Ein guter Text: Was ist damit eigentlich gemeint? Für mich ist es ein Text, der die Stimme des Autors/der Autorin respektiert und zugleich die Kinder und Jugendlichen erreicht. Ein Text, der gern gelesen wird und Lust auf mehr macht. Bei der direkten Arbeit am Manuskript kann die Lektorin, der Lektor schon im Exposé-Stadium wertvolle Hinweise geben. Einerseits ist die Marktkenntnis unverzichtbar. Welche Autorin, welcher Autor möchte schon einen Plot schreiben, den es vergleichbar bereits gibt oder der an den Bedürfnissen der Zielgruppe vorbeigeht? Auf der anderen Seite fallen in diesem Stadium vielleicht bereits inhaltliche Aspekte auf, die Fragen aufwerfen. Dabei behält eine gute Lektorin/ein guter Lektor immer im Blick, dass manchen Urheber:innen das Exposé schreiben mehr liegt als anderen. Wer hier abstrahieren oder auf Erfahrungen zurückgreifen kann, weiß, welche Anmerkungen bzw. Fragen sinnvoll sind, oder wo man sich lieber zurückhält.
Wenn es dann an die konkrete Textarbeit geht, besitzt die Lektorin, der Lektor das Handwerkszeug, um aus dem Text gemeinsam mit der Autorin/dem Autor das Kunstwerk herauszuarbeiten, das in ihm schlummert. Immer natürlich mit dem größten Respekt vor der Stimme des Autors, der Autorin.
Ob es darum geht, pointierter einzusteigen, eine Figur etwas später einzuführen, Handlungsstränge wegzulassen, um die Haupthandlung zu stärken, oder darum, ein überzeugendes Ende zu finden, überall hier können Lektor:innen unterstützen. Beim Feinlektorat gibt es unzählige Möglichkeiten, die Lektor:innen haben, um im Dialog mit den Urheber:innen am Text zu feilen. Sie unterhalten sich über die emotionale Ausgestaltung der Figuren und über die Beziehungen zwischen den Figuren. Sie überlegen gemeinsam, wie man, je nach Genre, die Spannung erhöhen oder den Humor herauskitzeln kann. Es geht um Fragen der Logik, mögliche Widersprüche, die Kapitellängen, natürlich um die sprachliche Genauigkeit und last but not least die Rechtschreibung.
Aktuell ist es jeder Lektorin/jedem Lektor ein Anliegen, die abnehmende Lesekompetenz zu berücksichtigen. Wie stark sollten Bilder das Leseerlebnis erleichtern, welcher Umfang ist für welche Zielgruppe der richtige, wie komplex darf die Satzstruktur sein und wie anspruchsvoll die Wortwahl?
Bücher sind immer noch Orte, an denen Kinder ihren Wortschatz erweitern, ihre Fantasie füttern und eine Vorstellung von der Welt bekommen. Lektor:innen machen die Bücher so zugänglich, wie sie sein sollten, um den Kindern und Jugendlichen von heute Lust darauf zu machen, ein Buch in die Hand zu nehmen und tatsächlich auch dranzubleiben, statt es frustriert nach einigen Seiten zur Seite zu legen. Thienemann ist traditionell ein Autor:innenverlag, viele bekannte deutschsprachige Kinder- und Jugendbuchautor:innen wurden hier konsequent aufgebaut. Deswegen ist die Qualität unseres Lektorats für uns ein wichtiges Argument, wenn wir um eine Autorin oder einen Autor werben."