Bezahlte Regalfläche

Diskreditiert Thalias China-Beispiel den Buchhandel?

25. September 2020
von Sabine van Endert

Buchhändlers Lieblinge oder verkaufter Regalplatz - Thalias Chinaregal hat für Diskussionen gesorgt. boersenblatt.net hat bei Klaus Kowalke (Lessing und Kompanie, Chemnitz), Martina Bergmann (Borgholzhausen) und Dieter Dausien (Buchladen am Freiheitsplatz, Hanau) nachgefragt, ob die China-Affäre für Irritationen bei den Kunden gesorgt hat und wie sie die Aktion des Filialisten einordnen.  

"In mehreren Filialen lässt sich Thalia dafür bezahlen, Bücher chinesischer Staatsverlage prominent auszustellen. Bücher mit dem Ziel, zu zeigen, 'dass der Marxismus funktioniert'". So leitet das ZDF seinen Beitrag zu Thalias Chinaregal ein. Auch wenn Thalia mittlerweile reagiert hat und Ausdrucke über den Regalen angebracht hat mit dem Hinweis "Kooperation mit CNPIEC – China National Publications" - manche vermuten, die Verunsicherung der Kunden sei nur noch mit bedingungsloser Transparenz aus dem Weg zu schaffen (siehe dazu den Beitrag von Wolfgang Tischer). Welche Buchtipps sind bezahlt? Wer bestückt die Regale? Wofür fließt Geld? Die Lage ist unübersichtlich. 

boersenblatt.net hat in drei Buchhandlungen nachgefragt, welche Auswirkungen Thalias China-Affäre auf ihr Geschäft hatte und wie sie die Aktion des Filialisten einordnen.  

"Wir mussten umständlich erklären, dass wir die Oberhoheit über unsere Regale haben"

"Die China-Aktion von Thalia stößt auch mir bitter auf", sagt Klaus Kowalke, Inhaber der Buchhandlung Lessing und Kompanie in Chemnitz. Propagandaschriften aus Diktaturen im Regal zu haben sei unverständlich, gleichwohl es sich vermutlich nicht um (bundesdeutsche-) verfassungsfeindliche Schriften handele, weshalb es auch keinen Grund zur Zensur geben dürfte. "Der bittere Geschmack rührt eher daher: Der geneigte Leser kann schwerlich zwischen Staatspropaganda und Literatur in dieser Darreichungsform unterscheiden", so Kowalke.

Auch in seiner Buchhandlung sei nach der intensiven Medienberichterstattung vom "Regal-Bezahl-System-Thalia" gesprochen worden. Kowalke: "Wir mussten den Kunden oft umständlich erklären, dass wir die Oberhoheit über unsere Regale und unser Sortiment haben." Allerdings hätten die Kunden nur die Berichterstattung wahrgenommen und die "chinesischen Regale" nicht durch eigene Anschauung bewertet.

Von Thalia wünscht der Chemnitzer Buchhändler sich "eine eindeutige Haltung zur Meinungsfreiheit, eine eindeutigere Haltung zu einer Diktatur". Aber dies wünsche er sich von der gesamten Branche.

Martina Bergmann

"Meine Kunden sind traurig, dass der Kartoffelmarkt in diesem Jahr ausfallen musste"

Martina Bergmann, Buchhändlerin und Autorin aus Borgholzhausen, hält die Regalpolitik von Thalia für nebensächlich - zumindest für ihre Kunden und ihr Geschäft. "Meine Kunden sind traurig, dass der Kartoffelmarkt in diesem Jahr ausfallen musste. Und sie regen sich (wie ich) darüber auf, dass Amazon gar nicht weit weg ein riesiges Logistik-Zentrum baut. Thalia ist kein Thema, mit gar nichts", sagt sie. Auch wie sie ihre Regale bestückt, wird selten thematisiert. Manchmal werde sie gefragt, was man tun müsse, "um hier eingekauft zu werden". Ihre Antwort: "Ein gutes Buch schreiben, das die Kunden und mich interessiert. Verfügbarkeit im Großhandel oder bei einer der gängigen Auslieferungen schadet auch nicht."

"Sofern die Kunden diese Praxis nicht auf unabhängige Buchhandlungen beziehen, könnte sie ein Pluspunkt für uns sein"

Natürlich bestehe die Gefahr, dass Kundinnen und Kunden denken, die Auswahl in Buchhandlungen sei nicht von den Buchhändler*innen kuratiert, sondern gekauft, meint Dieter Dausien, Buchladen am Freiheitsplatz in Hanau. "Diese Praxis ist zwar bei Filialisten gängig, aber weitgehend unbekannt", so Dausien. Ein Schaden muss die China-Affäre von Thalia für den unabhängigen Buchhandel seiner Meinung nach nicht sein, im Gegenteil: "Sofern die Kunden diese Praxis nicht auf unabhängige Buchhandlungen beziehen, könnte sie ein Pluspunkt für uns sein".

Wie sieht es bei Ihnen aus? Gibt es nach den China-Regalen bei Thalia in Ihrer Buchhandlung Gesprächsbedarf? Schreiben Sie uns!