Betty Boras | ANZEIGE

Das schönste aller Leben

29. Januar 2026
TONI HECHT

Wie tief wirken die Maßstäbe von Anpassung, Schönheit und "Richtigsein" in unser Leben hinein? Wie sehr prägen kulturelle Erwartungen unser Selbstbild, unsere Entscheidungen, unseren Blick in die Welt? In ihrem Romandebüt "Das schönste aller Leben" nähert sich Betty Boras diesen Fragen mit großer literarischer Kraft. Sie erzählt von zwei Frauen, deren Leben über Jahrhunderte hinweg miteinander verbunden sind: durch Herkunft, durch Familie und durch den Wunsch, ein eigenes, freies Leben zu führen. 

Ankommen um jeden Preis: Über den Kampf um Zugehörigkeit

Kurz nach dem Sturz der rumänischen Diktatur kommt Vio als Kind mit ihren Eltern aus dem Banat nach Deutschland. Ankommen bedeutet für sie vor allem eines: sich anpassen, nicht auffallen, besser sein als andere. Fleiß und Schönheit werden zur Währung, um in Schule, Studium und Gesellschaft zu bestehen. Vio findet ihren Platz in der neuen Heimat – und zahlt dafür einen Preis. Zurück bleibt eine leise, tiefsitzende Unsicherheit darüber, wer sie jenseits aller Anpassung eigentlich ist. Jahre später gerät dieses fragile Gleichgewicht ins Wanken, als ihre kleine Tochter bei einem Unfall Narben im Gesicht davonträgt. Vio droht an Schuldgefühlen zu zerbrechen und an der Angst, ihrem Kind nicht das "schönste aller Leben" ermöglichen zu können – ein Leben ohne sichtbare Makel, ein Leben als "schöne Frau".

Schönheit als Sünde: Wenn der eigene Körper zur Gefahr wird

Parallel dazu erzählt der Roman von Theresia, die im 18. Jahrhundert in einem kleinen österreichischen Dorf aufwächst. Ihr wird ihre Schönheit früh zum Verhängnis: Sie verliebt sich als junges Mädchen in den Pfarrer des Heimatdorfes und gerät ins Visier der Wiener Keuschheitskommission. Entrechtet wird sie in ein Arbeitslager ins Banat deportiert und bringt dort ein totes Kind zur Welt. Was beide Frauen verbindet, ist nicht nur ihre Heimat, das Banat. Es ist auch die Erfahrung, dass der weibliche Körper bewertet, moralisiert und instrumentalisiert wird – und es dennoch möglich ist, sich als Frau allen Widerständen zum Trotz ein gutes Leben zu erkämpfen. 

Foto Betty Boras

Betty Boras

Hohe Erzählkunst über Jahrhunderte hinweg

Betty Boras verwebt mit Leichtigkeit und sprachlichem Feingefühl drei verschiedene Zeitebenen – das Leben von Theresia, Vios Kindheit und ihr heutiges Leben. Mit zarten Strichen zeichnet sie intensive Bilder: Der Schutz einer alten Linde im rumänischen Heimatdorf, eine unerwartet freundliche Geste mitten in der Unmenschlichkeit des Arbeitslagers, ein Moment zarter Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter nach einem heftigen Streit. Über all das hinweg geht die Zeit – und doch bleibt vieles vom Erlebten über Generationen hinweg wirksam.

Was wir weitergeben, ohne es zu merken

Funktionieren müssen, keine Schwäche zeigen dürfen und vor allem: als Frau schön sein müssen – diese inneren Glaubenssätze werden von Generation zu Generation weitergegeben. Erst in einer Therapie beginnt Vio zu verstehen, dass die damit einhergehende innere Härte nicht nur "ihre" ist, sondern Teil eines über Generationen weitergegebenen Musters. Schritt für Schritt wird deutlich, dass heutige Frauengenerationen nicht frei sind von alten Strukturen. Und es besteht die Möglichkeit, sie zu erkennen und sich davon zu lösen.

Zwischen Herkunft und Neubeginn: Die Kraft der eigenen Geschichte

Boras’ eigene Biografie spiegelt sich in Vios Geschichte wider: Auch sie kam als Kind aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Erst als sie selbst Mutter wurde, erzählt sie, habe sie begriffen, wie groß der Unterschied ist zwischen dem Hineingeborenwerden in eine Kultur – und dem mühsamen Erlernen von Zugehörigkeit. Die persönliche Erfahrung verleiht dem Debüt eine besondere Dringlichkeit.

"Das schönste aller Leben" stellt unbequeme Fragen: Wie gelingt es, sich als Frau und Mutter von äußeren Maßstäben zu befreien? Woran können wir uns stattdessen orientieren? Einfache Antworten liefert "Das schönste aller Leben" nicht. Aber eines wird deutlich: Es ist immer wieder die Liebe, die Brücken baut, Zerwürfnisse befriedet und Wunden heilen lässt – zu uns selbst, zur Familie und zum Leben an sich.

Ein Roman, der Mut macht

"Das schönste aller Leben" ist ein Roman über das Weiterleben – über Generationen hinweg, über Grenzen hinweg und trotz aller Brüche. Ein eindringliches Debüt, das zeigt, wie Vergangenheit in uns fortwirkt – und wie es mit Mut gelingt, dennoch den eigenen Weg zu gehen.

 

Das schönste aller Leben
Betty Boras
22,00 € (DE)
ISBN 978-3-446-28451-7
240 Seiten
ET: 17.02.2026
hanserblau