Gottwalt Pankow antwortet auf Martina Bergmann

Der Mehrwert literarischen Erlebens

13. Februar 2026
Gottwalt Pankow

Unsere Kolumnistin Martina Bergmann hat in ihrer jüngsten Kolumne über einen Mangel geschrieben, den sie empfindet - ihr fehlt aktuell das literarische und überraschende Buch. Ihr antwortet der Hamburger Antiquar Gottwalt Pankow. Es sei die Liebe zur Literatur, die Schönheit der Sprache und die persönliche Beziehung zu Kund:innen, die Buchhandlungen und Antiquariate einzigartig machen, meint er.

Gottwalt Pankow

Gottwalt Pankow, Inhaber des Antiquariats Reinhold Pabel in Hamburg.

Etwas fehlt.

Auch mir: Das kaufmännische Gen. Ich habe keine Beziehung zur "Marktmacht", ich investiere nicht in "Marktrelevanz". Ich gehöre zu jenen kleinsten Börsenvereinsmitgliedern, die der große Chef von KNO / KV (später KNV) und Musikantiquar Jürgen Voerster aus Stuttgart besonders fürsorglich unter seine Fittiche nahm: Antiquariate mit schmalem Neubuchsortiment und Besorgungsgeschäft. Deren Fortune war ihm persönliche Besuche in engen, niedrigen Antiquariatsstuben wert.

Das aber ist es nicht, wovon Martina Bergmann spricht. Sie vermisst die Literatur, das überraschende Buch, die Schönheit der Sprache - Stichworte, die mir unseren Vorteil zu erkennen geben. Wir können uns von vornherein auf solche Desiderate beschränken. In unserem 78jährigen Antiquariat steht all das zur Verfügung – in bibliophilen Ausgaben dreier Jahrhunderte und in Editionen moderner Verlage, die sich - wieder verstärkt - um "das schöne, liebenswerte Buch" bemühen.

Das ist es, was fehlt: Das Angebot eines atmosphärischen "Gegenraumes", in dem der Antiquar - wie die Buchhändlerin - von ihrer eigenen "Geschichte" erzählen dürfen. Von den mit Andacht betrachteten Tierbüchern des Großvaters mit dem exotischen Molukkenkakadu und dem unbegreiflichen Schabrackentapir; von dem Studienrat Balkenhol, der den ergriffen lauschenden Terzianern Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte "Nachts schlafen die Ratten doch" vorlas - auf eine Weise, als müsse er sich von einer Bedrückung befreien; oder von der prägenden Begegnung mit Günter Eich, der im Bielefelder Studentenbunker am Ulmenwall aus dem Manuskript seiner noch unveröffentlichten, anarchisch anmutenden "Maulwürfe" vorlas…

Das macht den Mehrwert gegenüber Amazon aus. Es ist unsere Präsenz, unsere Authentizität. Wir sind als Buchhändlerinnen und Buchhändler, vom antiquarischen Fach kommende allemal, ein Teil des "Narrativs", in dem es zuletzt um den Menschen und sein Leben geht. Kann "Marktrelevanz" da noch eine Maxime sein?