Kolumne von Martina Bergmann

Nette Begegnungen in stinknormalen Buchhandlungen

11. November 2020
von Martina Bergmann

Martina Bergmann wird es mit ihren Kunden nicht langweilig. Und umgekehrt. Im Buchhandel könne man Geschichten erleben, die "bei allem Service und Geblink weder Amazon noch eins der Warenhäuser bieten", meint die Autorin und Buchhändlerin aus Borgholzhausen.

Martina Bergmann

Manchmal erreichen mich besorgte Zuschriften von Lesern dieser Kolumne. Ob ich womöglich die Kunden nicht mag? Oh, möchte ich rufen, und wie! Aber wir sind Ostwestfalen. Wir verfahren mit unseren Leidenschaften diskret. Dennoch handelt es sich um wahre Liebe. Anders ist nicht zu erklären, wie weit die Kund*innen mit mir gehen. Sie haben sich vielfältigste Experimente gefallen lassen: Zum Beispiel, dass ich überhaupt bei ihnen die Türen öffnete. Ich weiß, dass ich meine tiefen Schaufenster mit der Geschichte dekorierte, in Berlin sei das üblich. Das Haller Kreisblatt berichtete, und ich bekam drei Kissen geschenkt. Wenn schon im Fenster, dann bequem.

 

Nah an der Buchhändlerin

Die Kund*innen waren so freundlich, mit mir E-Books und großformatige Paperbacks kennenzulernen, Regionalkrimis, Vampire und die Shades of Grey. Manches hielt sich, anderes nicht. Zu letzterer Kategorie gehören Online-Shops. Ich weiß, es verdrießt die Freunde des Online-Shops, wie sehr ich mich ihrem Fetisch versperre. Aber einer der besseren Gestalter, die für diese Firma tätig waren, brachte es sehr schön auf Punkt. "So nah am Kunden sind die nicht." Er bezog die Nähe auf meine Interaktion in sozialen Netzwerken. Ich dachte still für mich: Nee. Aber wahrscheinlich sind auch nicht alle Kunden so nah an ihrer Buchhändlerin. Sie sind Follower in jedem Sinn.

Follower auf der Terrasse meiner Eltern

Letzte Woche telefonierte ich mit einer meiner Lieblingskundinnen (Abteilung: 90+). Verwandte von ihr hatten die Buchhandlungen einer Großstadt abgelaufen und überprüft, ob die "Martha" im Taschenbuch überall ausliegt. Sie waren mit dem Ergebnis zufrieden, was auch immer das heißt. Andere schickten Fotos von der schönen Auslage im Münchner "Eisele Verlag". Den gibt es wirklich, wie sie ermittelt haben. Es kam diesen Sommer auch das erste Mal vor, dass Follower sich auf die Terrasse meiner Eltern verirrten. Was soll ich sagen: Papa Bergmann war authentisch. Wie eigens bestellt, lief eine Kolonne Schützen vorbei, die wegen Corona nicht feiern durften, aber in der Landschaft paradierten. Nicht der Buchhändlerin wegen, aber da ist eine neue, gute Straße, auf der nur wenige Autos fahren.

Nette Begegnungen in stinknormalen Buchhandlungen

Ich weiß, dass diese Kolumne viele Personen lesen, die in Büros arbeiten. In Verlagen oder Auslieferungen oder Barsortimenten. Also in den Buchberufen, wo einem die Endverbraucher*innen nicht unmittelbar ins Haus laufen. Ich weiß auch, dass viele der Buchberufstätigen größere Teile ihrer Erträge und Einkommen mit Amazon und den Filialisten erzielen. Das stört mich, wie Sie wissen, echt kein bisschen.

Ich meine nur, Sie hätten in diesem öden November bestimmt ein paar nette Begegnungen, wenn Sie ausnahmsweise in so einen stinknormalen, unaufgeräumten Buchladen wie meinen gingen. Vermutlich begegnen Sie allem, was Sie nervt: Der Technik von vorgestern, der Verweigerung des einen (Online-Shop) und der Überakzentuierung des anderen (Herzblut). Möglicherweise müssen Sie warten. Es kann auch sein, dass Ihr Literaturbegriff sich von dem der handelnden Personen unterscheidet.

Trotzdem: Seien Sie so cool wie die Menschen in Borgholzhausen. Sie haben sich darauf eingelassen, dass die Buchhändlerin so ist wie sie ist. Und keinem von uns ist es damit je langweilig geworden. Ich verspreche Ihnen, im Buchhandel erleben Sie Geschichten, die Ihnen bei allem Service und Geblink weder Amazon noch eins der Warenhäuser bieten. Viel Spaß!