Thalia Mayersche und Osiander

Das sagt die Branche zur Partnerschaft: "Ein Schlag ins Kontor"

23. Oktober 2020
von Börsenblatt

Wie reagiert die Buchbranche auf die geplante Vertriebspartnerschaft von Thalia Mayersche und Osiander? Das Börsenblatt hat bei Verleger*innen und Buchhändler*innen nachgefragt. Die Umfrage wird fortlaufend aktualisiert - gerne auch mit Ihrer Meinung!

Björn Bedey

Björn Bedey, Bedey Media, Sprecher der IG unabhängige Verlage im Börsenverein:

"Grundsätzlich gilt: Für uns alle ist es gut, wenn Osiander es durch diese Flucht nach vorn schafft, am Markt zu bleiben. Jede Buchhandlung, die weiter geöffnet hat, zählt. Aber natürlich wird es dem neuen Großverbund auch darum gehen, die Wirtschaftlichkeit weiter zu erhöhen und noch vorteilhaftere Konditionen bei den Verlagen einzufordern. Doch da ist nichts mehr zu holen –  selbst bei den großen Verlagshäusern nicht. Für die meisten kleineren Verlage spielen allerdings weder Osiander noch Thalia Mayersche eine nennenswerte Rolle beim Umsatz: Die Ketten kaufen höchstens mal vereinzelte Erfolgstitel oder literarische Speerspitzen ein. Von daher halten sich die konkreten Folgen für uns in Grenzen. Sorge macht uns eher die Gesamtsituation mit dem anhaltenden Konzentrationsprozess."

Martina Bergmann

Martina Bergmann, Buchhandlung Bergmann:

"Sich Buchhandlungen zu kaufen wie Perlen an der Schnur, ist natürlich eine legitime Geschäftsstrategie. Dass sie nicht zwangsläufig die glücklichste ist, sieht man nun sehr schön. Denn der richtig gute Sortimentsbuchhandel ist nach meinem Verständnis bunt und vielfältig.  Den kann man sich nicht kaufen, den muss man einzeln erhalten, verändern und immer wieder neu erfinden. Ich glaube, jede einzelne Buchhändlerin, die sich das Mansplaining von Christian Riethmüller hat gefallen lassen müssen, freut sich heute wenigstens heimlich. Und womöglich, wie ich, auch in aller Öffentlichkeit."

Iris Hunscheid, Sprecherin der IG Unabhängiges Sortiment:

"Auch wenn es nicht wirklich überraschend kam und die Pandemie vermutlich die Veränderung beschleunigt hat: Wir sehen diese gemeinsame Vertriebsgesellschaft mit einer gewissen Sorge. Wir erleben eine große Marktkonzentration, und je größer die Marktmacht eines Händlers, desto größer die Möglichkeiten, das Konditionengefüge zu beeinflussen - die Konditionenschraube wird weiter angedreht werden. Die Verhandlungen werden für Verlage nicht einfacher werden. 

Wir hoffen, dass die Verlage sich verstärkt auf die Vertriebswege der unabhängigen Buchhandlungen besinnen, wobei wir seit einigen Jahren schon eine wachsende Wertschätzung seitens der Verlage wahrnehmen. Gerade in den Zeiten des Lockdown und der Pandemie haben sich die unabhängigen Sortimente als eine verlässliche Bank für die Verlage erwiesen; wir konnten mit einer Kundenbindung und Stabilität punkten, die die Großen nicht hatten, und das wird auch so bleiben. Diese Erfahrung, die uns auch die Verlage in den vergangenen Monaten gespiegelt haben, hat zu einem sehr positiven Umgang auf Augenhöhe mit uns als Handelspartner geführt."

Stefan Weidle, Weidle Verlag:

"Für uns ein Schlag ins Kontor: Uns gehen die Osiander-Buchhandlungen als Kunden verloren, denn 'Wir stützen uns auf die Sortimentsauswahl von Thalia, wählen daraus aus und runden das Sortiment dann mit Osiander-spezifischen Sortimentsschwerpunkten ab. Die Abwicklung unseres gesamten Warenflusses erfolgt aber über die Thalia-Plattform', sagt Heinrich Riethmüller."

Veit Hoffmann, Vorstand der LG Buch:

"Die Marktmacht der beiden Partner wird durch die gemeinsame Vertriebsgesellschaft größer - was das für den Markt am Ende bedeutet, das bleibt abzuwarten. Aber die Forderungen, mit denen man an die Verlage herantreten kann, werden aller Voraussichtnach gewiss nicht kleiner. Die Independent-Verlage befürchten, dass mit der Fokussierung der Ware auf das Zentrallager ihre Bücher dort kaum noch Chancen haben.

Es ist ein weiterer Konzentrationsschnitt in der Branche, das eines offenbart: Alle erzielen nicht mehr genug Rendite. Die Buchpreise sind in den letzten 25 Jahren nicht adäquat gestiegen, wir hinken der Inflation um 20 Prozent hinterher - wären die Bücher immer ein bisschen teurer geworden, sähe die Lage besser aus. Das Grundproblem ist: Die Preise müssen, auch laut Preisbindungsgesetz, auskömmlich sein, aber das sind sie nicht. Den Buchhandlungskooperationen in ihrer Vielfalt und ihren unterschiedlichen Ausrichtungen kommt jetzt eine noch größere Wichtigkeit zu, und es stellt sich auch die Frage, wie die Verbünde jetzt stärker zusammenarbeiten können."

Manfred Metzner

Manfred Metzner, Verlag Das Wunderhorn

"Diese Partnerschaft liegt in der Logik der Entwicklungen auf dem deutschen wie auch internationalen Buchmarkt, auf dem sich schon lange eine zentralistische, nur noch auf Algorithmen basierende Struktur etabliert hat, die immer konsequenter, strukturell wie inhaltlich, ausgebaut wird. Diese jetzt neu entstandene Marktmacht ist ein weiterer Beweis dafür, dass Vielheit und Vielfalt im Literatur- und Kulturbereich schon lange unwichtig geworden sind. Wunderhorn ging es in der Vergangenheit und geht es immer noch so wie anderen Independent Verlagen auch: Unsere Autorinnen und Autoren, unsere Bücher werden ignoriert, sie existieren in diesen Systemen gar nicht."

Britta Jürgs, AvivA-Verlegerin und Vorsitzende der Kurt-Wolff-Stiftung

"Die zunehmende Konzentration im Buchhandel durch diese Vertriebsgemeinschaft betrachte ich mit Sorge. Unabhängige Verlage werden dort künftig noch weniger vertreten sein als bisher, die Bibliodiversität wird weiter eingeschränkt. Glücklicherweise gibt es sie ja, all die wunderbaren Buchhandlungen, die sich weiterhin für die Vielfalt und für die Programme unabhängiger Verlage einsetzen. In vielen von ihnen hängt gerade das Plakat mit dem Titel 'Klug, schön, unwiderstehlich' in mit Büchern von Independent-Verlagen geschmückten Schaufenstern. Wir brauchen nicht weniger Vielfalt, sondern mehr davon!"

Michael Zirn, Frech-Verleger

Michael Zirn, Frech-Verleger

Michael Zirn, Geschäftsführer des Frech Verlags und Sprecher der IG Ratgeber im Börsenverein 

„Ganz überraschend kam diese Nachricht nicht für mich, denn die Gerüchte haben sich doch über längere Zeit gehalten und die Pandemie-Situation hat für die Entscheidungsfindung dann wohl eher beschleunigend gewirkt. Wir versuchen uns schon immer vertrieblich breit aufzustellen  und sehen die Zukunft des Buchvertriebs in einer verträglichen Koexistenz von Filialisten, dem unabhängigen Sortiment, Versandhandel, Fachhandel und eigenen Vertriebsangeboten (Webshop). Alle haben ihre Stärken und Schwächen und kombinieren sich zu einem großartigen und breiten Angebot, das sogar die Corona-Krise in Summe bisher gut überstanden hat. Den Zusammenschluss von Thalia und Osiander zu kommentieren, ohne das Wort „Konzentration“ zu benutzen ist schlichtweg unmöglich. Natürlich entsteht hier ein sehr großer Player mit erheblicher Bedeutung, dem wir in unserer immer noch furchtbar kleinteilig strukturierten Verlagswelt kaum auf Augenhöhe begegnen können. Wir haben in der Vergangenheit sowohl mit Thalia als auch mit Osiander sehr gut zusammengearbeitet und durch gute Kundenbetreuung, passgenauen Service und maßgeschneiderte Konzepte immer wieder gelernt, dass es auch jenseits der Konditionsverhandlungen Themen gibt, über die man sich gut unterhalten kann. Und da hoffen wir, dass dies auch in der Zukunft so bleibt.“

Ursula v. Bestenbostel, Nordenham:

"Ich kann nur hoffen, dass es Verlage endlich über sich bringen und zusammenarbeiten, denn wenn sie sich noch 'bessere Konditionen' abpressen lassen, haben wir bald keine Preisbindung mehr."

Gerburg Schaller, Buchhandlung Gerburg Schaller, Hude

"Ich sehe auch die Verlage in erster Linie in der Verantwortung dem unabhängigen Buchhandel gegenüber. Um die Vielfalt der deutschen Buchbranche zu erhalten, muss die Buchpreisbindung gestützt und auf alle Fälle geschützt werden. Es kann nicht sein, dass diese Konzentration dazu führt, dass kleine und oder unabhängige Verlage und Buchhandlungen sich irgendwann diesem Diktat beugen müssen. Noch sehe ich den unabhängigen Buchhandel im Vorteil, da wir sehr flexibel und schnell agieren können, wie wir in Coronazeiten zeigen. Fusion ist für mich auch immer ein Verschließen der Augen vor der Wirklichkeit, wenn die Wirtschaftlichkeit zu Ende geht ..."

Für eine Stellungnahme angefragt sind

Bonnier Media Deutschland, die Holtzbrinck Buchverlage und S. Fischer sowie Hugendubel. Die Verlagsgruppe Penguin Random House Deutschland wollte sich nicht zur Partnerschaft äußern: "Wir kommentieren Aktivitäten unserer Handelspartner grundsätzlich nicht." Ebensowenig Weltbild. Man kommentiere Aktivitäten des Wettbewerbs grundsätzlich nicht.

Diese Umfrage wird fortlaufend ergänzt. Kommentieren Sie hier in unserer Kommentarspalte oder schreiben Sie uns eine Nachricht an boersenblatt@mvb-online.de, wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten.