Safae el Khannoussi | ANZEIGE

Oroppa

22. Januar 2026
TONI HECHT

Welchen Einfluss hat politische Gewalt auf persönliche Lebensentwürfe? Wie setzen sich traumatische Erfahrungen über Grenzen und Zeiten fort?  Und wie kann aus erlittenem Schmerz eine neue Heimat entstehen? "Oroppa", das gefeierte Romandebüt von Safae el Khannoussi widmet sich zentralen Fragen unserer Zeit – und erscheint in Kürze bei Hanser. 

Eine Frau verschwindet. Ein Roman beginnt.

Er beginnt mit einem Verschwinden: Salomé Abergel, Jüdin, marokkanische Künstlerin, ehemalige politische Dissidentin, verschwindet aus ihrem Haus in Amsterdam – auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Was wie der Auftakt zu einem Kriminalroman anmutet, wird zu einer vielstimmigen, exzessiven Erzählung über Europa und seine verborgenen Geschichten. Ein loser Kreis von Außenseitern und Außenseiterinnen mit unterschiedlichsten Migrationsbiografien folgt Salomés Spur – von Amsterdam nach Paris, Tunis und Casablanca, und immer tiefer hinein in Fragen von Herkunft, Erinnerung und Sehnsucht.

Ein anderer Blick auf Europa

Der Titel des Romans "Oroppa", ist eine nordafrikanische Lautvariante von "Europa". Das Buch erzählt diesen Kontinent nicht nur aus der Perspektive seiner Zentren, sondern auch aus der derer, die ihn durchqueren, an seinen Rändern leben oder von ihm geformt wurden.

Ein Geflecht aus Stimmen und Zeiten

Safae el Khannoussi entwirft keinen linearen Plot, sondern ein literarisches Geflecht aus Stimmen, Zeiten und Perspektiven. Sehr nah kommt uns von Anfang an Hind el Arian, eine junge Frau, die sich in Amsterdam mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält und beauftragt wird, Salomés verlassenes Haus zu hüten – tastend, neugierig, selbst eine Figur zwischen Herkunft und Ankunft, zwischen Dazugehören und Fremdsein. Sie stößt in Salomés Haus auf verborgene, auch verstörende Räume – und in ihnen auf Spuren eines fremden Lebens.

Geschichten verschachteln sich, Figuren treten auf und verschwinden wieder, Orte erzählen von Hoffnung, Gewalt und Imagination. Europa ist hier kein administratives Projekt, sondern ein Ort der Erfahrung – als Kontinent der Durchreisenden, der Verletzten, der Suchenden.

Autorinnenfoto Safae el Khannoussi

Safae el Khannoussi 

Autorin mit politischer Tiefenschärfe

Safae el Khannoussi, 1994 in Tanger geboren und seit ihrer Kindheit in Amsterdam lebend, verbindet in ihrem Debüt literarische Kühnheit mit politischer Tiefenschärfe. Sie ist Schriftstellerin und Philosophin; Exil, Flucht und die paradoxe Existenz von Migrantinnen und Migranten stehen im Zentrum ihrer Arbeit. "Oroppa" erschien 2024 im niederländischen Original und wurde enthusiastisch gefeiert: Het Parool kürte es zum besten Buch des Jahres, de Volkskrant zeichnete El Khannoussi als literarisches Talent des Jahres 2025 aus. 2025 folgten mit dem Libris Literatuur Prijs und dem flämischen De Boon zwei der bedeutendsten Literaturauszeichnungen des niederländischsprachigen Raums.

Erzählerische Wucht eines Meisterwerks

Ihr Debüt wurde vielfach verglichen – mit der erzählerischen Wucht Salman Rushdies, der vielstimmigen Energie von Roberto Bolaños "Die wilden Detektive". Und es wird hoch gelobt: De Standaard nennt "Oroppa" ein "metafiktionales Meisterwerk", Boekblad ein "Wunderwerk von einem Roman – originell, ehrgeizig und beeindruckend, mit extravaganten Charakteren und atemberaubender Prosa".

Ein Buch, das Grenzen verschiebt

Tatsächlich ist "Oroppa" ein Roman, der Grenzen ins Wanken bringt – formal, geografisch, emotional. Es ist ein schwindelerregendes Buch, das auch bei uns Leserinnen und Leser in seinen Bann ziehen wird, Europa ganz neu erzählt und uns am Ende erfüllt, ermattet und zutiefst berührt zurücklässt.

 

Oroppa
Safae el Khannoussi
Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
26,00 € (DE)
ISBN 978-3-446-28474-6
352 Seiten
ET: 17.02.2026
Hanser