Kolumne von Martina Bergmann

Die, die man nicht mehr sieht

25. Februar 2021
von Börsenblatt

Martina Bergmann möchte ihre Kund*innen nicht länger an der Tür abfertigen, als seien sie nicht willkommen. Sie möchte ihre buchhändlerischen Dienste wieder in den Dienst der Allgemeinheit stellen können. "Seien wir politisch über unser Portemonnaie hinaus", fordert die Buchhändlerin und Autorin aus Borgholzhausen. 

Martina Bergmann

Ich habe gar nicht so wenige Kund*innen. Es ist wirtschaftlich ungefährlich, wofür ich jeder einzelnen Person sehr dankbar bin, die bei mir Bücher kauft. Aber ich muss sie an der Tür abfertigen, als seien sie nicht willkommen. Das ist psychologisch undankbar. Noch dazu sind es oft Menschen, die nicht so viele haben außer mir. Und ich lasse sie draußen warten. Warum? Dass dieser Lockdown nicht auf einmal enden kann, leuchtet mir ein. Dass größere Zusammenkünfte absehbar unmöglich bleiben - akzeptiert. Dass aber die Kund*innen draußen abgefertigt werden müssen, finde ich schlecht. 

Das zu reparieren wird eine Generation oder länger dauern. 

Ich würde sagen, die Infektionsgefahr wird dadurch nicht größer, dass einzelne Personen mit einer medizinischen Maske nacheinander ins Geschäft kommen. Ich würde diese Kulanz sogar erwarten nach einem Jahr meines Entgegenkommens. Weder gegen die Schließungen habe ich protestiert noch Widerstand geleistet gegen die Beschränkung meiner Freiheit. Noch immer bin ich halbwegs einverstanden mit den großen Linien der Regierung. Aber ich möchte inzwischen auch sagen, Corona ist bestimmt gefährlich. Was aber sozial verschleißt: Das zu reparieren wird eine Generation und länger dauern.

Ist das überhaupt noch Politik? Oder Stillstand?

Geld sind Zahlen; das ist inzwischen halbwegs ordentlich geregelt. Aber dass eine Gesellschaft aus mehr besteht als Geld, gehört zu der Vereinbarung, die ich als Unternehmerin mit den politischen Entscheidungsträgern eingegangen bin. Es mag wohl sein, dass ich selbst dadurch komme. Siehe oben, die Kund*innen und ich - eine Leidenschaft auf Gegenseitigkeit. Aber es gibt so viele, denen es schlechter geht. Die sind alt oder einsam oder haben eine schwierige Seele. Ich habe auch Kund*innen, die erst fünf Jahre in Deutschland sind. Die kommen alle kaum noch vor!

Wenn Politik sich gerade damit bescheidet, zu diskutieren, ob ich an der Türe Bares oder eine Karte nehmen, ob und wann vielleicht einzelne Personen auf Termin eine Buchhandlung betreten dürfen: Ist das überhaupt noch Politik? Oder Stillstand? Und was heißt das für alles, was ich, neben Steuern, geben soll? Die Praktikumsstellen, die Spenden, die Leseförderung. Anwesenheit bei der Kirmes das ganze Wochenende lang, meine Fenster für Plakate, auch meine Prominenz. Politiker*innen stellen sich gern ins Bild mit mir, mit Urkunden und Schleifchen. Sie loben mich sogar. Aber will ich das noch?

Wir sind die Agenten von Kultur und Meinungen

Buchhandlungen waren vom Staat schon weniger abhängig als heute, und ich meine das nicht vom Geld her. Die Geschichte des Buchhandels in seinen eigenen Formen ist älter als Deutschland in seiner derzeitigen Gestalt und allerlei anderen, vorherigen Verfassungsformen. Wir sind institutionell organisiert seit beinahe 200 Jahren, und wir hatten schon mehr Öffentlichkeit für uns allein. Die Geschichte des Buchhandels, auch des Börsenvereins und von allem, was dazu gehört: Das ist eine reiche Tradition, die man nicht reduzieren kann auf Groß- und Einzelhandel, auf Verkaufszeiten und Ladenschließungen. Wir sind, neben einem Zweig der Volkswirtschaft, auch die Agenten von Kultur und Meinungen. 

Wir müssen unsere gewachsenen Rechte wieder stärker in den Dienst des Allgemeinen stellen.

Wir haben Vergünstigungen für dieses Mehr, das wir erbringen: Die Buchpreisbindung, den reduzierten Mehrwertsteuersatz, Preise und Subventionen. Ich glaube, es ist höchste Zeit, dies nicht mehr nur anzunehmen wie hoheitliche Zugeständnisse. Wir müssen unsere gewachsenen Rechte wieder stärker in den Dienst des Allgemeinen stellen. Sprechen wir bitte für die einsamen Menschen, die man kaum noch sieht. Für diejenigen, denen Corona auf die Seele schlägt, für die Kinder und, besonders, für die vielen, die sich weiter integrieren möchten.

Kürzer: Seien wir politisch über unser Portemonnaie hinaus; machen wir unseren Verdruss noch deutlicher. Sprechen wir über die sehr geringe Kulanz, wie wir sie selbst erfahren. Aber benennen wir vor allem immer neu den Frevel an den Schwächsten der Gesellschaft.