Internationale Jugendbuchmesse

Endlich wieder Bologna!

23. März 2022
von Stefan Hauck

Die Stimmung auf der Internationalen Jugendbuchmesse ist gut. Neben tollen Buchprojekten sind aber auch hier Papiermangel und der Krieg in der Ukraine beherrschende Themen.

Postitive Stimmung: Die Messe ist gut besucht.

Green-Pass-Check, Maskenpflicht und Plexiglasscheiben an den Verlagstischen: „Anfangs ist es noch ein bisschen fremd, aber doch unverkennbar Bologna“, findet Bastei Lübbe Jugendbuch-Chef Matthias Siebel, Carlsen-Verlegerin Renate Herre spricht von „der neuen Normalität, in der man sich mit dem Gegenüber auf einen passenden Umgang miteinander einigt“, und NordSüd-Verleger Herwig Bitsche freut sich, dass er wieder „in den Messe-Flow kommt und die so vermissten vertrauten Gespräche endlich stattfinden“. Nach drei Jahren Abstinenz kommt die Jugendbuchbranche wieder in Bologna zusammen; die deutschsprachigen Verlage sind diesmal in Halle 29 statt der traditionellen 30 vertreten.

Verlage wie Ravensburger, Loewe, Carlsen, Tessloff und auch Magellan sind mit einem eigenen Stand vertreten – „entweder richtig oder gar nicht“ findet Magellan-Verleger Ralf Rebscher. Der Schweizer, der österreichische und der deutsche Gemeinschaftsstand sind so ansehnlich gewachsen, dass hier jeder jeden sieht und ein fröhliches Dauer-Hallo im Raum schwebt. Bräuchte man ein Bild für Paul Watzlawicks „Man kann nicht nicht kommunizieren“: Hier ist es. „Das hat was, man spürt die positive Stimmung, eine richtig schöne Messe“, meinen unisono Literaturagentin Paula Peretti und Coppenrath-Verleger Lambert Scheer, der nächstes Jahr trotzdem wieder einen eigenen Stand möchte. Aber nicht wenige überlegen, ob man nicht doch etwas von diesem lebendigen Miteinander mitnehmen und als Mischform etablieren könnte.

Unzählige Ideen zum Thema Ukraine

Rund 950 Aussteller aus 85 Ländern und Regionen sind auf der Fiera del Libro per ragazzi in Bologna, "viel mehr, als wir erwartet haben", gibt Messechefin Elena Pasoli offen zu. „Alle Kontinente sind vertreten. Aber schweren Herzens müssen wir die Abwesenheit der ukrainischen und russischen Verlage hinnehmen." Der leere Ukraine-Stand in Halle 26 macht betroffen, gleich im Eingangsbereich werden ukrainische Kinderbücher präsentiert und an jedem zweiten Stand sind blau-gelbe Farben zu sehen. Auch bei den deutschsprachigen Verlagen wird in unzähligen Gesprächen überlegt, was man tun kann – welche ukrainischen Verlagshäuser noch stehen, ob gedruckte Auflagen gerettet werden konnten, all das ist ungewiss. „Fünf unserer Partnerverlage sind in Charkiw, das verstärkt von Luftangriffen betroffen ist“ sagt Ralf Rebscher.

Leerer Messestand der ukrainischen Verlage: Der Krieg dort ist auch in Bologna ein zentrales Thema.

Als Kulturbranche können wir viel dafür tun, um die ukrainischen Kinderbuchverlage, die gerade um ihr Überleben kämpfen, für den Wiederbeginn zu unterstützen“, formuliert Gerstenberg-Geschäftsführerin Daniela Filthaut. „Jeder kann seinen Teil dazu beitragen und Bologna ist genau der richtige Ort, um dafür zu netzwerken.“ Andere wie Moritz-Verleger Markus Weber loten aus, wie man ukrainische Kinderbücher in Lizenz drucken und geflüchteten Kindern in Deutschland zukommen lassen kann. Wieder andere wie Rebscher wollen für sie rasch „100 erste Wörter“-Bilderbücher auf Ukrainisch-Deutsch drucken: „Entscheidend ist: Was können wir jetzt tun – und nicht erst in einem halben Jahr!“

Dilemma durch die Preissteigerungen

Womit wir bei einem weiteren Bologna-Gesprächsthema wären: Der Papiermangel macht viele Pläne zunichte und erfordert permanentes kreatives Alternativ-Management. Die Corona-Krise hätten die Jugendbuchverlage relativ gut gestemmt, „jetzt stehen wir vor einer Spirale mit reißenden Lieferketten, steigenden Energiekosten und Papierpreisen, die wie an der Börse mit Tagespreisen gehandelt werden“, resümiert Daniela Filthaut. Das führt zum Beispiel dazu, dass der Erlös eines Pappbilderbuchs trotz höherer Preise inzwischen halbiert ist.

In allen Bereichen des Verlagswesens hat der Anstieg der Papierkosten solche Ausmaße angenommen, dass alle Gewinnspannen ausgehöhlt werden.

Emanuele Bona, Vorsitzender der Federazione Carta Grafica

„In allen Bereichen des Verlagswesens hat der Anstieg der Papierkosten solche Ausmaße angenommen, dass alle Gewinnspannen ausgehöhlt werden, da es offensichtlich schwierig ist, diese Preiserhöhungen nachgelagert weiterzugeben", klagt auch Emanuele Bona, Vorsitzender der Federazione Carta Grafica, und es kommt noch ein weiteres Folgeproblem in Italien dazu. „Bei den Bildungsverlagen, die gesetzlichen Kostenobergrenzen unterliegen, sind Preissteigerungen gar nicht möglich“, erläutert Ricardo Franco Levi, Vorsitzender des Verlegerverbands AIE. "Zu den Preissteigerungen, die auf die Gewinnspannen aller Verlage drücken, kommen Lieferschwierigkeiten hinzu, die die Planung der Produktion und die rechtzeitige Verteilung noch schwieriger machen. Wiederum mit besonderem Augenmerk auf die Schulbuchverlage, die sich verpflichtet haben, Schulen und Familien die Verfügbarkeit von Schulbüchern innerhalb der mit dem Schuljahreskalender verbundenen Fristen zu garantieren."

Die Situation wird durch den Ukraine-Krieg weiter verschärft: fehlender Holz- und Papiernachschub aus Belarus und Russland, der aktuelle Wegfall ukrainischer und russischer Kinderbuchverlage als Handelspartner, Lizenzeinnahmen, die durch den nicht mehr funktionierenden Zahlungsverkehr ausfallen usw. Das betrifft alle international agierenden Verlage in Bologna.

Der italienische Buchmarkt wächst

Im Gegensatz zu den anderen Hallen herrscht in italienischen oft munteres Gedränge, bei Fachpublikumslieblingen wie Orecchio Acerbo bilden sich Menschentrauben um den Verlagsstand wie vor der Pandemie, man lacht, scherzt, entdeckt, was an den zugegebenermaßen besonderen Büchern liegt, die hier publiziert werden. Dem italienischen Buchmarkt als viertgrößtem in Europa geht es gut: 2021 wurden 85.551 Novitäten gedruckt, mit Wachstum in allen Genres, insbesondere im boomenden Comicsegment, das umsatzmäßig um 37,2% gewachsen ist. Im Vergleich zum Vorjahr ist 2021 die Zahl der verkauften Comicexemplare von 4,7 auf 11 Millionen gestiegen, was ein Plus von 134 % gegenüber 2020 bedeutet. Dann folgen die ausländische Belletristik mit 9,2 Millionen verkauften Exemplaren (plus 15% gegenüber 2020) und die Titel für Kinder von 0 bis 5 Jahren mit 8,5 Millionen verkauften Exemplaren (plus 23%).

Der Markt für Kinder- und Jugendbücher wächst wieder und hat 2021 einen Umsatz von 286,6 Millionen Euro erreicht (plus 19,3 % gegenüber dem Vorjahr), mengenmäßig mit 24 Millionen verkauften Exemplaren, das sind 18,2% mehr als 2020. In der Altersgruppe der 0- bis 14-Jährigen sind 77 % der Bevölkerung Leser:innen, gegenüber 61 % der erwachsenen Bevölkerung (Personen über 14 Jahre, Daten für 2020) - das geht aus der vergangene Woche vorgestellten Studie „Kinder und Jugendliche zwischen Büchern, Apps und Podcasts Covid-19-Jahr“ hervor, die von der Marktforschung des italienischen Verlegerverbands in Zusammenarbeit mit Pepe Research und der Jugendbuchmesse Bologna erhoben hat.

Worauf sich viele italienische Kinderbuchverlage jetzt schon freuen: Sie sind Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2024 – „eine einmalige Gelegenheit, die internationale Ausstrahlung unserer Verlagsbranche weiter zu stärken und die historischen kulturellen Bindungen, die uns mit der deutschen Welt verbinden, zu festigen“, meint Ricardo Franco Levi, der vom Ministerrat zum außerordentlichen Regierungsbeauftragten für die Koordinierung der Aktivitäten ernannt worden ist. Sein Ziel: In den nächsten drei Jahren „nicht nur Bücher, sondern die gesamte italienische Kultur und Kreativität in den Mittelpunkt der europäischen und weltweiten Aufmerksamkeit rücken".

Zwei Deutsche Verlagsstände in Bologna

Magellan-Stand

Tessloff-Stand