Podcast "Kinderbuchpraxis"

Eventisierung des Buchhandels: zwischen Leidenschaft und Umsatz

10. April 2026
Redaktion Börsenblatt

In der aktuellen Folge des Podcasts "Kinderbuchpraxis" gibt die Nürnberger Buchhändlerin Doris Müller-Höreth Einblicke in die Realität der Leseförderung. Sie spricht über den messbaren Erfolg von Illustrations-Fokuswochen, die Organisation von Leseclubs und die Gefahr, dass Events das Kerngeschäft schwächen.

Mr. Ralf, Doris Müller-Höreth und Dr. Stefan in Leipzig

Schnappschuss: Mr. Ralf, Doris Müller-Höreth und Dr. Stefan auf der Leipziger Buchmesse

Buchmessetrubel und Praxis-Einblick

Auf der Leipziger Buchmesse haben Dr. Stefan und Mr. Ralf mit Doris Müller-Höreth gesprochen, Inhaberin der Buchhandlung Pelzner in Nürnberg. Dabei gibt es handfeste Einblicke in die Arbeit einer engagierten Sortimenterin. Anlass der Leipzigreise war für Müller-Höreth auch der Deutsche Buchhandlungspreis, zu dessen Verleihung die Preisträger:innen, wie berichtet, kurzerhand per E-Mail ausgeladen wurden – eine scharfe Reaktion auf die Kritik an der Einmischung des Kulturstaatsministers Weimer in die Juryarbeit. Gefeiert werde trotzdem, betonte Müller-Höreth.

Leseclubs als fester Bestandteil der Community

Müller-Höreth reist nicht allein, sondern mit einem Bus voller Kunden nach Leipzig. Im Zentrum ihres Engagements stehen zwei Leseclubs. Ein Jugendleseclub, der in Kooperation mit einem Gymnasium wöchentlich tagt, fährt bereits zum dritten Mal zur Messe und produziert sogar einen eigenen kleinen Podcast mit Autoreninterviews.

Der Erwachsenenleseclub, vor 16 Jahren gegründet und inzwischen auf 25 Mitglieder angewachsen, arbeitet "sehr autonom". Die Gruppe wählt ihre Lektüre selbst, was für die Buchhändlerin lehrreich ist: "Ich habe da schon sehr, sehr oft Bücher lesen müssen, die ich niemals freiwillig gelesen hätte, aber in den allermeisten Fällen mit viel Genuss und ich habe auch viel daraus gelernt, etwa andere Perspektiven anzunehmen."

Am besten verkauft ein Buchhändler immer, was er liebt.

Doris Müller-Höreth

Der "Illustrator des Jahres": Leidenschaft mit messbarem Erfolg

Ein Kernprojekt der Buchhandlung ist die jährliche Fokussierung auf eine Bilderbuchkünstlerin oder einen -künstler. Ziel ist es dabei, Illustrationskunst und deren Stilrichtungen für das Publikum sichtbar zu machen. In der 90-Quadratmeter-Buchhandlung wird dafür im Februar eine ganze Wand für eine Ausstellung freigeräumt, ergänzt durch Workshops und Schulbesuche.

Auf die Frage nach der Wirtschaftlichkeit liefert Müller-Höreth eine konkrete Zahl: Im Jahr von Katja Gehrmann als "Künstlerin des Jahres" setzte die Buchhandlung allein mit deren Titeln 3.600 Euro um. Aktuell steht Alexander Steffensmeier ("Lieselotte") im Fokus.

Kuratierte Auswahl: Vom Bilderbuch-Abo zum Sortiments-Credo

Ein weiteres Projekt ist das "Bilderbuch-Abo", bei dem Kunden für 240 Euro 12 von Müller-Höreth ausgewählte Bilderbücher pro Jahr erhalten. Obwohl mit aktuell sechs Abonnenten "noch ein bisschen Luft nach oben" sei, stärke die Aktion das kuratierte Profil der Buchhandlung.

Dieses Profil sei entscheidend, so Müller-Höreth: Am besten verkaufe ein Buchhändler, "was er liebt". Man könne anspruchsvolle Titel verkaufen, "weil wir sie einfach lieben". Das gelte für Belletristik abseits der Bestsellerlisten ebenso wie für Fantasy. Für das populäre Romance-Genre fehle im Team hingegen aktuell die Leidenschaft. Die Konsequenz: "Die Zielgruppe kauft oft direkt, die kommt nicht in unseren Laden."

Die Gratwanderung der "Eventkultur"

Abschließend analysiert Müller-Höreth die "Eventkultur" im Buchhandel als "schmalen Grat". Einerseits binden Veranstaltungen Kunden und generieren punktuell hohe Umsätze. Andererseits besteht die Gefahr, das Tagesgeschäft zu kannibalisieren: "Uns fehlt dann eigentlich das Geld, das wir bräuchten, um neue Bücher einzukaufen." Während Spontankäufe abnehmen, werde es für Buchhandlungen überlebenswichtig, durch ein klares Profil und gezielte Angebote für junge Familien relevant zu bleiben.

Über die Kinderbuchpraxis

Der Fachpodcast für Kinderbuch und Jugendbuch! In der Kinderbuchpraxis werden alle Themen rund um Kinder- und Jugendbücher behandelt. Bekannte Autor:innen, Illustrator:innen oder Verleger:innen und viele weitere spannende Gäste kommen in die Praxis zu Mr. Ralf (Ralf Schweikart) und Dr. Stefan (Stefan Hauck). Mehr als 100 Folgen sind bereits online! Das ungleiche Duo rückt schon mal aus zum Hausbesuch. Zweimal im Monat erscheint eine neue Folge - am zweiten und am vierten Freitag. 

Die Kinderbuchpraxis freut sich über Bewertungen im Podcast-Player und Ihre Weiterempfehulung!
Kontakt: kinderbuchpraxis@mvb-online.de