Jahreshauptversammlung HRS

"Wozu Bücher?" – und wie die Branche mit 270.000 Euro gestärkt werden soll

16. Juni 2026
Jule Heer

Am 15. Juni trafen sich Mitglieder des Börsenvereins Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland in Wiesbaden. Nina George sprach über die Kraft der Literatur. Zudem beschlossen die Mitglieder eine neue Veranstaltungsförderung für unabhängige Buchhandlungen und Verlage und bestellten Lothar Wekel zum Geschäftsführer.

Nina George bei der Jahreshauptversammlung der Landesverbände Hessen, Rheinland-Pflanz und Saarland

Nina George bei der Jahreshauptversammlung der Landesverbände Hessen, Rheinland-Pflanz und Saarland

Nina George: "Wozu Bücher?"

Unter anderem mit "Liebe potenziell Verfassungsschutzbeobachtete und BKM-Verdrießer" grüßte Schriftstellerin Nina George das Publikum und erntete dafür Lachen aus allen Ecken des Saals der historischen Villa Clementine in Wiesbaden.

"Wozu Bücher?", diese Frage stellte sie in ihrer Impulsrede - und hatte darauf eine ganze Reihe von Antworten. Zum einen seien Bücher hervorragend dazu geeignet, Menschen aufzuregen, die nicht damit klarkommen, wenn in Büchern andere Lebensentwürfe als die eigenen aufgezeigt würden. So regte sie an, man könnte "verbannte, verfolgte, zerstörte Bücher nachauflegen und in die Buchhandlungen bringen, eine ständige Vertretung der 'Banned Books' als Widerstands-Tisch in jeder Buchhandlung, gerne auch in Englisch für durchreisende US-Amerikaner: das wär’s doch. Auch Neonazis brauchen schließlich Bildung."

Auch nicht ganz unerlässlich: Durch Bücher sei Unsterblichkeit möglich. "Schreiben Sie ein Buch. Die ISBN und ISNI sind ein Ewigkeits-Garant", empfiehlt George. "Bücher sind außerdem Verhandlungstische für Alle", ergänzt sie. Kritisch äußerte sie sich zur inflationären Kennzeichnung in Form von Triggerwarnungen. Literatur sei immer Kontext und nicht allein Content. Der Versuch, beim Lesen größtmögliche psychische Sicherheit herzustellen, könne dazu führen, dass die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen verloren gehe. Ihr Vorschlag als Optimistin: "Lasst uns eine Werbekampagne entwerfen und auf alle Bücher: Warning: contains everything! drucken." Als Pessimistin fürchtet sie, dass dieser Wunsch nach emotionaler Unversehrtheit uns einschränkt. Für Nina George gehören Zumutungen zum Leben und damit auch zur Literatur. "Bin ich zuständig für die Zustände anderer Leute und wenn ja, wer ist für mich zuständig, die ich mir ein Leben ohne Zumutung schon aus Erfahrung gar nicht wünsche?"

Daneben nannte sie viele weitere Gründe für Bücher: Sie fördern die Lesekompetenz von Kindern, verschönern die Einrichtung, bewahren Erinnerungen und begleiten Menschen oft ein Leben lang. Alte Bücher erinnerten daran, wer man einmal gewesen sei und wer man damals werden wollte. Die Kraft von Sprache steht für sie auch fest, da es zwei Möglichkeiten gebe, die Zeit anzuhalten: "Küssen oder Lyrik lesen. Das zweite ist schon deshalb praktischer, da es man es auch allein tun kann."

George, die seit mehr als drei Jahrzehnten als Schriftstellerin tätig ist, sagt selbst: "Ich bin zuallererst Leserin, dann erst - irgendwann - Schriftstellerin." Für sie stehen Lesen und Schreiben in engem Zusammenhang: "Ich lese, um zu wissen, wer ich bin. Ich schreibe, um zu wissen, was ich denke."

Rückblick auf das Vereinsjahr 2025

"Die Wogen haben sich geglättet", eröffnet Bettina Endres den Rückblick auf das Verbandsjahr 2025. Nach dem Ausscheiden der ehemaligen Geschäftsführerin Andrea Wolf Ende 2024 musste die Geschäftsstelle eine Phase des Übergangs bewältigen. Zeitweise war die Stelle durch Frauke Hartmann besetzt, dann verwaiste der Stuhl der Geschäftsführung vorübergehend. Das führte zu einer erhöhten Belastung für die Mitarbeitenden. Es gelang dem Team dennoch, alle geförderten Projekte umzusetzen.

Dazu gehörten unter anderem das Literaturfestival "erLESEN!" im Saarland, die Auszeichnung von Hessens bester Dorfbuchhandlung sowie die Verleihung des Hessischen Verlagspreises.

Weniger erfreulich war die Nachricht aus dem Saarland: Nach 18 Jahren wurde die Förderung der Bibliotheks-Buchpakete durch das saarländische Bildungs- und Kulturministerium nicht fortgeführt. Der Landesverband arbeitet derzeit an möglichen Nachfolgeformaten.

2025 umgesetzte Projekte

2025 umgesetzte Projekte

Entlastung für das Vereinsjahr 2025

Aus dem Bericht zum Jahresabschluss 2025 ging hervor, dass das Jahresergebnis die Planwerte deutlich übertraf. Statt des prognostizierten Defizits wurde ein Überschuss erzielt. Ausschlaggebend waren unter anderem höhere Mitgliedsbeiträge als kalkuliert sowie geringere Personalkosten infolge der zeitweise unbesetzten Geschäftsführungsstelle. Hinzu kamen Veränderungen bei einzelnen Förderprogrammen und Verschiebungen von Ausgaben. 

Die Mitgliederversammlung entlastete den Vorstand einstimmig und nahm den Jahresabschluss ohne Gegenstimmen an. Auch der Jahresetat für 2026 sowie die Budgetplanung für die Jahre 2027 und 2028 wurden beschlossen.

Veränderungen im Vorstand

Bereits im vergangenen Jahr hatte die stellvertretende Vorsitzende Susanne Lux Lothar Wekel mitgeteilt, dass sie angesichts ihrer zahlreichen ehrenamtlichen Verpflichtungen künftig kürzertreten möchte. Lisa Seufert wurde den Mitgliedern als kooptiertes Vorstandsmitglied vorgestellt. Als sie gefragt wurde, habe sie zunächst gezögert. Schließlich habe sie sich jedoch klar für die Mitarbeit entschieden: "Mir ist bewusst, dass ein Verband nur funktionieren kann, wenn genug Leute mitmachen."

Lothar Wekel wird Geschäftsführer

Ein zentraler Beschlusspunkt der Versammlung war die Organisations- und Vergütungsregelung für die Geschäftsführung.

Die Mitglieder stimmten der Bestellung des Ersten Vorsitzenden Lothar Wekel zum Geschäftsführer gemäß § 21 der Satzung zu. Wekel hatte bereits seit 2025 verstärkt Aufgaben in der Geschäftsstelle übernommen und den Verband durch eine Phase organisatorischer Veränderungen begleitet. 

Im Vorfeld war die Vereinbarkeit seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender mit der Geschäftsführertätigkeit rechtlich geprüft worden. Nach entsprechender juristischer Bewertung wurde bestätigt, dass die Doppelfunktion unter Einhaltung einiger Regelungen zulässig ist. Dazu gehören die Befangenheit bei Beschlussfassungen, die Beschränkung der Vergütung auf die Geschäftsführertätigkeit, klare Regelungen zu Aufgaben und Berichtspflichten, die Wahrung von Kontrollmechanismen bei Interessenkonflikten sowie eine regelmäßige Überprüfung der Regelung durch den Vorstand.

Neben der Zustimmung ermächtigte die Mitgliederversammlung den Vorstand zum Abschluss und zur Unterzeichnung des vorgesehenen Dienstvertrags.

Lothar Wekel wird zum Geschäftsführer

Lothar Wekel wird zum Geschäftsführer

Neue Veranstaltungsförderung stärkt unabhängige Buchhandlungen und Verlage

Angeregt diskutiert wurde die Einführung einer neuen Veranstaltungsförderung. Hintergrund ist die Beobachtung, dass vielen unabhängigen Buchhandlungen und Verlagen zunehmend die finanziellen Mittel fehlen, um Lesungen, Autor:innenauftritte und weitere Literaturveranstaltungen zu organisieren. 

Mit dem Beschluss stellt der Landesverband insgesamt 270.000 Euro aus seinem Vereinsvermögen bereit. Über einen Zeitraum von fünf Jahren können damit jährlich 54.000 Euro für gemeinsame Veranstaltungen von unabhängigen Buchhandlungen und Verlagen im Verbandsgebiet vergeben werden. Die Unternehmen müssen dafür einen Jahresumsatz von unter einer Million Euro haben.

Förderfähig sind unter anderem Autorenhonorare, Moderationen, Dolmetschleistungen, Raumkosten sowie Reise- und Übernachtungskosten. Einzelne Veranstaltungen können mit Zuschüssen zwischen 500 und 750 Euro unterstützt werden.

Darüber hinaus wurde mit der Kategorie "Sonderveranstaltung" ein zusätzliches Förderinstrument geschaffen. Für nachhaltige Veranstaltungsreihen, Festivals oder Projekte der Leseförderung können Zuschüsse zwischen 3.000 und 5.000 Euro vergeben werden. 

Diskussionsbedarf gab es insbesondere bei den Fördervoraussetzungen. Mehrere Mitglieder wollten wissen, wie mit Fällen umzugehen sei, in denen einzelne formale Kriterien nicht vollständig erfüllt werden. Nach ausführlicher Debatte einigte sich die Versammlung darauf, eine Klausel aufzunehmen, die die Prüfung von Sonderfällen ermöglichen soll.

Mit großer Mehrheit wurde die Förderung schließlich beschlossen. Die ersten Anträge können zum 30. September eingereicht werden, Förderbeginn ist der 1. Oktober.

"seitenreich" und Wissens-Hub

Janina Bittmann präsentierte "seitenreich", das Vorteilsprogramm des Landesverbands. Es bündelt Vergünstigungen, Rahmenvereinbarungen und Serviceangebote für Mitgliedsunternehmen und unterstützt diese im betrieblichen Alltag. Darunter sind Angebote wie "My Little Window", bei dem Buchhändler:innen etwa Schaufensterdisplays und Buchstützen erwerben können. Bittmann erfragte auch bei den Mitgliedern, welche Partner und Angebote sie im Vorteilsprogramm womöglich noch vermissen.

Stefanie Herr stellte den Wissens-Hub vor. Die digitale Plattform bündelt Informationen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und modernen Arbeitsprozessen in Buchhandlungen und Verlagen. Neben Fachbeiträgen und Praxisinformationen gehören Webinare, Handlungsempfehlungen zum Einsatz generativer KI sowie der Podcast "Loslegen – mehr Innovation in der Buchbranche" zum Angebot.

Janina Bittmann stellte "seitenreich" vor

Janina Bittmann stellte "seitenreich" vor

Initiativantrag zum Schulbuchgeschäft

Einstimmig angenommen wurde ein Initiativantrag von Markus Knecht (Buchhandlung BücherKnecht) zum Schulbuchgeschäft in Rheinland-Pfalz.

Der Vorstand soll sich demnach gegenüber dem Land und den Schulträgern für verbesserte Rahmenbedingungen im Schulbuchgeschäft einsetzen. Ziel ist es, die zunehmend komplexen Bestell-, Nachbestell- und Abrechnungsprozesse sowie den hohen administrativen Aufwand im Schulbuchgeschäft zu vereinfachen.

Knecht schreibt, dass das Geschäft "durch stark gestiegene Logistik-, Personal- und Verwaltungskosten sowie eine hohe Zahl an Nachbestellungen und Teillieferungen erheblich belastet" sei. Die Folge: Eine wirtschaftliche Schieflage im Buchhandel.

Ziel des Antrags sei es, dass Abläufe so verbessert werden, dass die Versorgung der Schulen "weiterhin zuverlässig, aber zugleich auch wirtschaftlich tragfähig" ablaufen könne. Weitere Mitglieder forderten, dass der Verband das Thema auch in Hessen und im Saarland angehen soll.