher" würde bei viel gehörten Titeln von zehn bis 15 Prozent der Hörer:innen Gebrauch gemacht werden. Ihren Kolleg:innen im Verband der Sprecher:innen werde sie bei Fragen nach Stimmlizenzierungen mit Rat zur Seite stehen, sagte Garde - viel Interesse gebe es aber bisher nicht. 

Diskutierten über New Adult im Hörbuch (v.li.): Heike Völker-Sieber, Ronja Madeleine, Katharina Schmidt und Michelle Sattinger

Diskutierten über New Adult im Hörbuch (v.li.): Heike Völker-Sieber, Ronja Madeleine, Katharina Schmidt und Michelle Sattinger

New Adult im Audio: Mehr Experimente, weniger Me-too-Produkte

"Gibt es auch ein Hörbuch?" - das wird Ronja Madeleine ("Love is like a Thunderbolt", Heyne) als erstes gefragt, wenn ein neues Buch von ihr erscheint. Die Bestsellerautorin und Sprecherin diskutierte mit den Lektorinnen Katharina Schmidt (Der Hörverlag und Random House Audio) und Michelle Sattinger (Hörbuch Hamburg) über Besonderheiten, Herausforderungen und Entwicklungen von New Adult im Audioformat. Emotion, Community, Identifikation - für Madeleine ist New Adult weit mehr als leichte Unterhaltung. Und der Markt wächst rasant: 2025 waren laut Madeleine rund 900 New-Adult-Romane lieferbar. Sie wünscht sich, dass die Verlage "stärker kuratieren, experimenteller werden und mehr auf Qualität achten, statt das 51. Me-Too-Produkt auf den Markt zu bringen". "Nicht jedes Trendthema trägt", pflichtete Katharina Schmidt ihr bei. 

Die Hörbuchumsetzung spielt für New Adult eine wichtige Rolle. In ihrer Generation werde viel "nebenbei" konsumiert, Podcasts und Hörbücher gehörten zum Alltag. Autorinnen und Sprecherinnen würden häufig eng zusammenarbeiten, bei der Umsetzung und beim Marketing sowieso, teilweise sogar beim Texten, wie Michelle Sattinger berichtete. Bei der Vertonung experimentieren Hörverlag / Penguin Random House und Hörbuch Hamburg mit mehrperspektivischen, dialogischen Lesungen. 

Und wie gehen die Sprecherinnen mit dem Thema Spice um? Die Lektorinnen berichteten von praktischen Hürden: Vorbehalte gegen zu viel Spice, der Wunsch nach weiblichen Tontechnikerinnen oder Pseudonyme bei Dark Romance – hier helfe frühzeitige, maximal transparente Kommunikation. 

Quiche satt: Für den reibungslosen Ablauf und das leibliche Wohl der Jahrestagung der IG Hörbuch hat diesmal Penguin Random House gesorgt

Audio-Lab: ein neues Format der IG Hörbuch

Warum bis zur nächsten Jahrestagung warten? Die IG Hörbuch möchte künftig einen (digitalen) Raum schaffen, um sich zeitnah über aktuelle Entwicklungen und Projekte auszutauschen. Dafür wurde das Audio-Lab geschaffen. Wer ein Thema vorschlagen möchte – möglichst direkt mit Plan zur Umsetzung, kann sich an an den Referenten der IG Hörbuch Lothar Sand wenden sand@boev.de

Zwei Themen aus der Rubrik Audio-Lab: Neue Ideen aus der Branche gab es schon in München: 

  • Matthias Mundt, Vertriebsleiter Lübbe Audio, stellte die Shelfies vor. Der Marktstart – die ersten neun Monate exklusiv mit Thalia - wurde vom 5. auf den 19. Mai verschoben; alle Details lesen Sie im Interview mit dem Börsenblatt.  
  • Elnas Isrusch von Pocket FM lieferte Einblicke zu der 2006 in Indien gegründeten Plattform für Miniserien, die das Auditorium fasziniert und verstört zurückließ. Die erfolgreichste Serie bei Pocket FM sei 450 Stunden lang, Spielzeit pro Episode: 10 bis 15 Minuten. Seit November 2024 ist das Unternehmen in Deutschland aktiv, im Team für Deutschland arbeiten laut Isrutsch 40 festangestellte Autor:innen. Nach ihren Angaben gibt es 1,8 Millionen App- Installationen in Deutschland und 60.000 täglich aktive Nutzer. Pocket FM steht wegen hoher Kosten und aggressiver Monetarisierung (teure "Coins" für Episoden) in der Kritik.

Und sonst?

  • Aktuelle Rechtsthemen: KI, GEMA, Barrierefreiheit
    Susanne Barwick, stv. Justiziarin des Börsenvereins, berichtete über die jüngsten Entwicklungen, darunter die Klage der Verlagsgruppe Penguin Random House gegen OpenAI wegen der Urheberrechte ihres Autors und Illustrators Ingo Siegner (hier nachzulesen) und die Klage der GEMA wegen Songtexten .
  • Dolby-Atmos im Hörspiel
    Von Kunstkopf über 360-Reality-Audio bis Dolby-Atmos – was sind die relevantesten Technologien für räumliches Hörspiel und warum bringt Atmos erstmals Mehrkanal-Audio über Kopfhörer und Streaming zum Massenpublikum? Anja Herrenbrück und Thilo Masuth vom Berliner Hörspielstudio X-Berg gaben einen Überblick. 
  • Die Buchmessen Leipzig und Frankfurt und die Buch Wien zeigten Perspektiven auf: Für die Audiowelt der Leipziger Buchmesse gab es in München viel Lob, die Buch Wien stellte ihr erweitertes Konzept vor, das 2027 auch eine Podcast-Bühne beinhalten soll. In Frankfurt bleibt es beim Gemeinschaftsstand der Hörbuchverlage in Halle 4.0, die eigene Bühne in der Nähe des Auftritts fällt in diesem Jahr weg. Ob sich das noch ändern lässt? Die Unzufriedenheit über das Engagement für das Hörbuch auf der Frankfurter Buchmesse war jedenfalls groß.
  • Carmen Udina, Sprecher:innenkreis der IG Digital, stellte die Handreichung zur Kennzeichnung von KI vor, die im Digitalen Wissens-Hub des Börsenvereins abrufbar ist. Bei der Kennzeichnung von KI-Stimmen erfolgten auf Basis der US-amerikanischen "AI Narration Naming Guidelines": KI-generierte Stimme, autorisierte Stimmenreplikation, übersetzte KI-Stimme, KI-gestützte Bearbeitung.
  • Erfreuliche Zahlen von Media Control: Danach hat der deutsche Hörbuchmarkt auch 2025 wieder deutlich zugelegt und einen Umsatz von insgesamt 374 Millionen Euro erzielt (plus 13 Prozent). Den mit Abstand größten Zuwachs erzielten die Streamingdienste, die 23 Prozent hinzugewinnen konnten. 


Ein Interview mit der neuen Chefin der PRH-Hörbuchverlage Anke Hoffmann lesen Sie in der nächsten Woche auf boersenblatt.net!

Sprechkreis der IG Hörbuch mit Referent: Johannes Ackner (Buchfunk-Verlag), Kathrin Rüstig (BookBeat), Heike Völker-Siebner (PRH-Hörbuchverlage - diesmal auch Gastgeberin der Jahrestagung) und Lothar Sand (Börsenverein)

Sprechkreis der IG Hörbuch mit Referent: Johannes Ackner (Buchfunk-Verlag), Kathrin Rüstig (BookBeat), Heike Völker-Siebner (PRH-Hörbuchverlage - diesmal auch Gastgeberin der Jahrestagung) und Lothar Sand (Börsenverein)