Corona-Viren kennen wir inzwischen. Aber es gibt auch virale Ideen, die zu Ideologien werden, weil ihre scheinmoralischen Rechtfertigungen akzeptiert werden. So konnten sich identitäre Ideologien von rechts und links ausbreiten. Für die einen ist die Volkszugehörigkeit der entscheidende Identitätsmarker, für die anderen die Zugehörigkeit zu einer wirklich oder scheinbar unterdrückten Gruppe.
Diese identitären Bewegungen verbreiten sich zu einem Zeitpunkt, an dem die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz in den westlichen Demokratien weitestgehend erreicht ist. Weil es dennoch Armut, Bildungsferne, Benachteiligung und Ausgrenzung gibt, genügt bestimmten Gruppierungen
bürgerliche Rechtsgleichheit nicht mehr, sie streben absolute Gleichheit an.
Doch Gerechtigkeit besteht nicht in Gleichheit. Wäre dem so, würden sich die Rechte eines Menschen daran bemessen, was andere haben. Die Gerechtigkeit der Menschen- und Bürgerrechte ist jedoch eine non-egalitäre Gerechtigkeit. »Ergebnisgleichheit« ist nicht zu erreichen, an »Chancengleichheit« aber muss in jeder Gesellschaft immer neu gearbeitet werden. Maßgeblich für solche »Gerechtigkeitsarbeit« war vor bald 2 000 Jahren schon Paulus. Bei ihm ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau; alle sind »einer in Christus Jesus« (Galater 3,28). Der Mensch ist universal und sollte nicht in einander bekämpfende Gruppen sortiert werden. Das hat immer schon die Welt verdunkelt.
Ulrich Störiko-Blume
Sie sagen, das Sternchen oder was auch immer stört Schönheit und Fluss der Sprache. Da stimme ich Ihnen voll zu. Aber offenbar ist derzeit vielen eine gerechte Sprache wichtiger als eine schöne. Und da können wir uns nicht anmaßen zu sagen: da liegt ihr falsch!
Das ist Zeitgeist, ja. Aber ist nicht alle Kultur Zeitgeist? Oder machen wir Verlage jetzt nur noch Ewigkeit?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich Binnnen-I oder Sternchen und Genderpausen mag, eher nicht. Aber ich glaube es bringt uns weiter, wenn wir uns darauf einlassen und versuchen, das zu verstehen und gemeinsame Lösungen finden.
"Das generische Maskulinum spricht alle Menschen gleichermaßen an." Stimmt nicht, ich finde es zum Haareraufen, wenn von "Erziehern" die Rede ist, wo doch bekanntlich 90 % der Betroffenen weiblich sind. Vermutlich meint die Autorin (oder soll ich sagen: der Autor?), gerade das zeige ja die Neutralität der maskulinen Form. Nach dieser Logik müsste man dann aber auch von "Krankenbrüdern" sprechen.
"Bloße Sprachvorschriften ändern die Wirklichkeit nicht." Hat das denn irgendwer behauptet? Dieser rhetorische Trick ist nun wirklich einer der abgegriffensten überhaupt: Die Intention dessen, was man widerlegen will, ins Abstruse zu überhöhen, um es dann abzuweisen. Kein vernünftiger Mensch würde behaupten, dass bloße Sprachvorschriften die Wirklichkeit ändern würden. Bei üblicherweise komplexen gesellschaftlichen Veränderungen gibt es natürlich nie den einen Wirkmechanismus. Auch Demonstrationen ändern die Wiklichkeit nicht. Manchmal ändern selbst Gesetze die Wirklichkeit nicht. All das und noch viel mehr sind Bausteine gesellschaftlicher Veränderungen. Sprache beinflusst das Bewusstsein und das ist es letztlich, worauf es ankommt und was reale Veränderungen hervorbringt.
Die gleiche "Logik" schlägt übrigens auch bei der Klimadiskussion zu, wo jeder Teil der zum CO²-Ausstoß beiträgt, meint, sein Bereich mache doch nunr einen so kleinen Teil aus. Es gibt eben nicht die eine Lösung, sondern immer nur ein Zusammenspiel vieler Faktoren.
Ärgerlich finde ich auch den Begriff "Sprachvorschriften". Es geht nicht um Vorschriften, sondern erstmal um ein Experimentieren, um ein Spielen mit der Sprache, ums Ausprobieren, wie man diskriminierungsfrei sprechen kann.
Mein Fazit: Veränderung ist meistens erstmal unpraktisch, aber nichts desto weniger notwendig.